Post feiert Betrügerin: Wie eine Hochstaplerin alle täuschte
Ihr flogen die Herzen zu. Auch am letzten Donnerstag im Kunsthaus Zürich. Der Applaus für sie war warm und anhaltend. Vertreter der Post, des Museums, der Giacometti-Stiftung und des Bergells, die mit ihr während eines ganzen Jahres zusammengearbeitet hatten, schienen begeistert.
Offenherzig erzählte die Kuratorin von ihrer Liebe zu Alberto Giacometti, zum Engadin, zur Kunst überhaupt – und dass heute ein «once in a lifetime»-Moment sei: C.G. (Name der Redaktion bekannt) enthüllte ihr jüngstes Werk, die Sondermarke «Giacometti».
Auch die «Tagesschau» rückte in ihrer Hauptausgabe die Frau gleichentags ins Bild und feierte sie als «Initiantin der Giacometti-Marke». Auch hier punktete G. und war charmant. Sie gab das Lob ihrem Vater weiter, da er die Idee für das Motiv gehabt hätte.
Urteil vom Obergericht Engadin und vom Bundesgericht
Was niemand wusste: Die Deutsche aus St.Moritz ist mehrfach vorbestraft. Das Obergericht des Kantons Graubünden wies ihr den betrügerischen Missbrauch der Kreditkarte eines Bekannten nach, eines Mitglieds der königlichen Familie aus Bahrain. Die Deliktsumme beträgt 700'000 Franken. Am 15. Januar wies das Bundesgericht eine Beschwerde von C.G. ab. Das Urteil ist somit rechtskräftig.
G. kassierte dafür eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Davon muss sie ein Jahr absitzen, weil sie einschlägig vorbestraft ist und im Verfahren keine Reue gezeigt hatte. Die Haft angetreten hat sie bisher nicht. Zudem wurde sie für fünf Jahre des Landes verwiesen. Der Beobachter berichtete zwei Tage vor ihrem Zürcher Auftritt am 3. März über das Urteil. Der Artikel erwähnte die Beschuldigte anonymisiert unter dem Kürzel C.G.
Am Sonntag dann zählte der «Sonntagsblick» zwei und zwei zusammen. Er enttarnte C.G. als eben jene Frau, die gemeinsam mit der Post die Sondermarke «Giacometti» realisiert hat. G. ist im Engadin als freie Autorin und Kuratorin tätig, macht Ausstellungen im «Kunstraum St.Moritz», schreibt für die «Engadiner Post» und immer wieder über die regionale Galerienszene. Dabei sitzt sie an den Honigtöpfen: Nirgendwo gibt es auf kleinem Raum derart wichtige, internationale Galerien wie im Engadin.
Christian J. Jenny: «Sie ist ein weiblicher Felix Krull»
Wer ist diese Frau, wer hat sie engagiert – und für ihre Arbeit letztlich auch bezahlt? Lediglich einer findet klare Worte, Christian Jott Jenny, der Gemeindepräsident von St.Moritz. «Sie ist eine weibliche Form von Felix Krull», meint er auf Nachfrage. Krull ist eine Hochstaplerfigur von Thomas Mann, die die Reichen und Schönen ausnimmt. Doch Jenny anerkennt auch: «Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Idee der Giacometti-Marke sehr gut war.»
Jenny kennt G. persönlich. Sie hatte sich 2020 als Mitglied in die Kulturkommission St.Moritz wählen lassen, auf Vorschlag der FDP-Fraktion. Wie beliebt die Kandidatin gewesen sein muss, lässt sich nur erahnen. Im Protokoll der betreffenden Gemeindeversammlung ist nachzulesen: Ihre Kandidatur erhielt mehr Stimmen als jene des prominentesten Mitbewerbers, des Kunstsammlers Rolf Sachs. C.G. war bis 2022 Mitglied der Kulturkommission und amtete auch als Vizepräsidentin.
Keine Verantwortlichkeit, Honorar unbekannt
Das falsche Spiel der Wahlengadinerin währte in St.Moritz nur kurz, dennoch konnte sie in Zusammenarbeit mit der Post die «Giacometti-Marke» realisieren. Niemand schien sich für den Hintergrund der Kuratorin zu interessieren oder Meinungen eingeholt zu haben.
Alexander Jolles, Stiftungspräsident der Giacometti-Stiftung, meint zur Verantwortlichkeit: «Die Stiftung hat nichts mit diesem Projekt zu tun.» Und weiter: «Meines Wissens hat C.G. das Kunsthaus Zürich kontaktiert, um die Lancierung der Briefmarke der Schweizerischen Post im Rahmen der neuen Giacometti-Präsentation durchzuführen. Eine Einladung, Beauftragung oder Bezahlung an sie ist seitens der Giacometti-Stiftung nie erfolgt.» Das Kunsthaus argumentiert, lediglich als Austragungsort der Lancierung zur Verfügung gestanden zu haben.
Eine besondere Rolle kommt jedoch der Post zu. Auf die Glaubwürdigkeit von C.G. angesprochen und zur Bezahlung ihrer Arbeit erklärt die Mediensprecherin: «Ideengeber haben bei der Entstehung einer Briefmarke zu keiner Zeit ein Mandat von uns und werden auch in keiner Form von uns finanziell entschädigt – auch nicht im Fall der Giacometti Briefmarke und im Falle von C.G.»
Die Post bewirbt Folgeprojekte, die es gar nicht gibt
Das mag sein, dennoch wird die Kuratorin von der Post prominent beworben, nicht nur im Zusammenhang mit der Sonderbriefmarke. Stefan Bühler, Leiter Briefmarken und Philatelie, war an der Lancierung im Kunsthaus anwesend. Er widmet G. im aktuellen Magazin «Die Lupe» eine Doppelseite. Denn Bühler will das Magazin neuerdings nicht nur als Briefmarkenmagazin, sondern auch als «Kulturmagazin» verstehen.
Aus diesem Grund verweist er, unübersehbar auf die allerneusten Kultur-Initiativen von C. G. «Einen Essayband, ein Kinderbuch und eine Jubiläumsausstellung» zu Giacometti» soll sie planen. Mehr zu erfahren, so «Die Lupe», sei unter alberto-giacometti.ch. Wer die Webseite öffnet – findet sie leer. Auf Anfrage kündigte G. eine Stellungnahme an, eingetroffen ist sie bisher nicht. Stattdessen meldet sich ihre Anwältin. Ihre Klientin distanziere sich von allen Vorwürfen. (bzbasel.ch)

