Schweiz
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Armut war in der Schweiz bis vor kurzem zu einem grossen Teil unsichtbar. Die Corona-Pandemie draengt jetzt viele Menschen, die bisher an oder knapp ueber der Armutsgrenze lebten, in eine existenzielle Notlage. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unterstuetzt dank der grossen Solidaritaet der Schweizer Bevoelkerung Menschen, die wegen der Coronakrise in Not geraten sind, rasch und unkompliziert mit finanzieller Soforthilfe.  Weiterer Text ueber ots und www.presseportal.ch/de/nr/100002289 (Keystone/obs/Schweizerisches Rotes Kreuz / Croix-Rouge Suisse)

In der Schweiz steigt die Zahl der verschuldeten Personen. Bild: keystone

Immer mehr verschulden sich – im Herbst rollt grosse Betreibungswelle an

Lohneinbussen wegen Corona und vermehrter Konsum auf Pump: Die Zahl der überschuldeten Personen hat deutlich zugenommen.

gabriela jordan / schweiz am wochenende



Viele Schweizerinnen und Schweizer konnten in den vergangenen Monaten sparen. Statt ihr Geld für Ferien und Freizeit auszugeben, häuften sie es auf dem Konto an. Vielen anderen erging es aber genau umgekehrt, wegen Kurzarbeit oder Jobverlust klafft ein Loch im Portemonnaie. Wer seine Rechnungen nicht bezahlt hat, musste sich bisher trotzdem nicht vor Geldeintreibern fürchten. Weil während des Lockdowns ein temporärer Betreibungsstopp galt, schoben Gläubiger ihre Forderungen vorerst auf. Laut dem Verband der schweizerischen Betreibungsämter sind die Fallzahlen im Vergleich zu Vorjahren um bis zu 20 Prozent im Rückstand.

Die Verzögerung dürfte aber schon bald aufgeholt werden: Betreibungsämter und Inkassofirmen rechnen damit, dass es im Herbst eine Welle von Betreibungen und Gläubigerforderungen geben wird, sei es von Krankenkassen, Telekomfirmen oder Detailhändlern. «Bisher warteten manche Gläubiger vielleicht aus Solidarität zu», sagt Stephan Boesch, Präsident der Zentralschweizer Betreibungsämter. «Jetzt dürften sie ihre offenen Beträge auf einmal einfordern.» Dafür haben sie drei Möglichkeiten: Es auf eigene Faust versuchen, private Inkasso-Anbieter beauftragen oder den gerichtlichen Weg (Betreibung) einschlagen.

Schuldenberatungen sind «ziemlich auf Nadeln»

Schuldenberatungen sind ob dieser Situation beunruhigt. Auch sie glauben, dass es zu einem deutlichen Anstieg überschuldeter Personen gekommen ist. Häufiger als sonst klingelt das Telefon aber noch nicht: «Wir spüren solche Entwicklungen immer erst verzögert und sind deshalb ziemlich auf Nadeln», sagt Olivia Nyffeler, Rechtsanwältin bei der Berner Schuldenberatung. Ehe sich Betroffene entschliessen, eine Beratungsstelle aufzusuchen, haben sie demnach meist schon mehrere Mahnungen und Zahlungsbefehle per Post erhalten. Damit es gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt Nyffeler, frühzeitig zu handeln und mit Gläubigern eine Lösung zu suchen.

Wachsender Schuldenberg: Was tun?

💡 Prioritäten setzen: Welche Rechnungen muss ich zwingend bezahlen, welche können warten? Miete, Nebenkosten und Krankenkassenprämien sind ein Muss, da sie zum Existenzminimum gehören. Für sie empfiehlt sich ein Dauerauftrag oder Lastschriftverfahren (LSV). Kredite oder Leasingverträge können notfalls warten.

💡 Aktuelle Rechnungen vorziehen: Hinten anfangen und sich zu den aktuellen Rechnungen vorarbeiten? Falsch. Besser ist, aktuelle Rechnungen zuerst zu begleichen, da diese Kosten im Falle einer Betreibung sonst nicht ins betreibungsrechtliche Existenzminimum einberechnet werden und die Pfändungssumme höher ausfällt.

