Der Zeitpunkt für das Lichtsteiner-Experiment beim FC Basel ist perfekt
«Pep Guardiola hat ein Jahr im Nachwuchs gearbeitet und ist dann direkt beim FC Barcelona eingestiegen», sagt Sportdirektor Daniel Stucki bei der Vorstellung vom neuen FCB-Trainer Stephan Lichtsteiner am heutigen Dienstag und zeigt damit den Idealfall für die Basler Zukunft mit dem unerfahrenen Trainer auf. Dass das Vertrauen darin, das nächste grosse Trainertalent gefunden zu haben, gross ist, zeigt auch diese Aussage Stuckis: «Er hat das Potenzial für grössere Klubs als den FC Basel.»
Beide Seiten sprachen von einem «langfristigen Projekt» und auch bei Lichtsteiner ist die Überzeugung, dass dieses klappen wird, sehr gross. Dafür brauche es «einen klaren Weg sowie klare Ideen und die habe ich», stellt der Trainer klar. «Ich werde jedem Spieler klare Vorgaben geben, was er auf seiner Position zu tun hat. Wenn ich es schaffe, dass sie mir und meinem System vertrauen, dann werden wir dominieren.»
An Selbstbewusstsein mangelt es Lichtsteiner in jedem Fall nicht. Für den FC Basel ist es aber ein grosses Experiment. Der 42-Jährige ist mit 108 Länderspielen und als Ex-Profi von unter anderem Juventus und Arsenal zweifellos eine grosse Figur des Schweizer Fussballs. Als Trainer beschränkt sich seine Erfahrung bisher jedoch auf die Basler U16 und anderthalb Jahre beim viertklassigen Wettswil. Aus der 1. Liga Classic zum grössten Klub der Schweiz zu wechseln, ist ein gigantischer Schritt.
3 Schicksalsspiele in 10 Tagen
Ob sich dieses Risiko auszahlen wird, ist derzeit unmöglich zu sagen. Eindeutig ist jedoch, dass die FCB-Führung um Präsident David Degen und Sportdirektor Stucki in Lichtsteiner langfristig eine bessere Lösung sehen als Magnin. Sonst wäre Lichtsteiner nicht mit einem Vertrag bis 2029 ausgestattet worden. Und der Zeitpunkt dafür ist sehr gut gewählt.
Zwar haben es Lichtsteiners erste Aufgaben als FCB-Trainer in sich. Am Donnerstag steht das Heimspiel in der Europa League gegen Viktoria Pilsen an, in dem Basel einen Sieg und Schützenhilfe von mehreren Klubs braucht, um die K.o.-Phase zu erreichen. Drei Tage später ist dann Leader Thun im St.Jakob-Park zu Gast, bevor am nächsten Mittwoch St.Gallen im Cup-Viertelfinal wartet. Lichtsteiner stehen in seinen ersten zehn Tagen also gleich drei Schicksalsspiele bevor.
Er hat also die Chance, das Ruder auch mithilfe des Trainereffekts sofort herumzureissen. Gelingt dies nicht, tut das dem «Projekt» aber auch keinen Abbruch. Schliesslich haben Stucki und Co. das Vertrauen in Magnin verloren, weil sie beim Team in den letzten Wochen unter Magnin eine stagnierende oder gar negative Entwicklung festgestellt haben. Wann ist also ein besserer Zeitpunkt für ein Experiment?
Der nächste Umbruch steht bevor
Zumal mit dem Abgang von Goalie Marwin Hitz sowie den drohenden Wechseln von weiteren Leistungsträgern wie Philip Otele, Jonas Adjetey oder Bénie Traoré spätestens im Sommer ein nächster Umbruch unumgänglich ist. Finanziell steht Basel dank der jüngsten Erfolge und Transfereinnahmen ebenfalls gut da. Frühzeitig die Reissleine zu ziehen, um langfristig besser dazustehen, ist mutig und kann sich ausbezahlt machen.
Dafür muss sich aber mehr ändern als nur der Trainer. Die Ansprüche des FC Basel, die mit den Saisonzielen (Titelverteidigung in Liga und Cup) gesetzt wurden, entsprechen nicht dem aktuellen Kader. Die Frage, ob Magnin eine faire Chance erhalten hat, muss mit «Nein» beantwortet werden.
So konnten die Abgänge von Schlüsselspielern nur bedingt abgefangen werden. Im Mittelfeld fehlt Leon Avdullahus Präsenz, im Sturm die insgesamt 14 Tore von Kevin Carlos, der einige wichtige Punkte auf dem Weg zum Double sicherte, und auch Anton Kade könnte mit seiner Flexibilität und Torgefahr gut gebraucht werden.
Shaqiri und sonst?
Von den Neuzugängen schlug ausschliesslich Flavius Daniliuc ein – der Österreicher leitete mit seinem Fehlpass in Salzburg aber die 1:3-Pleite ein und verschuldete in Zürich einen unnötigen Penalty. Neben Xherdan Shaqiri, ohne den beim FCB weiterhin nichts zusammengeht, fehlen zuverlässige Spieler in der Offensive. Stürmer Moritz Broschinski ist bisher ein Fehleinkauf, Albian Ajeti befindet sich seit längerem in der Krise und auch die Flügelstars Philip Otele sowie Bénie Traoré spielen noch nicht auf dem Niveau der Vorsaison. Trotz des mit Abstand höchsten Marktwerts verfügt Basel nicht über ein aussergewöhnliches Kader, das die Super League dominieren sollte. So hat es jeder Trainer schwierig.
Zumal auffällt, dass der FCB unter Magnin im Vergleich zur Vorsaison nach 21 Spieltagen nur einen Zähler weniger holte als unter Fabio Celestini, der am Rheinknie ebenfalls fast rausgeworfen worden wäre, bevor sein Team zu einem furiosen Finish ansetzte und neun der letzten zehn Ligaspiele gewann. Doch die Ansprüche bei den Baslern sind mit den Titeln wieder gestiegen. Dabei sollten wahrscheinlich eher die Phasen vor und nach dem Höhenflug als neue Normalität angeschaut werden.
Gemessen daran, leistete der bei den Spielern beliebte Magnin (Shaqiri: «Ludo macht seinen Job sehr gut, alle kommen mit Freude zur Arbeit.») keine schlechte Arbeit und hätte wohl mehr Zeit verdient, um etwas aufzubauen, als lediglich ein halbes Jahr mit drei Wettbewerben, durch die wenig Zeit für Training blieb. Die BZ Basel titelt deshalb treffend: «Magnin ist auch ein Opfer der Basler Selbstüberschätzung.»
Dass Stucki nun öffentlich Fehler zugibt und auch Lehren daraus zieht, indem er Lichtsteiner beispielsweise erlaubt, einen Co-Trainer mitzubringen, was bei Magnin nicht der Fall war, ist positiv zu werten. Er anerkennt auch, dass seine Transfers nicht eingeschlagen haben. Ob die kurzfristigen Ziele sich nun verändert hätten, liess Stucki offen. Mit dem aktuellen Kader war es von Beginn an unfair, den Trainer am Saisonziel Double zu messen. Für Magnin käme eine allfällige Einsicht zu spät, doch für die Zukunft von Stephan Lichtsteiner könnte sie essenziell sein.
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