Schweiz
Wirtschaft

Stellenabbau Schweiz: Was mit unserer Industrie los ist

Schon 15'000 Jobs verschwunden: Was mit unserer Industrie los ist

Stellen werden gestrichen oder ins Ausland verlegt. Das hiesige verarbeitende Gewerbe steckt schon seit vier Jahren in einer Krise. Was steckt dahinter?
11.02.2026, 09:5411.02.2026, 09:54
Niklaus Vontobel / ch media

Die Bilanz der letzten Jahre fällt für die Schweizer Industrie traurig aus. Seit vier Jahren verliert sie Aufträge. Seit drei Jahren verliert sie Umsatz. Seit zwei Jahren weiss sie sich nicht mehr anders zu helfen, als Arbeitsplätze abzubauen. Rund 15’000 Vollzeitstellen sind so bereits verschwunden.

Eine solche Zahl klingt nach Rezession, nach schwerer Krise oder sogar nach Deindustrialisierung. Aber was steckt wirklich dahinter?

Job auf sicher? Arbeiten an einer Stangendrehmaschine im Kanton Jura.
Job auf sicher? Arbeiten an einer Stangendrehmaschine im Kanton Jura. bild: keystone

Es hat im Herbst 2023 angefangen. Seither kommt es in der Industrie häufiger zu Stellenabbauten. Beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), der über Massenentlassungen genau Buch führt, hat der zuständige Mitarbeiter plötzlich mehr zu tun. So schliesst der Glashersteller Vetropack eine Fabrik im Kanton Waadt und spart 180 Stellen weg. Der Autozulieferer DGS verlagert ein Werk in die Tschechische Republik. Mit Thyssenkrupp Presta streicht ein weiterer Autozulieferer massiv Stellen – in der Ostschweiz sind ungefähr 570 Mitarbeitende betroffen.

In den Statistiken zeigt sich bald ein neuer Trend. Ab dem Sommer 2023 sinkt die Zahl der Arbeitsplätze in allen Branchen des verarbeitenden Gewerbes, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Einzige Ausnahme ist die Pharmaindustrie, die jedoch seit Langem anderen Gesetzmässigkeiten unterworfen ist. Sonst geht es bis zum dritten Quartal 2025 überall abwärts. Also bis zuletzt.

Am meisten Vollzeitstellen gehen in der Metallverarbeitung verloren, nämlich rund 3600. Im Maschinenbau fallen rund 2600 Stellen weg und in der Herstellung von Uhren und von Geräten zur Datenverarbeitung rund 2200 Stellen. Insgesamt verschwinden im gesamten verarbeitenden Gewerbe, ohne Pharma, in zwei tristen Jahren rund 2,5 Prozent aller Arbeitsplätze – oder eben rund 15’000 Vollzeitstellen.

Jede Entlassung tut weh, für jeden Betroffenen ist es ein Schicksalsschlag. Aus Sicht der Industrie kann man sich jedoch auch fragen, ob es sich vielleicht doch nur um ein vorübergehendes Phänomen handelt, eine Schwankung in einer von Zyklen geprägten Branche. Die Stellen sind vielleicht heute weg, aber in zwei Jahren zurück. Oder verliert die Schweiz diese Tausenden von Arbeitsplätzen für immer? Brechen bald wichtige Teile ihrer Industrie weg?

Sollte es nur eine zyklische Schwankung sein, dann wäre es jedenfalls eine sehr lange. Selbst im Vergleich zu 2019, dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, hat die Industrie nämlich Arbeitsplätze verloren.

Seit 2019 gab es in Europa zunächst den Corona-Schock, dann einen Boom, der durch staatliche Hilfe zusätzlich angetrieben wurde. Danach folgten jedoch eine Energiekrise, zunehmende Konkurrenz aus China und zuletzt die chaotische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. So fand sich Europa irgendwann in einer industriellen Krise wieder.

Diese europäische Flaute hat wiederum laut Alexander Koch, Ökonom bei der Bank Raiffeisen, in der Schweiz lange die Aufträge und Auslastung vieler Industriebetriebe niedrig gehalten. «Mit der Zeit wurde ein Personalabbau unvermeidlich.»

Die Chemie traf es danach besonders hart mit einem Rückgang von 20 Prozent aller Stellen, was in absoluten Zahlen 6000 Arbeitsplätze entspricht. Das Druckereigewerbe hat heute 4600 Stellen weniger, die Metallverarbeitung rund 3800 und die etwas kleinere Elektroindustrie rund 4400.

Der Maschinenbau konnte die Zahl seiner Arbeitsplätze nur knapp halten, ein Wachstum lag nicht drin. Dieses gelang bloss den Herstellern von Uhren sowie von Geräten zur Datenverarbeitung – um 3500 Stellen. Unter dem Strich fällt die Bilanz seit Corona negativ aus: Über sechs Jahre hinweg gab es ein Minus von 12’000 Vollzeitstellen.

