Schweiz
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«Vleisch»: Wie ein Zürcher Startup im Milliardengeschäft der Fleischalternativen mitmischt

Gabriela Jordan / ch media



Wer statt einer Bratwurst ein Vegiplätzli aus Soja oder Quorn auf den Grill legt, galt vor ein paar Jahren noch als Exot. Heute ist die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten ein Milliardengeschäft. Neben hippen Start-ups setzen vermehrt auch Lebensmittelgiganten wie Nestlé und Unilever auf pflanzliche Alternativen.

Am meisten Aufmerksamkeit erhielt deren neuer Burger aus Soja, Weizen und Pflanzenöl, der gleichzeitig wie Rindfleisch schmecken soll: Nestlé lancierte im September den Incredible Burger, Unilever in Zusammenarbeit mit Burger King vor kurzem den Rebel Whopper. McDonalds startete im vergangenen April den Verkauf seines «Big Vegan» Burgers.

Das Produkt des Start-ups Planted besteht hauptsächlich aus Erbsen und soll dem tierischen Poulet sehr nahe kommen.

Die Konzerne bringen damit das amerikanische Start-up Beyond Meat unter Druck, das mit dem Beyond Burger den ersten fleischlosen, aber nach Fleisch schmeckenden Burger aus Erbsenproteinen auf den Markt brachte. Um das Unternehmen, zu dessen illustren Investoren Bill Gates und Leonardo DiCaprio gehören, war in den USA ein regelrechter Hype entbrannt. Nach einem Traumstart an der Börse verliert das Unternehmen nun aber an Wert.

Start-up-Gründer seien «keine Weltverbesserer»

Inmitten dieser Multis und Grossinvestoren ist das Start-up der ETH Zürich Planted, das ebenfalls in dem wachsenden Markt mitmischen will. Es stellt «planted.chicken» her, ein Produkt aus Erbsenprotein, Erbsenfaser, Sonnenblumenöl und Wasser, das dem herkömmlichen Pouletgeschmack nahekommen soll.

Seit Juni beliefert das Start-up damit mehrere Restaurants in der Schweiz, nächstes Jahr wird das Produkt in die Regale eines Schweizer Grossverteilers aufgenommen. Insgesamt konnte Planted bisher sieben Millionen Franken an Investorengeldern sammeln.

Drei der vier Gründer des Zürcher Start-Ups.

Beim Besuch der vier Gründer in Zürich glaubt man zeitweise gar nicht, dass es bei ihrem Produkt im Grunde ums Essen geht. Statt von Gerichten sprechen sie von Applikationen, statt von Zutaten von Elementen. «Wir nähern uns schrittweise dem normalen Poulet immer mehr an, wobei wir unser Produkt ständig updaten, wie eine Softwarefirma», sagt Christoph Jenny, der an der Universität Zürich Quantitative Finance studiert hat und nun unter anderem für Investitionen zuständig ist.

«Unser jetziges Ziel ist, das Poulet 2.0 zu entwickeln. Dabei wollen wir einen noch authentischeren Biss erreichen und Schweizer Rapsöl statt Sonnenblumenöl verwenden.» Mit ihm im Boot sind Ökonom Pascal Bieri und die Lebensmittelingenieure Lukas Böni und Eric Stirnemann.

Die vier, die alle knapp über 30 Jahre alt sind, bezeichnen sich nicht als dogmatische Weltverbesserer, die ein Steak auf dem Teller per se verpönen. Stattdessen verweisen sie nüchtern auf die negativen Folgen des global wachsenden Fleischkonsums sowie das Tierleid.

«Bald werden 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben, die ernährt werden müssen. Weil Fleisch extrem umweltbelastend ist, braucht es Alternativen», sagt Lukas Böni. «Und weil Poulet in der Schweiz besonders beliebt ist, haben wir uns zunächst für dieses Ersatzprodukt entschieden.»

Vegi-Gastronom Hiltl steigt als Investor ein

Der Konsum von Fleisch pro Kopf ist in der Schweiz im Vergleich zu 2010 um 7 Prozent auf rund 218'000 Tonnen zurückgegangen. Der Verzehr von Poulet ist laut dem Bundesamt für Landwirtschaft jedoch leicht gestiegen. Global nahm die Fleischproduktion in den letzten Jahren ungebrochen zu. Seit 1965 hat sie sich von damals 84 Millionen Tonnen auf heute 335 Millionen Tonnen fast vervierfacht. Bis 2050 rechnet die Welternährungsorganisation der UNO mit einer Zunahme auf 455 Millionen Tonnen.