💡 Gläubiger kontaktieren statt sich umzuschulden: Kredite aufnehmen um andere Rechnungen zu begleichen? Ein solches Vorgehen kann schnell ausser Kontrolle geraten. Besser ist es, Kontakt mit dem Gläubiger aufzunehmen und einen realistischen Zahlungsvorschlag ausarbeiten, zum Beispiel in Form von Raten. Falls nötig kann man um einen Zahlungsaufschub bitten.

💡 Konsumverhalten anpassen und Reserven anlegen: Gerade wenn man weiss, dass eine Wirtschaftskrise bevorsteht oder sich die persönlichen Einkommensverhältnisse aus sonstigen Gründen ändern werden, sollte man unnötige Ausgaben reduzieren und etwas Geld auf die Seite legen.

💡 Schuldenberatung aufsuchen: Kantonale Schuldenberatungsstellen und Organisationen wie Caritas bieten Schuldnern professionelle und kostenlose Unterstützung an. Bei Geldproblemen heisst es also: Schamgefühle beiseite stellen und Hilfe annehmen.
(gjo)

Während des Lockdowns sei das Beratungstelefon «praktisch verstummt», sagt Nyffeler weiter. Die Leute hatten plötzlich andere Ängste, mussten sich in der neuen Situation zurechtfinden, Betreuung für ihre Kinder organisieren. Geldsorgen dürften bei einigen kurzzeitig in den Hintergrund getreten sein. Doch jetzt klingle das Telefon wieder wie eh und je, in Luft aufgelöst hätten sich die Geldsorgen nicht, bei manchen seien sie sogar schlimmer geworden.

Schuld daran ist aber nicht bloss Corona. In die Schuldenspirale geraten häufig Leute, die ihren Konsum nicht im Griff haben: Sie kaufen unbeschwert Kleider, Möbel oder Elektronikprodukte auf Kredit ein und verschieben die Zahlung auf den St.Nimmerleinstag – moderne Zahlungsmethoden wie Paypal machen es möglich. Oder sie haben mehrere Leasingverträge und somit relativ hohe monatliche Fixkosten, die sie sich im Falle eines Jobverlustes nicht mehr leisten können. Gerade der coronabedingte Boom des Onlineshoppings könnte das Problem der Überschuldung verschärft haben. Darüber hinaus verschulden sich Leute freilich auch aus Gründen wie Scheidung, Krankheit, Erbschaft oder Familiengründung.

Inkassofälle nehmen schon seit Jahren zu

«Zahlreiche Leute leben über ihren Verhältnissen und bezahlen Rechnungen einfach nicht. Solche Inkassofälle nehmen seit Jahren zu», sagt Dick Wolff, Inhaber der Liechtensteiner Inkassofirma IB Score AG, beim Besuch seines Betriebs in Liechtenstein. IB Score AG ist in der Schweiz, in Liechtenstein sowie im Ausland tätig. «Wir haben deshalb mehr als genug Arbeit und wollen nicht von der Coronakrise profitieren», betont er im Gespräch, darum bemüht, den schlechten Ruf seiner Branche zu korrigieren.

Der Branche wird zum Beispiel vorgeworfen, Schuldner mit harten Formulierungen und Drohungen zu verunsichern (siehe Interview unten). Nicht selten werden Inkassofälle in Sendungen wie «Kassensturz» thematisiert. Wolff argumentiert, dass in diesem Bereich die Rolle des Täters und Opfers in der öffentlichen Wahrnehmung vertauscht ist. «Firmen haben das Recht, bezahlt zu werden. Sonst kommen sie in finanzielle Schwierigkeiten.» In der aktuellen Situation könnte es so tatsächlich zu einer Abwärtsspirale kommen. Schon jetzt wird im Herbst mit einer Welle von Firmenkonkursen gerechnet.