Voraussetzungen für eine industrielle Rezession erfüllt

Wie schlimm ist das? Eine Rezession ist es sicherlich. Beim KOF-Institut der ETH Zürich weist Experte Michael Siegenthaler auf den negativen Trend bei der Wertschöpfung hin. Diese sinkt bereits seit fast vier Jahren, und zwar in fast jedem Quartal. Insgesamt seien so von der gesamten realen Wertschöpfung bereits über 10 Prozent verloren gegangen.

«Aufgrund des Rückgangs bei der Wertschöpfung, aber auch bei den Stellen ist die Voraussetzung erfüllt, um von einer industriellen Rezession zu sprechen», sagt Siegenthaler. Eine solche sei definitionsgemäss schon gegeben, wenn die Wertschöpfung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sinkt. Mit anderen Worten: Die Schweiz lebt also schon seit vier Jahren mit einer industriellen Rezession.

Und es ist eine industrielle Rezession, keine Rezession der gesamten Wirtschaft. Seit dem Post-Corona-Boom wächst die Schweizer Wirtschaft zwar langsamer und leidet an steigender Arbeitslosigkeit. Aber sie ist trotz allem weiter gewachsen und hat nochmals rund 50’000 neue Stellen geschaffen. Also Wachstum hier, industrieller Rückgang dort.

So verliert die Industrie an Bedeutung, ihr Anteil an der gesamten Wirtschaft fällt. Doch das ist an sich nichts Neues für sie, sondern ein jahrzehntelanger Trend. Wichtiger wird sein, ob sie den Verlust an Arbeitsplätzen stoppen kann. Dafür braucht sie jedoch wieder mehr Aufträge. Kommt ein solcher Aufschwung? Immerhin gab es in Deutschland zuletzt Anzeichen für eine konjunkturelle Wende.

Bei Swissmem, dem Verband der Tech-Industrie, bleibt Jean-Philippe Kohl zuversichtlich. Der Leiter Wirtschaftspolitik weist darauf hin, dass sich die Zahl der Beschäftigten nach Krisen immer wieder erholt habe. «Ein Selbstläufer ist dies indessen nicht. Es verlangt den Unternehmen jedes Mal sehr viel ab, die Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen.» Die Politik müsse helfen, indem sie möglichst gute Bedingungen schaffe und etwa neue Freihandelsabkommen abschliesse.

Kritik an der Schweizerischen Nationalbank

Auf politische Unterstützung drängt auch der Verband Swissmechanic. Präsident Nicola Tettamanti warnt: «Wir erleben keine gewöhnliche Schwankung, sondern eine strukturelle Veränderung.» Im Ausland beeinflusse der Staat heute direkt, wie und wo Unternehmen investieren. «In der Schweiz droht uns zwar kein abrupter, aber ein schleichender Verlust industrieller Substanz in einzelnen Regionen und Branchen.» Gefährdet seien vor allem exportorientierte Industrie-KMU und ihre Zulieferer in Regionen wie der Ostschweiz, dem Tessin oder dem Jura-Bogen.

Von den Gewerkschaften ist Kritik an der Nationalbank zu hören. Laut SGB-Chefökonom Daniel Lampart befinden sich hierzulande wichtige Industriebranchen wie Maschinenbau und Metallverarbeitung schon seit bald 20 Jahren in einem Abwärtstrend. Die Zahl ihrer Arbeitsplätze sinke seit 2008, als erst die globale Finanzkrise ausbrach und danach der Franken stark aufwertete. «Diese Überbewertung hält bis heute an und ist unser grösster selbstverschuldeter Nachteil.»

Das KOF-Institut geht nicht davon aus, dass es zu einer grösseren Erholung kommt. Sprich: Die Industrie wird laut KOF-Prognose die seit 2022 verlorene Wertschöpfung in den nächsten 2,5 Jahren nicht aufholen können. KOF-Ökonom Michael Siegenthaler sagt deshalb: «Insofern muss man schon befürchten, dass die Schweizer Industrie gerade dauerhaften Schaden nimmt.»

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Die beliebtesten Kommentare
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Madison Pierce
11.02.2026 10:18registriert September 2015
Es ist eine Kombination aus Digitalisierung und Internationalisierung.

Ein Beispiel aus der Produktion von Turbinen für Kraftwerke:
- Einführung von programmgesteuerten Fräsmaschinen => Personalabbau
- Einführung von Robotern zum Transport der Teile zwischen Fräs-, Schleif- und Messmaschine => Personalabbau
- Übernahme durch weltweit tätigen US-Konzern
- Produktion wird in Billiglohnländer verlagert, weil es für die Bedienung der Roboter keine Fachkräfte braucht

Ob ein von einem der verbliebenen Schweizer Ingenieure entworfenes Teil vor Ort oder in Indien produziert wird, ist egal.
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Firefly
11.02.2026 10:20registriert April 2016
Das war ja von den Bürgerlichen so gewollt Die Schweiz soll vor allem verwalten und Herdöpfel anbauen. Nicht erfinden, entwickeln und bauen, da wurde gespart.
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