Die Vision der Planted-Gründer ist daher, besser, günstiger und gesünder als das tierische Pendant zu sein, sodass sich der Konsument nicht bloss aus Umweltgründen dafür entscheidet. Derzeit kostet eine 400g Packung planted.chicken 19.50 Franken und ist etwas teurer als Schweizer Freilandpoulet.

«Der Verzicht auf Produkte, die uns schmecken und die wir mit Traditionen verbinden, fällt uns sehr schwer. Gute Alternativen machen es einfacher.»

Doch weshalb braucht es überhaupt eine Fleischimitation? Leute, die kein Fleisch essen wollen, können doch auf zahlreiche andere Produkte zurückgreifen? Bei dieser Frage räuspert sich Rolf Hiltl, der ebenfalls am Gespräch beteiligt ist. Dies aus einfachem Grund: Der Vegi-Gastronom hat sich am Start-up als Investor beteiligt und die Planted-Produkte in sein Sortiment aufgenommen. Darüber hinaus entwickelt er damit an seiner Kochschule Hiltl Akademie Rezepte und wird Teil des Verwaltungsrats.

«Tradition ist für die Menschen sehr wichtig. Das gilt auch für das Kulinarische», sagt er. «Die Schweiz ist historisch ein Milch-, Käse- und Fleischland – am 1. August beispielsweise grilliert man seine Cervelatwurst. Der Verzicht auf Produkte, die uns schmecken und die wir mit Traditionen verbinden, fällt uns sehr schwer. Gute Alternativen machen es einfacher.»

Christoph Jenny ergänzt: «Für uns ist es deshalb von Vorteil, wenn andere Unternehmen wie Impossible Foods und Beyond Burger den Markt vorbereiten und Fleischersatzprodukte bekannt machen. Die einzige Gefahr ist, wenn Leute damit schlechte Erfahrungen machen und dem Ganzen keine zweite Chance geben.»

Laut Rolf Hiltl, der seine Laufbahn mit einer Kochlehre gestartet hat, verhält sich planted.chicken punkto Zubereitung, Geschmack und Nährstoffe ähnlich wie das normale Poulet. Auch die Gründer sind mit ihrem Produkt zufrieden. Dennoch mimen sie nicht die Verkäufer, sondern kritisieren manche «Applikationen»: «Mit Weisswein passt es zum Beispiel gar nicht», sagt Lukas Böni. «Die Erbsenfasern saugen mehr Flüssigkeit als Fleisch auf. Bei Currysaucen ist das sehr lecker, bei Weisswein aber weniger.»

ETH-Studenten helfen durch Handarbeit mit

Für die Herstellung des Erbsenpoulets braucht es heute noch einige Handarbeit – von ETH-Studenten, die sich während ihrer Vorlesungspausen etwas dazuverdienen wollen. Das Team arbeitet derzeit an der Automation vieler Produktionsschritte, die 2020 im ehemaligen Maggi-Areal im Kemptthal zum Tragen kommen werden. Das Start-up wird dort in grössere Räume einziehen. Das Firmengelände zwischen Winterthur und Zürich soll unter dem Namen «The Valley» wiederbelebt werden und bis zu 2000 Arbeitsplätze beherbergen.

Coop und Migros investieren in Zuchtfleisch aus dem Labor

Zahlreiche pflanzliche Fleischersatzprodukte sind heute bereits auf dem Markt. Gleichzeitig forschen mehrere Unternehmen weltweit an sogenanntem kultiviertem oder In-vitro-Fleisch. Dabei werden tierische Stammzellen im Labor gezüchtet, wodurch Fleisch ­weniger umweltbelastend und ohne Tierleid hergestellt werden kann. Aus Sicht der Unternehmen ist dies die einzige Fleischalternative, die das Potenzial hat, auch Nicht-Vegetarier geschmacklich zu befriedigen.

Auch die beiden Grossverteiler Migros und Coop investieren in Zuchtfleisch. Migros gab im Frühling bekannt, dass sie sich am israelischen Start-up Aleph Farms beteiligt. Die Coop-Tochter Bell investiert bereits seit vergangenem Jahr in das niederländische Start-up Mosa Meat und geht davon aus, dass die ersten Produkte in drei bis vier Jahren marktreif sein werden. Die Gründer von Planted (siehe Text oben) beurteilen die Technologie jedoch als nicht genug umweltschonend, da die tierische Zelle auch im Labor enorm viel Futter und Wasser brauche. Proteine auf Pflanzenbasis seien in dieser Hinsicht besser.

