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Schweiz

Alternative zum Patriot-System: Französisches Luftabwehrsystem «Mamba»

Die «Mamba» kommt als zweites Schweizer Luftverteidigungssystem in Frage.
Die «Mamba» kommt als zweites Schweizer Luftverteidigungssystem in Frage.bild: keystone/ALEXANDRA WEY

US-Patriots-Alternative: Was Frankreichs «Mamba» kann – und was nicht

Die Lieferung des amerikanischen Luftabwehrsystems «Patriot» verzögert sich. Bundesrat Martin Pfister will darum ein vergleichbares System aus Europa. Im Fokus steht die französisch-italienische «Mamba». Was sie bringt und was Militär-Experten dazu sagen – erklärt in fünf Fragen.
04.05.2026, 04:4904.05.2026, 06:56
Yann Lengacher
Yann Lengacher

Warum kommt ein Kauf der Mamba infrage?

Die Schweiz hat heute keine Möglichkeit, ballistische Raketen abzuwehren. Das sollten fünf amerikanische Patriot-Luftabwehrsysteme bis 2028 ändern. Doch die Lieferung verspätet sich womöglich bis 2034. Die USA beliefern prioritär die Unterstützter der Ukraine. Dazu hat der Iran-Krieg unter Nahoststaaten die Patriot-Nachfrage erhöht und so die Lage für die Schweiz verschärft.

Der Bundesrat hält zwar an der Patriot-Bestellung fest, will ergänzend aber ein zweites System für grosse Distanzen beschaffen. Es soll «das Risiko für die Schweiz reduzieren», das sich aus der Verzögerung ergebe, sagte VBS-Chef Martin Pfister im März. Ausserdem soll ein zweites System die Abhängigkeit von einem Lieferanten verringern.

Der Bundesrat Martin Pfister bei seiner Rede, anlaesslich der Delegiertenversammlung der Mitte Partei vom Samstag, 28. Maerz 2026 in der Chollerhalle in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Will ein zweites Luftverteidigungssystem: VBS-Chef Martin Pfister.Bild: keystone

Inwzischen hat das Bundesamt für Rüstung bei Herstellern in vier Staaten angefragt. Auch beim französisch-italienischen Unternehmen Eurosam, das Samp/T produziert. Die «Mamba», wie das System auch genannt wird, gilt als Favoritin. Das VBS will vorzugsweise ein europäisches System. Ausserdem hat die Schweiz eine ältere Version Samp/T im Vorfeld des Patriot-Kaufs bereits einmal evaluiert. Bürgerliche Politiker haben zudem bereits die Mamba gefordert.

Was kann die Mamba?

Mit Samp/T lassen sich diverse Flugobjekte eliminieren, darunter grössere Drohnen wie die iranische «Shahed» und Kampfflugzeuge. Innerhalb Europas ist das System in seiner Art selten, weil sich damit ballistische Raketen abschiessen lassen. Diese spielen sowohl im Iran als auch in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Unter Militärs gilt die Abwehr von ballistischen Raketen darum als essenzielle Fähigkeit einer modernen Armee.

Der Multifunktions-Radar SAMP/T des Luftabwehrsystems des franzoesischen Herstellers "Eurosam", am Dienstag, 17. September 2019, in Menzingen. Die Sensor-Erprobungen fuer die Evaluation eine ...
Das französisch-italienische Samp/T-System kam bereits in der Ukraine zum Einsatz. Bild: KEYSTONE

Die neueste «Mamba»-Generation hat eine Wirkdistanz von 150 Kilometern. Damit hat das europäische System zuletzt zu Patriot aufgeschlossen, das nur zehn Kilometer weiter schiesst.

In Sachen Treffgenauigkeit spiele Samp/T wahrscheinlich noch eine Liga tiefer, sagt Mauro Gilli, Professor für Militärtechnik an der Hertie School in Berlin, einer privaten Hochschule für Politikgestaltung. «Samp/T ist ein jüngeres System als Patriot. Darum kann es auf weniger Daten aus Kampfeinsätzen zurückgreifen», sagt er.

Mauor Gilli (links) ist Professor für Militärstrategie und -technik an der Hertie School in Berlin. Zwischen 2016 und 2025 forschte er an der ETH Zürich.
Mauor Gilli (links) ist Professor für Militärstrategie und -technik an der Hertie School in Berlin. Zwischen 2016 und 2025 forschte er an der ETH Zürich.

Dies könnte einen aufsehenerregenden Bericht im Wall Street Journal von vergangenem Jahr erklären. Gemäss diesem verfehlten an die Ukraine gelieferte Samp/T ballistische Raketen. «Je länger das System im Einsatz steht, desto besser wird es durch die gesammelten Daten», sagt Gilli aber auch.

In einigen Bereichen ist die Mamba schon heute besser als Patriot: So nimmt ihre Bedienung weniger Personal in Anspruch, sie ist mobiler und kann einen Radius von 360 Grad abdecken.

Wann könnte Mamba da sein?

Bestellte Samp/T-Systeme sollen bis ins Jahr 2029 lieferbar sein. Das stellte der Eurosam-Generalsekretär im Februar gegenüber der «NZZ am Sonntag» in Aussicht.

«Die Schweiz wird in jedem Fall ungenügend geschützt sein.»
Fritz Kälin, Militärhistoriker.

