«Ich war körperlich am Limit»: Joel Wicki erklärt die Hintergründe seines Rücktritts
Sie haben am Sonntagabend im SRF-Sportpanorama ihren Rücktritt kommuniziert. Wie fielen die Reaktionen aus?
Es gab einen riesigen Ansturm. Ich habe sehr viele Nachrichten bekommen, auf Instagram, Whatsapp, auch E-Mails. Das gibt mir sehr viel Genugtuung. Ich brauche nun aber etwas Zeit, bis ich alles beantwortet habe. Es ist etwas ähnlich, wie wenn ich ein erfolgreiches Schwingfest hatte.
Gab es eine Reaktion, die sie besonders gefreut hat?
Ja, zum Beispiel hat sich Marco Odermatt gemeldet, oder auch Trauffer. Aber es gab auch Nachrichten von Leuten, von denen ich länger nichts mehr gehört habe. Auch das bedeutet mir sehr viel.
Wie haben Sie geschlafen?
Ich habe sehr gut geschlafen. Ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass das Ganze nun durch ist.
Sie treten mit knapp 29 Jahren zurück. Wäre es vorstellbar, dass Sie sich bloss eine Auszeit gönnen und aufs Eidgenössische 2028 in Thun wieder zurückkehren?
Ich glaube nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich bin sehr froh, dass ich so viel erreichen durfte im Schwingen. Das ist weit mehr, als ich mir als Kind erträumt habe. Man muss sich das alles erkämpfen, es wird dir gar nichts geschenkt. Aber ich denke eher nicht, dass es zu einem Comeback kommt.
Was war der emotionalste Moment ihrer Karriere?
Der Sieg am Eidgenössischen war sicher am emotionalsten. Ich möchte aber nicht unbedingt ein Fest hervorheben. Es gab oft grosse und starke Teilnehmerfelder. Da ist es nicht selbstverständlich, dass du am Abend gesund nach Hause gehst. Geblieben ist mir natürlich auch das Unspunnen 2017. Ich war 20 Jahre alt. Ich bekam fünf Eidgenossen zugeteilt, die ich dominieren konnte. Am Ende fehlte knapp eine Minute im Schlussgang und ich wäre Unspunnensieger gewesen.
Gibt es einen Moment, der besonders schwierig war?
Das war 2016 vor dem Eidgenössischen. Ich wollte auf der Schwägalp den Kranz gewinnen. Damit hätte ich als 19-Jähriger bereits alle sechs Bergkränze gewinnen können, das wäre ein Meilenstein gewesen. Ich habe mich auf der Schwägalp aber verletzt und das Eidgenössische schliesslich verpasst.
Sehen Sie Ihre Karriere als vollendet an?
Kilchberg und Unspunnen waren ebenfalls Ziele. Ich habe eigentlich bei jedem Fest gehofft, dass ich am Abend zuvorderst bin. Aber es ist fast nicht möglich, alle Feste zu gewinnen. Was ich erreicht habe, ist gewaltig. Ich habe viele Videos geschaut in letzter Zeit. Nach dem Königstitel gab es einen grossen Empfang in Sörenberg. Das war verrückt, es kamen gegen 10'000 Leute. Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass einmal so etwas für mich stattfinden würde, hätte ich das nicht geglaubt.
In der kommenden Saison findet wieder ein Kilchberg-Schwinget statt. Wäre das nicht reizvoll gewesen?
Der Aufwand wäre zu gross gewesen. Ich hätte jemanden anstellen müssen für unseren Betrieb. Und ich hätte vor allem mehr Aufwand betreiben müssen als vor dem Eidgenössischen in Mollis. Doch das wäre fast nicht möglich gewesen. Ich war körperlich schon vor Mollis am Limit. Auch ich werde älter und etwas weniger beweglich. Es war zuletzt eigentlich alles etwas ausgereizt.
Das heisst, letztlich war der Körper ausschlaggebend?
Es war eher der Körper, ja. Ich gab permanent 110 Prozent. Meine Wochen waren komplett verplant. Am Morgen stand ich früh auf, ging ins Fitness, am Tag arbeitete ich, am Abend ging ich ins Training. Es war andauernd irgendetwas. Doch es braucht auch mal Pausen. Vom Mentalen her könnte ich wahrscheinlich noch mit 40 schwingen.
Ihren letzten grossen Auftritt hatten Sie beim Esaf in Mollis, wo sie im 5. Gang von einem umstrittenen Entscheid ausgebremst wurden. Hadern Sie nicht mit diesem Abschluss?
