US-Patriots-Alternative: Was Frankreichs «Mamba» kann – und was nicht
Warum kommt ein Kauf der Mamba infrage?
Die Schweiz hat heute keine Möglichkeit, ballistische Raketen abzuwehren. Das sollten fünf amerikanische Patriot-Luftabwehrsysteme bis 2028 ändern. Doch die Lieferung verspätet sich womöglich bis 2034. Die USA beliefern prioritär die Unterstützter der Ukraine. Dazu hat der Iran-Krieg unter Nahoststaaten die Patriot-Nachfrage erhöht und so die Lage für die Schweiz verschärft.
Der Bundesrat hält zwar an der Patriot-Bestellung fest, will ergänzend aber ein zweites System für grosse Distanzen beschaffen. Es soll «das Risiko für die Schweiz reduzieren», das sich aus der Verzögerung ergebe, sagte VBS-Chef Martin Pfister im März. Ausserdem soll ein zweites System die Abhängigkeit von einem Lieferanten verringern.
Inwzischen hat das Bundesamt für Rüstung bei Herstellern in vier Staaten angefragt. Auch beim französisch-italienischen Unternehmen Eurosam, das Samp/T produziert. Die «Mamba», wie das System auch genannt wird, gilt als Favoritin. Das VBS will vorzugsweise ein europäisches System. Ausserdem hat die Schweiz eine ältere Version Samp/T im Vorfeld des Patriot-Kaufs bereits einmal evaluiert. Bürgerliche Politiker haben zudem bereits die Mamba gefordert.
Was kann die Mamba?
Mit Samp/T lassen sich diverse Flugobjekte eliminieren, darunter grössere Drohnen wie die iranische «Shahed» und Kampfflugzeuge. Innerhalb Europas ist das System in seiner Art selten, weil sich damit ballistische Raketen abschiessen lassen. Diese spielen sowohl im Iran als auch in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Unter Militärs gilt die Abwehr von ballistischen Raketen darum als essenzielle Fähigkeit einer modernen Armee.
Die neueste «Mamba»-Generation hat eine Wirkdistanz von 150 Kilometern. Damit hat das europäische System zuletzt zu Patriot aufgeschlossen, das nur zehn Kilometer weiter schiesst.
In Sachen Treffgenauigkeit spiele Samp/T wahrscheinlich noch eine Liga tiefer, sagt Mauro Gilli, Professor für Militärtechnik an der Hertie School in Berlin, einer privaten Hochschule für Politikgestaltung. «Samp/T ist ein jüngeres System als Patriot. Darum kann es auf weniger Daten aus Kampfeinsätzen zurückgreifen», sagt er.
Dies könnte einen aufsehenerregenden Bericht im Wall Street Journal von vergangenem Jahr erklären. Gemäss diesem verfehlten an die Ukraine gelieferte Samp/T ballistische Raketen. «Je länger das System im Einsatz steht, desto besser wird es durch die gesammelten Daten», sagt Gilli aber auch.
In einigen Bereichen ist die Mamba schon heute besser als Patriot: So nimmt ihre Bedienung weniger Personal in Anspruch, sie ist mobiler und kann einen Radius von 360 Grad abdecken.
Wann könnte Mamba da sein?
Bestellte Samp/T-Systeme sollen bis ins Jahr 2029 lieferbar sein. Das stellte der Eurosam-Generalsekretär im Februar gegenüber der «NZZ am Sonntag» in Aussicht.
Mauro Gilli betrachtet es als realistisch, dass Eurosam tatsächlich bis 2029 liefern kann. Dies hänge letztlich von bereits hängigen Bestellungen und den Produktionskapazitäten der Firma ab. Wegen der hohen Nachfrage dürfte der Bestellzeitpunkt für die Lieferung auch eine Rolle spielen. Ende Mai sollen gemäss Bundesamt für Rüstung mehr Informationen zu Lieferzeitpunkt, Kosten und Leistungsfähigkeit aller Systeme vorliegen, die für eine Beschaffung in Frage kommen.
Für Fritz Kälin, Vize-Chefredaktor der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» und Militärhistoriker, ist es angesichts der gegenwärtigen Sicherheitslage entscheidend, dass ein bestelltes System schnell auf Platz ist, unabhängig davon, welches bestellt wurde. «Die Schweiz wird in jedem Fall ungenügend geschützt sein, aber ein Abwehrsystem ist im Kriegsfall immer noch besser als keines», sagt er.
Was bringt die Mamba politisch?
Die Beschaffungen von Rüstungsgütern wie Samp/T sind immer von politischen Überlegungen geprägt. Patriot sei weltweit nicht zuletzt beliebt, weil man sich damit die politische Gunst der mächtigen USA mitkaufe, sagt Mauro Gilli.
Ein Kauf von Samp/T könnte daher die politische Abhängigkeit von den USA reduzieren. Darum hält Fritz Kälin einen Kauf eines zweiten Systems langfristig für sinnvoll, selbst wenn es nicht bis 2029 eintrifft.
Er warnt aber davor, die Luftverteidigung als primär politisches Thema zu betrachten, wie dies in der Schweiz zu oft geschehe:
Die Schweizer Politik müsse nun alles unternehmen, um die Sicherheit noch in diesem Jahrzehnt zu verbessern.
Was sind die Alternativen zu «Mamba»?
Das Bundesamt für Rüstung hat auch Hersteller aus Deutschland, Israel und Südkorea um Informationen zu Systemen angefragt.
CH-Media-Recherchen zeigen zudem, dass das Amt Abklärungen zur südkoreanischen «L-Sam» und der israelischen «David's sling» trifft. Für Mauro Gilli sind beide Optionen technisch valabel. Aufgrund der global grossen Nachfrage dürfte der Preis für alle Systeme deutlich höher sein, als noch vor dem Iran-Krieg.
Im Gegensatz zur Mamba sind diese Varianten aber keine europäischen. Systeme von anderen Kontinenten will das VBS nur, wenn diese in der Schweiz oder anderswo in Europa produziert werden können.
Der Aufbau von Produktionskapazitäten in Europa ist allerdings aufwendig. Dabei gehe es nicht nur um neue Produktionshallen, sondern diverse logistische Aspekte und Sicherheitsfragen, sagt Gilli. «Sie müssen passendes Personal finden und dieses durchleuchten, um nicht versehentlich einen russischen Agenten einzustellen. Das kostet Zeit.»
Dazu kommt: Im Gegensatz zur Mamba hat die Schweiz weder die israelische noch die südkoreanische Variante je evaluiert. Somit liegen weniger Informationen über diese Systeme vor. Doch für einen Evaluationsprozess fehlt nun die Zeit.
Jetzt räche sich, dass die Schweiz in der Vergangenheit abgesehen von Sam/T und Patriot keine aussereuropäischen Varianten in Betracht gezogen hat, sagt Kälin.
