Die letzten Männer stehen im Fokus – so gut sind die Playoff-Goalies
Kein anderer Einzelspieler steht im Mannschaftssport Eishockey derart stark im Fokus wie der Torhüter. In den Playoffs, in denen jedes einzelne Spiel eine riesige Wichtigkeit mit sich bringt, verstärkt sich dieser Druck noch. Grund genug, die Schlussmänner der vier Halbfinalisten und ihre bisherigen Auftritte in den Playoffs zu analysieren.
Sandro Aeschlimann
Anfang März meldete der HC Davos, dass Luca Hollenstein mit einem Riss des Innenbands im rechten Knie für den Rest der Saison ausfällt. Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass Sandro Aeschlimann die Last in den Playoffs alleine stemmen muss. Im Viertelfinal gegen Zug brauchte der Emmentaler einen Moment, um nach der Regular Season wieder in Form zu kommen. Seither im Halbfinal gegen die ZSC Lions zeigt Aeschlimann aber sehr gute Leistungen.
Der 31-Jährige besticht mit seiner Ruhe. Aeschlimann macht keine unnötigen Bewegungen und lässt sich kaum aus der Reserve locken. Hat der HCD-Schlussmann freie Sicht, ist er kaum zu bezwingen. Seine Fangquote bei Distanzschüssen mit freier Sicht beträgt in den Playoffs über 98 Prozent.
Erst wenn vor seinem Tor dichter Verkehr herrscht, lässt Aeschlimann Abpraller zu, und nach diesen ist er bezwingbar. Gemäss der Analytics-Firma 49ing von Ex-NLA-Spieler Andreas Hänni sinkt die Fangquote des HCD-Torhüters dann auf 87,31 Prozent. Kein Wunder, dass ZSC‑Stürmer Chris Baltisberger in der Halbfinalserie gegen Davos bereits drei Mal getroffen hat. Vor dem Tor für Unruhe zu sorgen, Pucks abzulenken und Rebounds zu verwerten – das sind Baltisbergers grosse Stärken.
Simon Hrubec
Simon Hrubec ist in den Playoffs bislang der konstanteste Torhüter der National League. Der Zürcher hatte nur in Spiel 2 im Viertelfinal gegen Lugano einen schwachen Abend eingezogen. Auch wenn er in der Halbfinal-Serie gegen Davos das eine oder andere Tor kassierte, das haltbar schien, so hat er in den Spielen insgesamt doch mehr Tore verhindert, als gemäss den Davoser Chancen zu erwarten gewesen wäre.
Vom Spielstil her sind sich Hrubec und Aeschlimann ziemlich ähnlich. Beide sind nicht riesengross (Aeschlimann 184 cm und Hrubec 186 cm) und überzeugen mit ruhigem Spielstil und blitzschnellen Reflexen. Ähnlich wie sein HCD-Gegenstück ist natürlich auch Hrubec einfacher zu bezwingen, wenn vor seinem Tor Verkehr herrscht. Das einzige Gegentor, bei dem ihm die Sicht nicht zumindest teilweise verdeckt wurde, war der Penaltytreffer von Filip Zadina im ersten Halbfinalspiel. Für den HCD heisst das: Ohne Verkehr vor Hrubec wird es quasi unmöglich, diesen zu bezwingen.
Stéphane Charlin
«Ist Stéphane Charlin womöglich gar nicht so gut, wie alle sagen, am Ende gar ein ‹Lottergoalie›?», fragte watson-Eismeister Klaus Zaugg vor Spiel 7 im Viertelfinal zwischen Servette und Lausanne. In Spiel 6 erlebte der Genfer Goalie einen Horrorabend und wurde im Mitteldrittel beim Stand von 0:4 durch Robert Mayer ersetzt. In der Folge schaffte Servette tatsächlich noch das Comeback und erzwang Spiel 7.
Tatsächlich ist Charlin von allen vier Playoff-Halbfinalisten die inkonstanteste Nummer 1. Nur drei Mal konnte der 25-Jährige einen positiven Start vorweisen, bei dem er weniger Tore kassierte, als gemäss Expected Goals zu erwarten gewesen wäre. In den Halbfinals zeigt Charlin bislang weder besonders positive noch besonders negative Leistungen, er bewegt sich exakt den Erwartungen entsprechend.
Mit welchen Mühen schlägt sich Charlin also in diesen Playoffs herum? Einerseits ist er schon etwas weniger sicher bei Distanzschüssen mit klarer Sicht. Während Aeschlimann oder Hrubec dort rund 98 Prozent aller Schüsse abwehren, gelingt Charlin dies nur bei rund 96 Prozent dieser Schüsse.
Der Genfer Goalie hat in diesen Playoffs zudem auch schon zwei Gegentore nach sogenannten Low-to-high-Plays erhalten. Bei diesen wird der Puck von der Nähe der Torlinie zurück in Richtung Slot gespielt, wo dann der Abschluss erfolgt. Charlin hatte gegen Lausanne zwei Mal Mühe, den Winkel rechtzeitig zu verkürzen, und wurde beide Male auf der Fanghandseite bezwungen. Vielleicht ist das auch für Fribourg eine Möglichkeit, um gegen Servette zu Toren zu kommen.
Reto Berra
«Habe ich nur das Gefühl, oder spielt Reto Berra herausragende Playoffs?», fragte mich ein Kollege kürzlich. Die Antwort nach der Analyse: Berra spielt gute Playoffs, er zog aber auch schon das eine oder andere schwächere Spiel ein. Etwa Spiel 1 im Viertelfinal gegen die Lakers oder Spiel 2 im Halbfinal gegen Servette, als er nach vier Gegentoren in 34 Minuten ausgewechselt wurde.
Wie jeder Torhüter hat auch Reto Berra seine Mühe damit, wenn ihm die Sicht versperrt ist. Was bei ihm aber auffällt, ist, dass er im Vergleich mit Hrubec, Aeschlimann oder auch Charlin doch auch schon einige Tore nach Rebounds kassiert hat. Der 39-Jährige scheint etwas Mühe damit zu haben, seine Abpraller so zu kontrollieren, dass sie nicht direkt beim Gegner landen.
Man könnte aber auch argumentieren, dass Berra von seinen Teamkollegen dabei zu wenig unterstützt wird. Auch sie könnten dabei helfen, Pucks nach Abprallern aus der gefährlichen Zone zu spedieren. Fast alle seiner Playoff-Gegentore hat Berra von Abschlusspositionen aus dem Slot oder dem sogenannten High-Slot (Rechteck zwischen den beiden Bullykreisen) erhalten. Auch hier sind seine Vorderleute gefordert, damit die Gegner dort weniger häufig zum Abschluss kommen.
Genf-Servette – Fribourg-Gottéron (Serie 1:2)
Beide Spiele beginnen um 20 Uhr. Mit watson
bist du live dabei.