Ich hatte schon Mühe damit. Das Resultat hätte man geben dürfen. Warum es nicht gegeben wurde, weiss man nicht. Das war sicher nicht einfach, aber man muss das akzeptieren können. Ich war bereit vor dem Esaf, aber es hat nicht sein sollen. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen: Ich hätte im 7. Gang gegen Werner Schlegel die Chance gehabt, nochmals zurückzukommen. Ich kann mich also nicht beschweren. Das letzte Highlight war dann das Tessiner Kantonale, das ich gewinnen konnte.
Ihnen wurde immer nachgesagt, dass Sie kein König zum Anfassen seien. Hat Sie das getroffen?
Mich würde eigentlich wundernehmen, wie man auf diesen Ausdruck gekommen ist. Aber das ist letztlich eine Sache der Medien, das muss mich nicht interessieren. Ich habe es anders wahrgenommen: Ich habe den Leuten immer die Hand gegeben und Fotos gemacht, wenn sie auf mich zukamen. Aber du kannst es nicht allen recht machen. Ich habe mein Bestes gegeben und weiss nicht, warum ich kein König zum Anfassen bin.
Hätten Sie sich als König mehr vermarkten können?
Es hätte vielleicht schon die Möglichkeit gegeben. Zeitlich lag nicht mehr drin. Ich wollte mich auf den Sport konzentrieren und nicht auf die Vermarktung. Was sicher sehr positiv ist: Dass die Sponsoren, die mich von Beginn an unterstützten, bis heute geblieben sind. Diese Beziehungen waren mir wichtig, die haben mich gross gemacht. Ich wollte nicht mit dem Königstitel das schnelle Geld machen.
Welche Rolle spielte ihre Partnerin beim Rücktrittentscheid?
Ich habe viel mit ihr darüber geredet. Sie sagte immer, dass sie mich unterstützen werde, egal, wie mein Entscheid ausfalle. Sie wäre natürlich diejenige gewesen, die während des Winters unseren Bauernhof geführt hätte, weil ich in Magglingen im Spitzensport-WK gewesen wäre.
Vielfach treten Schwinger anlässlich ihres Heimfests zurück. Haben Sie sich ein solches Szenario überlegt?
Das habe ich auf jeden Fall. Das Problem ist: Bis zum Bergschwinget in Sörenberg dauert es noch sieben Monate. Dann hätte ich auch ganz normal nochmals eine Saison schwingen können. Das wollte ich aber nicht.
Nach dem Eidgenössischen trat Pirmin Reichmuth zurück. Nun hören Sie auf. Der ISV verliert innert Kürze die beiden besten Schwinger. Kann das kompensiert werden?
Ich konnte nicht dem Verband zuliebe zuwarten mit meinem Entscheid. Der Verband nimmt mir ja auch nicht die Operation ab, wenn mein Knie kaputt ist. Aber ich will mich sicher in irgendeiner Form engagieren und den Jungen etwas weitergeben.
Aber die Lücke, die Sie hinterlassen, ist riesig.
Im Moment kann ich das nicht einschätzen. Es kann sein, dass sich Athleten während des Wintertrainings enorm entwickeln. Und es hat sehr viele gute Jungs dabei. Wir hatten immer etwas Pech in den letzten Jahren mit Verletzungen. Doch es gibt Leute, die 120 Kilo wiegen und 1,90 gross sind. Wenn sie sich schwingerisch noch etwas entwickeln, sind sie bald an der Spitze.
Können Sie sich also ein Mandat innerhalb des Verbandes vorstellen? Oder vielleicht sogar TV-Experte?
Ich will nicht vom aktiven Schwingsport zurücktreten und sogleich Fernseh-Experte werden. Ich möchte das alles zuerst etwas sacken lassen. Ich werde das Schwingen sicher weiterhin verfolgen. Ich werde das alles aufgleisen. Mal schauen, wo sie mich einsetzen können.
Was werden Sie am meisten am Schwingsport vermissen?
Zum Beispiel das Publikum, das Szenenapplaus gab und Freude an meiner offensiven Schwingart hatte. Diese Begegnungen mit den Leuten werden mir schon fehlen. Und die Zeit mit den Kameraden in der Garderobe oder in den Schwingtrainings. Und nicht zuletzt die Zeit im Fitness mit meinem Trainer Daniel Hüsler, das ist eine richtige Freundschaft geworden. (bzbasel.ch)