Mauro Gilli betrachtet es als realistisch, dass Eurosam tatsächlich bis 2029 liefern kann. Dies hänge letztlich von bereits hängigen Bestellungen und den Produktionskapazitäten der Firma ab. Wegen der hohen Nachfrage dürfte der Bestellzeitpunkt für die Lieferung auch eine Rolle spielen. Ende Mai sollen gemäss Bundesamt für Rüstung mehr Informationen zu Lieferzeitpunkt, Kosten und Leistungsfähigkeit aller Systeme vorliegen, die für eine Beschaffung in Frage kommen.

Für Fritz Kälin, Vize-Chefredaktor der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» und Militärhistoriker, ist es angesichts der gegenwärtigen Sicherheitslage entscheidend, dass ein bestelltes System schnell auf Platz ist, unabhängig davon, welches bestellt wurde. «Die Schweiz wird in jedem Fall ungenügend geschützt sein, aber ein Abwehrsystem ist im Kriegsfall immer noch besser als keines», sagt er.

Was bringt die Mamba politisch?

Die Beschaffungen von Rüstungsgütern wie Samp/T sind immer von politischen Überlegungen geprägt. Patriot sei weltweit nicht zuletzt beliebt, weil man sich damit die politische Gunst der mächtigen USA mitkaufe, sagt Mauro Gilli.

Ein Kauf von Samp/T könnte daher die politische Abhängigkeit von den USA reduzieren. Darum hält Fritz Kälin einen Kauf eines zweiten Systems langfristig für sinnvoll, selbst wenn es nicht bis 2029 eintrifft.

Militärhistoriker Fritz Kälin.
Militärhistoriker Fritz Kälin.

Er warnt aber davor, die Luftverteidigung als primär politisches Thema zu betrachten, wie dies in der Schweiz zu oft geschehe:

«Die Parteien interessieren sich bei Rüstungsbeschaffungen mehr dafür, ob diese in ihre Pro- oder Anti-EU-Agenda passen, als dafür, welches System den grössten Sicherheitsgewinn bringt.»

Die Schweizer Politik müsse nun alles unternehmen, um die Sicherheit noch in diesem Jahrzehnt zu verbessern.

Was sind die Alternativen zu «Mamba»?

Das Bundesamt für Rüstung hat auch Hersteller aus Deutschland, Israel und Südkorea um Informationen zu Systemen angefragt.

CH-Media-Recherchen zeigen zudem, dass das Amt Abklärungen zur südkoreanischen «L-Sam» und der israelischen «David's sling» trifft. Für Mauro Gilli sind beide Optionen technisch valabel. Aufgrund der global grossen Nachfrage dürfte der Preis für alle Systeme deutlich höher sein, als noch vor dem Iran-Krieg.

Im Gegensatz zur Mamba sind diese Varianten aber keine europäischen. Systeme von anderen Kontinenten will das VBS nur, wenn diese in der Schweiz oder anderswo in Europa produziert werden können.

Israeli Air Defense Systems are seen during a ceremony inaugurating a joint U.S.-Israeli missile interceptor at the Hatzor Air Base, Israel. Sunday, April 2, 2017. David's Sling, meant to counter ...
Das israelische Luftverteidigungssystem «David's Sling».Bild: AP NY

Der Aufbau von Produktionskapazitäten in Europa ist allerdings aufwendig. Dabei gehe es nicht nur um neue Produktionshallen, sondern diverse logistische Aspekte und Sicherheitsfragen, sagt Gilli. «Sie müssen passendes Personal finden und dieses durchleuchten, um nicht versehentlich einen russischen Agenten einzustellen. Das kostet Zeit.»

Dazu kommt: Im Gegensatz zur Mamba hat die Schweiz weder die israelische noch die südkoreanische Variante je evaluiert. Somit liegen weniger Informationen über diese Systeme vor. Doch für einen Evaluationsprozess fehlt nun die Zeit.

Jetzt räche sich, dass die Schweiz in der Vergangenheit abgesehen von Sam/T und Patriot keine aussereuropäischen Varianten in Betracht gezogen hat, sagt Kälin.

«Die Schweiz zahlt jetzt den Preis dafür, dass sie jahrelang wichtige Weichenstellungen für die Verteidigung verschlafen hat.»
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107 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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KarlMarx
04.05.2026 06:06registriert Juli 2021
Samp/T bewährt sich in der Ukraine.
Die Hersteller sind direkte Nachbarn der Schweiz und man spricht die Sprachen auch bei uns.
Vor allem reicht Samp/T für die Schweiz.
Herr Pfister, Vertrag unterzeichnen (vorab genau lesen 😉) und 3x mehr bestellen als man braucht. Es ist immer nur ein 1/3 im Einsatz, der Rest in Wartung und Ausbildung.
Danach!
Nach Frankreich ein „ Désolé, nous l'avons merdé.“ und nach Schweden „ Ursäkta, vi har klantat till det.“ und rasch 90 (1/3 Regel 😉) Rafale oder Grippen kaufen. Wobei der Grippen der bessere wäre.
USA alles absagen! Sofort! Verstande?
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Barth Simpson
04.05.2026 06:41registriert August 2020
Man kann es drehen wie man will. Aber jedes Abwehrsystem aus Europa ist besser wie ein fehlendes Patriot-System aus den USA.
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HappyUster
04.05.2026 06:06registriert August 2020
Was will man da auch sagen...

-nur 1 System, da weniger Schulung.
-nur 2 evaluiert, da (keine Ahnung).
-politische Gefühle sind wichtiger, als die Verteidigung.

Würde die Privatwirtschaft so geführt, wäre diese schon lange konkurs! Aber unsere Politik und unsere Armee KANN das...
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