Sind Offensivstars noch zu verteidigen? Das hat sich im Fussball verändert
Dieses Spiel wird Fussballfans noch lange in Erinnerung bleiben. Der 5:4-Sieg von Paris Saint-Germain gegen Bayern München war eine der besten Partien dieses Jahrtausends. Da sind sich alle einig.
«Ich habe noch nie eine solche Intensität, ein solches Tempo und ein solches physisches Niveau gesehen», sagte PSG-Trainer Luis Enrique danach. Bayerns Joshua Kimmich stellte fest: «Nach 25, 30 Minuten war halt nix mehr mit Kontrolle.» Und Harry Kane fügte an: «Wenn die besten Spieler der Welt aufeinandertreffen, dann schwingen manchmal die Offensivkräfte obenaus.»
Trotz der insgesamt neun Tore war keine Kritik an der Defensive zu hören. Ex-Verteidiger Jamie Carragher erklärte: «Normalerweise würde ich bei einem solchen Spiel denken, dass die Verteidiger nicht gut genug waren.» Doch im Halbfinal-Hinspiel der Champions League sei jeder Angreifer überragend und schlicht besser als sein Gegenüber gewesen. «Das Level der Stürmer war so hoch, dass es fast unmöglich war, die Tore zu verhindern», so die Liverpool-Legende.
So stellt sich nun die Frage: Hat der Grundsatz «Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel» ausgedient? Weil die Einzelspieler in der Offensive heute einfach zu gut sind, um sie zu verteidigen?
watson hat diese These dem Taktikexperten Constantin Eckner von spielverlagerung.de vorgelegt. Dieser sieht darin durchaus einen wahren Kern. «Mittlerweile besitzen so viele Angreifer eine derartige Explosivität und Antrittsstärke, können den Ball gleichzeitig aber eng führen, sodass sich Verteidiger besonders auf den Aussenbahnen im Nachteil befinden», erklärt Eckner.
Da helfen weder Speed noch Zweikampfstärke
Gegen Spieler wie Michael Olise oder Chwitscha Kwarazchelia können sich Verteidiger kaum über 90 Minuten wehren. Den Bayern half gegen Désiré Doué und Achraf Hakimi auf der rechten Angriffsseite von PSG weder der Speed von Alphonso Davies noch die Zweikampfstärke des zur Halbzeit eingewechselten Konrad Laimer. Eckner: «Defensiv sahen gestern alle fünf Aussenverteidiger immer wieder schlecht aus. Aussenverteidiger zu sein ist ein undankbarer Job.»
Das liegt wohl auch daran, wie das Team von Trainer Luis Enrique angreift. Eckner, der unter anderem für RTL und DAZN als Moderator arbeitet, spricht von «künstlichen Kontern». Dabei handelt es sich um Schnellangriffe, bei denen der Ball nicht erst zurückerobert werden muss. «Denn man möchte den Ball ja gar nicht erst verlieren.» Trotzdem erwischt der Titelverteidiger die gegnerischen Defensiven in der Champions League auch so in unsortiertem Zustand, wodurch gerade die Aussenverteidiger in 1-gegen-1-Situationen verwickelt werden können.
In Bezug auf die These, dass der gestrige Abend einen Blick in die Zukunft gewährte, bremst der Experte aber etwas. Schliesslich seien zwei der besten Teams der jüngeren Zeit aufeinandergetroffen und gebe es Ausnahmekönner wie Olise oder Lamine Yamal nicht zuhauf. «Allein die hohe Qualität in der Offensive, die extrem starke Ballkontrolle auf engem Raum und unter hohem Pressingdruck lassen sich nicht einfach kopieren», so Eckner. Selbst in der Königsklasse könnten dahingehend nur wenige Teams mithalten.
Kürzlich erklärte der frühere deutsche Nationaltrainer Joachim Löw in einem Interview mit der Zeit, dass der Fokus nach Niederlagen nicht mehr auf die missratene Defensivleistung, sondern auf die Offensive gelegt werden solle: «Wieso haben wir das Spiel nicht bestimmt, keine Lösungen gefunden, um den Gegner zu dominieren?»
Constantin Eckner erwartet hingegen, dass im Liga-Alltag eine Grundstabilität in der Defensive entscheidend bleibe, um konstant punkten zu können. In der Champions League werde offensiver Fussball eher belohnt – besonders im K.o.-Modus. Eine wichtige Maxime sei aber, sich für einen Stil zu entscheiden. «Entweder man geht voll drauf oder man zieht sich komplett zurück», brachte Bayern-Trainer Vincent Kompany dies auf den Punkt. Ein Mittelweg sei kaum möglich, ergänzt Eckner.
Im Final kommt es zum Clash zweier Denkschulen
Den Gegenpart zu PSG–Bayern dürften am heutigen Abend Atlético Madrid und Arsenal bieten. Das Team von Trainer Diego Simeone setzt in grossen Spielen seit Jahren auf ein Abwehrbollwerk, während Arsenal unter Mikel Arteta für einen schablonenartigen Fussball bekannt ist. Im Champions-League-Final kommt es also unabhängig davon, welche Klubs diesen nun erreichen, zum Clash zweier Denkschulen, die schon in der Vergangenheit immer wieder aufeinanderprallten.
Eckner erwartet, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Einen endgültigen Triumph vom totalen Offensiv- über den Stabilitätsfussball oder umgekehrt werde es kaum geben. Zumal die intellektuellen Wettstreite vor allem unter Spitzenteams stattfänden.
Löw sagte auch, dass die klassischen deutschen Tugenden wie Kampfgeist und Disziplin heute nicht mehr ausreichen würden, um beispielsweise Europameister Spanien zu schlagen. «Damit gewinnt man vielleicht mal ein Spiel oder zwei, aber so wird man nie ein grosses Turnier gewinnen oder die Champions League, auch nicht die Bundesliga», so der 66-jährige Weltmeistertrainer. In dieser Hinsicht stimmt ihm Eckner zu.
Defensive verliert gegenüber Offensive an Bedeutung
Auch in Deutschland gebe es immer mehr «richtige Zocker» wie Florian Wirtz oder auch Kölns Shootingstar Said El Mala, «die den Ball auf engstem Raum und gegen mehrere Gegner behaupten könnten. Und die braucht es.» Denn die Zukunft des Fussballs sei klar: «Der Druck auf Ball und Gegner wird angesichts der immer krasseren Athletik, die wir im Durchschnitt sehen, weiterhin steigen. Also wird das Augenmerk mehr denn je auf Ballkontrolle und Übersicht gelegt.» Sehr gute Athleten, die aber nur begrenzte Fähigkeiten am Ball besitzen, haben bei Topteams im Gegensatz zu früher keinen Platz mehr.
Das Fazit könnte also lauten, dass die Defensive durch die moderne Entwicklung im Fussball etwas an Bedeutung verliert. Denn selbst die beste Defensive kann die stärkste Offensive in Topform nicht aufhalten. Um Titel zu gewinnen, bleibt sie aber trotzdem unerlässlich.
