Nach NZZ-Minus: Neuer Eigentümer des Zurich Film Festival ändert Pläne
Sylvester Stallone, Sharon Stone, Benedict Cumberbatch: An Hollywood-Stars mangelt es dem Zurich Film Festival (ZFF) nicht. Was der Besitzerin NZZ fehlte, war der Profit. Vor einem Jahr verkaufte sie den Anlass deshalb an eine Eigentümergruppe um Direktor Christian Jungen (watson berichtete). Wenn sich die NZZ-Aktionäre am Samstag zur Generalversammlung treffen, dürfte die Transaktion noch einmal zu reden geben, denn sie ist Endpunkt einer wirtschaftlichen Fehleinschätzung.
Im Jahr 2025 löste die NZZ Goodwill in der Höhe von 43 Millionen Franken auf. Das geht einerseits auf den Verkauf des ZFF und der damit verbundenen Agentur Spoundation Motion Picture (SMP) zurück, andererseits auf den Verkauf der Architektur-Plattform Architonic. Wie viel Geld das Medienhaus mit dem ZFF-Investment verloren hat, gibt es nicht bekannt. Geheim ist auch, wie viel die Gruppe um Jungen bezahlt hat. Es sei ein «gewichtiger Preis», sagt er. Die Verluste der NZZ dürfte er bei weitem nicht decken. Ein Beobachter geht davon aus, dass diese einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag mit dem Festival verloren hat.
Warum also gehen Jungen und Co. ins Risiko? Haben sie einen Plan, der über das «Prinzip Hoffnung» hinausgeht? Christian Jungen glaubt, dass das Festival ohne NZZ Vorteile in der Positionierung hat. Auf dem Sponsoringmarkt und bei Stiftungen öffneten sich mehr Türen, das Festival habe «mehr unternehmerische Agilität».
Bei der NZZ war das Festival wohl sowieso in falschen Händen. Das Medienhaus hatte es 2016 von den Gründern Karl Spoerri und Nadja Schildknecht für einen kolportierten Verkaufspreis von zehn Millionen Franken übernommen. Der damalige CEO Veit Dengler schwärmte von «Synergien und Entwicklungspotenzialen» etwa bei der Vermarktung. In der NZZ-Ära legte der Anlass zwar an Qualität zu, das attestieren ihm Fachmedien wie Kulturförderer. Doch wirtschaftlich tauchten bald Probleme auf.
Die Jahresrechnungen zeigen, dass das Festival in den vergangenen sieben Jahren jeweils eine schwarze Null schrieb – mit Ausnahme der Corona-Jahre 2020 und 2021. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Intern dürfte die NZZ das Festival stark subventioniert haben. In einem Dokument der Stadt Zürich aus dem Jahr 2018 ist die Rede von «unentgeltlichen oder vergünstigten Leistungen» durch die NZZ etwa in den Bereichen Buchhaltung, HR und Infrastruktur, dank denen die ZFF AG ihre Kosten gesenkt habe.
Ganz draussen ist die NZZ nicht: Noch zwei Jahre lang unterstützt sie das Festival als Partner. Danach bricht diese Ertragsquelle weg. Christian Jungen setzt für die Zukunft auf mehrere Säulen:
Sponsoring
60 Prozent des 14-Millionen-Budgets des ZFF kommen aus diesem Bereich. Doch es leidet wie viele Kultur- und Sportinstitutionen darunter, dass grosse Firmen weniger Geld ausgeben für Partnerschaften. Jungen will ihnen deshalb mehr bieten. Denkbar seien etwa Einladungen für Sponsoren an Abendessen mit Filmstars – «Erlebnisse, die man sonst nicht kaufen kann».
Hospitality
Im Geschäft etwa mit Firmenanlässen sieht Jungen grosses Potenzial. Dem ZFF helfe der Standort Zürich mit seiner guten Erreichbarkeit. Firmen könnten Kunden auch ans Festival einladen, ohne eine Hotelübernachtung draufzulegen, was viele Reglemente nicht mehr erlaubten. Die NZZ habe in diesem Bereich andere Prioritäten gehabt. «Nun können wir mehr ausprobieren.»
Private Gönner
Privatpersonen können das ZFF mit einer Mitgliedschaft im «Donor»-Club unterstützen. Nur haben das viele nicht gemacht, als es der privaten, gewinnorientierten NZZ gehörte, sagt Jungen. «Seit wir unabhängig sind, konnten wir die Zahl der Mitglieder stark steigern.»
Subventionen
Vom Bund erhält das ZFF 431'000 Franken pro Jahr – über viermal weniger als das Festival von Locarno, aber auch weniger als die kleineren Anlässe von Nyon und Solothurn. Jungen hofft auf eine Angleichung. Mehr Geld will er auch von der Stadt Zürich. Eine Subventionserhöhung lehnte diese 2022 noch grösstenteils ab. «In den zuständigen Parlamentskommissionen musste ich oft mehr über die NZZ reden als über das ZFF», sagt Jungen. Nun sieht es besser aus. Aktuell laufen Verhandlungen. Die Chancen stehen gut, dass die Stadt ihren Betrag von derzeit 450'000 Franken jährlich erhöht. Das ist auch deshalb wichtig, weil der Kanton, der 400'000 Franken beisteuert, sich an dieser Entscheidung orientiert.
Ticketeinnahmen
Die Ticketeinnahmen will Jungen stabilisieren oder steigern. In den vergangenen Jahren stiegen die Zuschauerzahlen auf zuletzt 101'000 Film-Eintritte und 34'000 im Rahmenprogramm wie dem Filmmusik-Wettbewerb. Damit schloss das ZFF zu Locarno mit 150'000 Besuchern auf. Alles hänge an der Auswahl der Filme, sagt Jungen. «Wir sind in Zürich, nicht in einem Ferienort, wo die Leute sowieso Urlaub machen und das Festival besuchen. Wir verkaufen Tickets nur, wenn Leute einen Film wirklich sehen wollen.» Es sei aber einfacher geworden, an gute Filme zu kommen, weil das ZFF bekannter werde.
Hollywood-Stars werden auch künftig in Zürich auflaufen. Dass er sich damit dem Vorwurf des «Cüpli-Festivals» aussetzt, stört Jungen. Das sei ein mediales Zerrbild, weil Medien am liebsten über Stars schrieben. Das Festival sei aber viel mehr, etwa das «beste Schaufenster für den Schweizer Film». In der Ökonomie der Aufmerksamkeit brauchten heute alle Festivals Zugpferde. «Wenn man die internationalen Stars hat, kommen auch die internationalen Medien. Andere hätten diese Stars auch gerne.»
Sowieso predige er nicht zu den Bekehrten, sondern mache ein Festival für alle. Die Preise – laut SRF die höchsten eines Schweizer Filmfestivals – seien für Zürich und im Vergleich zu Konzerten oder Fussballspielen «recht moderat». Es werde viel geboten. Bei fast allen Vorführungen seien Mitwirkende wie Regisseure oder Schauspielerinnen dabei.
Jungen ist zum Erfolg verdammt. Die Entwicklung stimmt ihn zuversichtlich. Das ZFF werde mittlerweile von der Konkurrenz respektiert. Tatsächlich sind die Stimmen leiser geworden, die dem ZFF zu Beginn ein rasches Scheitern prophezeiten und ihm danach die Existenzberechtigung absprachen. Das Kino ist in der Krise, die Eintritte sinken rasant. Wenn es nicht einmal dem auf Popularität getrimmten ZFF gelingen sollte, Leute für Filme zu begeistern, wären das für die Branche schlechte Nachrichten.

