Und NUN: Die wunderbare Welt der Opas, die Baustellen begaffen
Vielleicht sind sie die wahren Helden des modernen Urbanismus. Oder gar die ultimative Machtinstanz im öffentlichen Raum. Sie sind die Umarells.
Vielleicht ist euch der Begriff nicht geläufig, doch den Typus kennt ihr bestimmt: Es sind Männer im Rentenalter, die ihre epische Freizeit damit verbringen, Baustellen zu überwachen. Allen voran: Strassenbauarbeiten. Und ungefragten Rat erteilen.
Und während dieses Phänomen gewiss weltweit anzutreffen ist, findet es eine beträchtliche kulturelle Dichte in Italien, wo es erstmals 2005 in Bologna vom Autor und Blogger Danilo Masotti identifiziert und benannt wurde.
Die Bezeichnung selbst ist vom Bologneser Dialektwort umarèl abgeleitet, das so viel wie «Männchen» bedeutet. Inzwischen existiert eine anerkannte Ethologie des Umarells:
- Stehend, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit stoischem Blick durch die Maschen des Absperrgitters (oftmals gar nur durch kleine Gucklöcher in der Absperrverkleidung einer Baustelle).
- Essenziell ist auch das ungefragte Feedback: Ein Umarell schaut nicht nur, er kommentiert. Er gibt Ratschläge. Er weiss genau, dass der Zement da drüben viel zu flüssig angerührt wurde, und weiss auch, wie er es besser lösen könnte.
Nicht genug damit, dass Umarells als soziale Sonderheit identifiziert, thematisiert und Gegenstand eines wohlwollenden nationalen Spotts wurden, nein, sie wurden quasi institutionalisiert: In der Küstenstadt Riccione bei Rimini werden seit 2015 Umarells offiziell dafür bezahlt, Baustellen zu bewachen. Ihre Aufgabe: Lastwagen zählen, Lieferungen checken und Diebstähle verhindern.
In Bologna derweil, der spirituellen Heimat der Umarells, beschloss 2016 der Stadtrat, diese Personengruppe, «die dermassen in der DNA der Stadt verankert» sei, in ihrer sozialen Rolle als inoffizielle städtische Aufseher zu würdigen, was unter anderem zur Entwicklung einer Mobile-App führte, mit der man die aktuellen Baustellen geolokalisieren und sich darüber austauschen konnte.
Dort gibt es inzwischen Bauabschrankungen mit Gucklöchern … und – genau hinschauen! – …
… für Umarells reservierte Stehplätze.
Auch gab es in Bologna eine eigene Umarèl Card als Fundraising-Aktion, ...
... und es wurde eine offizielle piazzetta degli Umarells eingeweiht.
2021 wurde umarell linguistisch zertifiziert und vom offiziellen italienischen Wörterbuch «Zingarelli» aufgenommen, was einen Bericht der «Times» zur Folge hatte und damit die Verbreitung des Begriffs ausserhalb des italienischen Sprachraums. 2022 thematisierte die britische Lexikografin und Etymologin Susie Dent den Begriff umarell in ihrem Buch «Words from the Heart – An Emotional Dictionary» auf. Derweil, in Schweden, hat das «Svenska Akademiens ordbok» den Neologismus aufgenommen ...
... und die Stadt Karlskoga hat offiziell umarell-bänkar (Umarell-Bänke) eingeweiht, von denen aus die Einwohner den Bau eines örtlichen Badehauses verfolgen können.
Ach ja: Es gibt mittlerweile sogar ein Brettspiel (La Giornata dell’Umarell) ...
... und – jetzt kommt's! – 3D-gedruckte Umarells für den Schreibtisch!
«Jeder Umarell ist etwa 14 cm gross und steigert deine Produktivität», so die Produktbeschreibung des Herstellers.
Ein kleiner Plastik-Rentner, der dir beim Arbeiten zusieht.
Und dich dabei beurteilt.
