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Video: watson/lea bloch

Tabubruch

Jede 6. Schwangerschaft in der Schweiz endet in einer Fehlgeburt – eine Betroffene erzählt

In der Schweiz endet circa jede sechste Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt, doch nur ein Bruchteil der Frauen erhält Hilfe. Problematisch sei besonders, dass das Thema noch tabuisiert sei, findet eine Betroffene. Das soll sich ändern.



Jede fünfte bis sechste Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt, die Mehrheit während der ersten drei Monate. Von dieser Schätzung gehen Forschende und die Schweizer Fachstelle Kindsverlust aus, eine offizielle Statistik gibt es nicht. Verliert eine Mutter ihr Kind während der Schwangerschaft, kann das Trauer und Schuldgefühle auslösen. Allerdings müssen die meisten betroffenen Paare alleine damit klarkommen. Das soll sich ändern.

So fühlt sich eine frühe Fehlgeburt an

Video: watson/lea bloch

Wie belastend eine Fehlgeburt sein kann, weiss Luisa Wolf. «Es fing an mit leichten Blutungen, dann kamen die Bauchkrämpfe und da dachte ich schon: Jetzt ist es vorbei.» Sie habe zwei Fehlgeburten erlitten, eine vor und eine nach der Geburt ihres Sohnes. Die 34-Jährige findet, dass man besonders in den ersten Wochen einer Schwangerschaft Hilfe gut gebrauchen könne, je nachdem wie die Frühschwangerschaft-Symptome ausfielen.

Status quo wird bemängelt

Die Versorgung und Behandlung von Betroffenen eines Aborts sei weltweit schlecht organisiert. Das halten Fehlgeburtenforscherinnen aus Grossbritannien in ihrem diesjährigen Bericht fest und fordern eine Reform. «Der einzige Rat, den viele Frauen erhalten, ist es noch einmal zu versuchen. Das ist nicht gut genug. Wir müssen sicherstellen, dass die Frauen richtig unterstützt werden», sagt Mitautorin und Fehlgeburtenforscherin Siobhan Quenby.

Auch in der Schweiz wird die Hilfe für betroffene Frauen nach einer Fehlgeburt bemängelt. Drei Gründe, warum das so ist.

Begriffserklärung

Wenn eine Geburt vor dem dritten Monat (12. Schwangerschaftswoche) endet, spricht man von einer «frühen» Fehlgeburt, einem Frühabort. Die «späten» Fehlgeburten sind jene zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche. Danach spricht man von einer Totgeburt.

Fehlgeburt: Ein Tabuthema

Noch immer werde zu wenig über das Thema Fehlgeburt gesprochen, findet Luisa Wolf, insbesondere über die frühe Fehlgeburt. Selber von dieser Erfahrung gezeichnet, interviewte die Schauspielerin diverse Betroffene und thematisiert in ihrem Kurzfilm den Frühabort. «Für Betroffene ist das ein Schock», sagt die 34-Jährige und erzählt gegenüber watson, warum heute noch zu wenig darüber gesprochen werde.

So fühlt sich eine frühe Fehlgeburt an

Video: watson/lea bloch

Zu wenig informiert

Die meisten Frauen, mit denen Luisa Wolf für ihren Film sprach, seien nicht über mögliche Hilfsangebote aufgeklärt worden. Die Schauspielerin sagt, dass sie selber zwar Informationen von ihrem Gynäkologen erhielt. Im Schock über die traurige Botschaft habe sie kaum etwas vom Gesagten aufnehmen können. «Um eine Broschüre mit Anlaufstellen wäre ich froh gewesen», erzählt Wolf.

Dieses Problem kennt Anna Margareta Neff. Sie ist Leiterin der Fachstelle Kindsverlust und findet: «Eltern sollten wissen, dass sie während und nach einer Fehlgeburt unterstützt werden können.»

Anlaufstelle für betroffene Mütter und Väter

Wer ein Kind durch eine Fehlgeburt verliert, muss damit nicht alleine zurechtkommen. Kostenlose Hilfe und Unterstützung bieten die Fachstelle Kindsverlust oder www.engelskinder.ch.

Von den jährlich geschätzten 20'000 Frauen, die eine frühe oder späte Fehlgeburt erlebten, holten sich etwa 200-250 Hilfe bei ihrer Fachstelle, sagt Neff. Dass die Betroffenen den Verlust häufig mit sich selber ausmachen wollten und sich deshalb nicht meldeten, glaubt die Hebamme nicht. «Viele Frauen fühlen sich alleine gelassen. Zum Teil rufen auch ihre Partner bei uns an, weil die Frauen in dem Moment keine Kapazität haben, sich selber Hilfe zu holen.» Ausserdem hätten sich nach Veröffentlichung der britischen Studie, die in diesem Text eingangs erwähnt ist und über die einige Medien berichtet haben, erheblich mehr Betroffene bei der Fachstelle gemeldet. «Das zeigt, wie wichtig Aufklärung ist», so Neff.

Gründe sind oft unklar

Aus medizinischer Sicht seien die Gründe für eine Fehlgeburt oft schwierig herauszufinden, schreibt das Onlineportal Swissmom. Möglich sei etwa das Alter der Frau, dass sich der Embyrio nicht einnisten konnte oder dieser ein Chromosomendefekt aufweise. Nach drei aufeinanderfolgende Aborten vor der zwanzigsten Schwangerschaftswoche werde dazu geraten, nach einer Ursache zu suchen.

Auf der Suche nach einer Erklärung würden sich die Frauen jedoch oft selber die Schuld geben, sagt Neff von der Fachstelle Kindesverlust. Was sich in ihren Augen dringend ändern müsse, sei die gynäkologische Praxis. «Ich erwarte von medizinischen Fachpersonen, die bei einer Frau eine Fehlgeburt feststellen, dass sie die Eltern über Betreuungsmöglichkeiten informieren», so Neff.

Das werde zurzeit gefördert: Um betroffene Frauen und Paare zu informieren, hat die Fachstelle zusammen mit dem Berufsverband der Gynäkologinnen und Gynäkologen eine Broschüre zum Thema frühe Fehlgeburt erarbeitet. Diese würden momentan an die Praxen und Spitäler in der Schweiz verteilt, sagt Neff.

Finanzen: Noch zahlen die Betroffenen selber

Die Unterstützung der Fachstelle Kindesverlust ist für Betroffene weitgehend kostenlos. Der Verein lebt von Spenden. Bei einer Fehlgeburt fallen jedoch insbesondere medizinische Kosten an, beispielsweise durch die Behandlung beim Gynäkologen. Das müssen die Betroffenen meistens selber berappen: Die Krankenkasse zahlt erst ab der 13. Schwangerschaftswoche, während der Geburt und acht Wochen danach.

Das soll sich jedoch ändern: Parlament und Bundesrat haben vor rund einem halben Jahr einen entsprechenden Vorstoss der Nationalrätin Irène Kälin (Grüne) angenommen. Demnach sollen Krankenversicherungen die Kosten bereits ab der ersten Schwangerschaftswoche decken. «Für Frauen, die in den ersten drei Monaten einen Frühabort erleiden, ist das eine Erleichterung und das Ende der bisherigen Diskriminierung. Ausserdem trägt es zu Entstigmatisierung bei», findet Kälin.

Der Haken daran: Ab wann das Gesetz greift, ist noch unklar. Der Bundesrat will die Kostenbefreiung im Rahmen einer Gesamtrevision des Krankenversicherungsgesetzes umsetzen. «Das dürfte vermutlich noch bis im Jahr 2023 dauern», so Kälin.

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