Sowohl Coop als auch Migros beobachten in ihren Filialen, dass der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen ist. Auf Anfrage bestätigen sie, dass sie vermehrt auf pflanzenbasierte Produkte setzen werden. «Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach diesen Artikeln in naher Zukunft anhalten wird», heisst es etwa bei der Migros. (gjo) (aargauerzeitung.ch)

Aufgetischt: #FoodPorn vom Feinsten!

Wir haben veganes Poulet von der ETH gegessen

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    Alle Leser-Kommentare
  • happytreasure 09.12.2019 10:21
    Highlight Highlight Der Rückgang des Fleischkonsums ist eine positv News wert! Vom überzeugten Fleischesser bin ich nun überzeugt, dass viel Fleischkonsum ungesund ist. Insbesondere die Stoffe, die darin zufinden sind. Von Tierhaltung und Umweltschäden gar nicht zu sprechen! Interessant zu wissen ist bei solchen Produkten, wie Fleisch aus dem Reagenzglas oder Soja etc. basierten, wie der Einsatz von chemischen Prozessen und Stoffen sich auf den Menschen und die Umwelt auswirken. Ich würde diesbezüglich gerne mehr erfahren.
  • Morgan Wlan 09.12.2019 09:44
    Highlight Highlight Das Vegi-Poulet hier konnte man an der OLMA probieren und ich war sofort begeistert. Was mich aber bestürzt hat war, auf wie viel Ablehnung das Team gestossen ist, als sie versuchten, Kostproben zu verteilen (da sind ja die Schweizer sonst immer zu haben). Verfahrene Mindsets à la "Nein, das Zeug esse ich nicht, scheiss Vegan-Hype".

    Ich verzichte aktuell aber noch auf den Kauf von dem Vegi-Poulet. Wegen dem gleichen Grund, wie ich auf "echtes" Fleisch verzichte: zu teuer.
  • Piwi 09.12.2019 08:50
    Highlight Highlight Soja (GMO), Weizen und Pflanzenöl - das verspricht viel Profit auf Kosten der Gesundheit der Konsumenten. Wer sich den Trash reinzieht tut mir leid...
    • Gipfeligeist 09.12.2019 09:15
      Highlight Highlight @Piwi
      Dann möchte ich die Gegenfrage stellen, mit was Ihr Schweinefleisch denn gefüttert wurde?

      Mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Brasilianischem Soja (enorm billig). Beispielsweise produziert Alnatura ihren Speise-Soja (für Tofu) in Spanien.
    • MarGo 09.12.2019 09:32
      Highlight Highlight Piwi... von wegen Trash...

      GMO-Soja wird in Europa nicht zum Direktverzehr angeboten - nur für Futtermittel - also en guete bim Kotelett...

      Was genau ist denn für dich Trash hierbei? Würde mich echt mal interessieren, wieviel "Trash" in einem Schnitzel zu finden ist im Gegensatz zu einem Tofu o.ä.
    • Morgan Wlan 09.12.2019 09:35
      Highlight Highlight Wer den Text liest, weiss, dass die hier behandelte Fleischalternative NICHT aus Soja hergestellt wird.
  • dä dingsbums 09.12.2019 08:37
    Highlight Highlight An sich ja keine schlechte Idee.

    Man muss aber realistisch sein: solange der Kilopreis bei 50 CHF liegt, hat das im Detailhandel keine Chance.

    Man will ja die Fleischesser abholen und davon werden die wenigsten für einen Fleischersatz den gleichen Preis bezahlen, wie für eine Bio Pouletbrust. Oder mehr als doppelt so viel wie für Bio Pouletschenkel.
    • bullygoal45 09.12.2019 09:01
      Highlight Highlight Warte nur bis es zu einer „Fleisch-Steuer“ kommt und die Pouletbrust dann plötzlich bei 50chf/kg liegt 😉

      Ist zwar nicht in meinem Interesse, jedoch hat man gesehen: Auf das gewissen der Käufer kann man nicht zählen. Da braucht es längere Hebel. Leider.
    • MarGo 09.12.2019 09:36
      Highlight Highlight Angebot und Nachfrage... Würden die meisten ihrem Cortex das denken überlassen und nicht ihrem Hirnstamm wäre das Kaptiel "Fleisch aus Tier" schon längst passè und dementsprechend der "Ersatz" um einiges günstiger...
  • MaxHeiri 09.12.2019 08:29
    Highlight Highlight Das Rice Up Restaurant hat es auch oder?
  • Nussi2000 09.12.2019 07:54
    Highlight Highlight Zufall? 😂
    Benutzer Bild
  • Xonic 09.12.2019 07:46
    Highlight Highlight „Derzeit kostet eine 400g Packung planted.chicken 19.50 Franken„

    Und die haben einen Ökonomen an Bord... Das scheitert definitiv am Preis.