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    Alle Leser-Kommentare
  • insert_brain_here 12.10.2020 10:15
    Highlight Highlight Die Corona-Krise verschäft ein bekanntes Phänomen: Arm sein ist richtig teuer!
    Wer dauernd damit kämpft den aktuellen Monat zu überstehen ist immer wieder dazu gezwungen kurzfristige Einsparungen zu machen die langfristig teuerer sind. Schuhe für 30.- die nach drei Monaten auseinanderfallen statt solche für 100.- die mehrere Jahre halten, nicht zum Zahnarzt gehen, körperliche Beschwerden ignorieren, unbehandelte Depressionen etc.
    Anderes Problem: Steuern werden im betreibungsrechtlichen Existenzminimum NICHT berücksichtigt.
  • neoliberaler Raubtierkapitalist 11.10.2020 19:52
    Highlight Highlight In solchen Zeiten merkt man wieder, ein Leben auf Pump ist sehr gefährlich. Verliert man den Job, so ist es extrem wertvoll, wenn man einen Notgroschen hat und wenig Verpflichtungen (Ratenzahlungen, teure Wohnung etc.).
    • Eiswalzer 11.10.2020 22:45
      Highlight Highlight Es ist aber umgekehrt auch so, dass wir noch nie ein so „faires“ System hatten, dass möglichst alle Leute sich einen gewissen Wohlstand leisten konnten. Früher waren es Knechtschaft, Leibeigene, Sklaverei, Feudalismus, usw. Heute ist es halt oft ein Leben auf Pump (in vielen Ländern und in vielen Aspekten). Wir hatten zumindest on westlichen Industrieländern so etwas wie eine ziemlich stabile Situation ca. 1950-2000. Die Frage ist jetzt: Erodiert das wieder oder kriegen wir die Kurve? Wenn ich sehe, wie wenig ECHTE Solidarität (vor allem wenns ums Geld geht) noch da ist, kriege ich Angst...
    • neoliberaler Raubtierkapitalist 11.10.2020 23:21
      Highlight Highlight @Eiswalzer Ich denke, wir werden auch in Zukunft unseren Wohstand steigern können (in allen Schichten). Aber auch dann kann immer m̶̶e̶̶h̶̶r̶̶ ̶̶o̶̶d̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶n̶̶i̶̶g̶̶e̶̶r̶ Unerwartetes passieren (Jobverlust, Trennung, Kind, Krankheit).
  • Kosmos33 11.10.2020 18:12
    Highlight Highlight Man sollte einfach mal einen generellen betreibungsstop in dieser krisenzeit machen.
  • Unicron 11.10.2020 17:25
    Highlight Highlight Es ist schon hart. Normalerweise hatte ich pro Jahr alleine durch Überstunden welche ausbezahlt werden um die 10'000fr mehr pro Jahr als 2020. Das Geld reicht um die Rechnungen zu bezahlen, aber Luxus wie auswärts essen oder Ausflüge liegen halt eher nicht drin.

    Immerhin zahle ich dafür wohl nächstes Jahr massiv weniger Steuern 😂
  • Biindli 11.10.2020 17:18
    Highlight Highlight Wenn man die Krankenkasse und die Steuern nicht bezahlen kann ist das wirklich tragisch und ich hoffe die Betroffenen erhalten Unterstützung. Für den Rest gilt: Hast du kein Geld, dann kauf es NICHT. Ich finde es sehr bedenklich, dass man heute so vieles in Raten bezahlen kann.
    Ich selbst bin mal 3 Jahre mit 1500.- / monat durchgekommen. Schulden habe ich keine gemacht jedoch öfters mal eine Occasions-Anschaffung gemacht etc. Mir ist kein Zacken aus der Krone gefallen dabei.
    • Eiswalzer 11.10.2020 17:39
      Highlight Highlight Mit 1500.- durchkommen???? Mit Miete, KK etc? Wie soll das bitte gehen?????
    • Unicron 11.10.2020 17:40
      Highlight Highlight Schön dass es für dich geklappt hat, aber solche Probleme kommen oft schleichend und man ist wirklich nicht immer selber schuld.

      Ich hatte zB Jahre lang die Situation dass meine Partnerin wegen psychischen Problemen nicht arbeiten konnte. Der IV war das egal und das Sozialamt hat, da ich mit ihr zusammen lebe, einfach meinen Lohn mit einberechnet. Also wurde ich dazu verdonnert für ihren Lebensunterhalt aufzukommen und konnte das noch nicht mal von den Steuern abziehen. 2x Krankenkasse, 2x Handyrechnung usw. Vorallem die Steuerrechnung Ende Jahr war dann schon jeweils ein Problem.
    • Biindli 11.10.2020 18:36
      Highlight Highlight @Eiswalzer 20m2 Zimmer gemietet für CHF 350.-, Prämienverbilligung bei Krankenkasse und dann gut Haushalten und den Lebensmitteleikauf und Verbrauch super planen. Es war während meinem Studium von 2004-7. Heute käme ich so auch nicht mehr durch.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Martin Blank 11.10.2020 17:13
    Highlight Highlight Bitte berichtet in dem Zusammenhang über rechtswidrige Machenschaften der Inkassounternehmen. Mit einer Lohnpfändung über mehrere Jahre hatte ich leider nicht mehr die nötige Energie, um alle Rechnungen zu prüfen. Daher wurden durch das Betreibungsamt viele Rechnungen beglichen, bei welchen ich als Schuldner nur für einen Teil des Betrags verantwortlich war. Was diese Unternehmungen in der Schweiz immer noch betreiben, ist rechtlich gesehen mehr als illegal. Bin mir bewusst, dass nur ich für meine Situation verantwortlich war und habe es zum Glück aus dem ganzen Scheiss heraus geschafft.
    • plataoplomo 11.10.2020 18:25
      Highlight Highlight Rechtsvorschlag erheben dürfte da aber jetzt auch nicht zuviel verlangt sein... Ist ja keine Rocketsience
    • insert_brain_here 12.10.2020 10:00
      Highlight Highlight @Martin Blank: In der Tat, sehr viele Inkassobüros schlagen einfach völlig haltlose Kosten auf die ursprüngliche Forderung drauf und spekulieren darauf, dass ein Grossteil der Schuldner die rechtlichen Grundlagen bzw. Möglichkeiten nicht kennt oder nutzt. Wird Rechtsvorschlag erhoben werden diese Beträge einfach fallengelassen. Offenbar sieht sich keine Behörde in der Pflicht dagegen vorzugehen, wenn ein Geschäftsmodell darauf basiert wissentlich ungerechtfertigte Forderungen zu stellen ist das gemäss meinem Empfinden nichts anderes als gewerbsmässiger Betrug.
  • kliby 11.10.2020 16:58
    Highlight Highlight Lasst mich raten: Die die in Politik und Verwaltung über Corona-Themen und -Massnahmen entscheiden, gehören nicht zu jenen denen Verschuldung und Privatkonkurs drohen.

    Überraschung aber auch.
    • ursus3000 11.10.2020 17:21
      Highlight Highlight Das ist Betroffenheitskitsch . Arbeiten in der Alkoholverwaltung Alkoholiker ?
    • Hierundjetzt 11.10.2020 17:25
      Highlight Highlight Bis Du eine Betreibung erhältst dauert es 5 - 6 Monate. Also wenn Du heute betrieben wirst, hast Du *vor* dem Lockdown zuviel Geld ausgegeben.

      Es gibt, wie im Artikel erwähnt, sehr gute Gründe warum man in die Schuldenspriale gerät und das kann jeden von uns treffen. Bei vielen anderen ist es einfach auch ein wenig Sorglosigkeit.
    • Remo85 11.10.2020 18:23
      Highlight Highlight Stimmt nicht immer... habe letzte woche jemanden betrieben, der nach dem lockdown nicht bezahlt hat... ich habe 1 Zahlungserinnerung versendet und noch einmal per whatsapp auf die offene rechnung hingewiesen. Das muss reichen.
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