    Wenn das Verfahren so teuer ist, dann ist es noch nicht marktreif. Bei einem Kilopreis von fast 49.- kann man sich auch Bio Geflügel kaufen.

    Die meisten Ersatzprodukte bewegen sich zwischen 20-30 CHF pro Kilo.
  • Tobias W. 09.12.2019 07:30
    Highlight Highlight „Der Konsum von Fleisch pro Kopf ist in der Schweiz im Vergleich zu 2010 um 7 Prozent auf rund 218'000 Tonnen zurückgegangen.“

    218‘000 Tonnen pro Kopf? Eine ganze Menge ist das. Ich würde gerne wissen, in welcher Zeit. Also ich werde diesen Wert wohl in meinem ganzen Leben nicht erreichen. Zum Beispiel, 20 Kg Fleisch pro Woche gäbe eine Tonne pro Jahr, dann müsste jemand 218 Jahre lang jeden Tag fast 3 Kg Fleisch essen....?
  • Kateforever 09.12.2019 07:21
    Highlight Highlight Warum müssen vegane Gerichte nach Fleisch schmecken?
    Für mich geht das nicht auf.
    Kann das Gesund sein?
    • bullygoal45 09.12.2019 07:49
      Highlight Highlight Wieso nicht? Ein Elektroauto sieht auch aus ein Benziner. Ferien in der Schweiz statt am Meer beiben im Endeffekt auch Ferien.

      Wieso darf eine Fleischersatz also nicht nach Fleisch schmecken? Wenn ich Lust auf eine Bratwurst habe, soll sie auch danach riechen... wenn man sie dabei noch 10x ökologischer herstellen kann. Dann bitte 👍🏻
    • genauleser 09.12.2019 08:14
      Highlight Highlight Siehe Text: Manchen Leuten sind traditionelle Gerichte und Kombinationen sehr wichtig. Denen macht man es leichter, wenn ein Produkt "wie Rindsgeschnetzeltes - besonders lecker mit Rösti" angeschrieben ist.
    • _Marc_ 09.12.2019 08:20
      Highlight Highlight Was soll falsch daran sein?
      Die meisten Menschen, welche auf Fleisch verzichten tun dies nicht, weil sie Fleisch nicht mögen, sondern aus moralischen Gründen oder der Umwelt zuliebe. Sehe nicht, wieso nach Fleisch schmeckender Fleischersatz ein Problem sein sollte.
      Ausserdem besteht der Fleischersatz, sofern ich das richtig verstanden habe, aus natürlichen Produkten, wie Erbsenproteinen, ungesünder als Fleisch, ist es somit ziemlich sicher auch nicht...
    Weitere Antworten anzeigen
  • grünergutmensch 09.12.2019 07:19
    Highlight Highlight Incredible burger ist nestle? F***🙈 kommt wieder was auf die schwarze liste
  • OkBoomer 09.12.2019 06:41
    Highlight Highlight In der Vegi-Metzg von Hiltl kann man die Poulet- Alternative bereits kaufen. Letzte Woche kochten wir damit Zitronenrisotto. Muss sagen: super Biss und sehr nahe am Geschmack von Poulet. Sehr zu empfehlen!
    • Yosh1 09.12.2019 10:14
      Highlight Highlight Ein gutes Risotto kommt doch eigentlich auch recht gut ohne Fleisch klar :P ob nun echtes oder nachgeahmtes.

Solarpanels werden auf Luzerner Hausdächern bald zur Pflicht

Die Stadt Luzern macht in Sachen erneuerbare Energien vorwärts: Auf Dächern, die grösser sind als 25 Quadratmeter, sollen künftig Solarpanels angebracht werden. Damit geht der Stadtrat auf einen Vorstoss von SP und Grüne ein, in dem sie fordern, dass Luzern «mit Solarstrom endlich durchstartet».

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