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epaselect epa06845069 German fans react in the final minutes of the game as they watch their national team losing the FIFA World Cup 2018 match against South Korea at the public viewing area in front of the Brandenburg Gate in Berlin, Germany, 27 June 2018.  EPA/OMER MESSINGER

Enttäuschte Deutschland-Fans nach der Pleite gegen Südkorea. Bild: EPA/EPA

Viraler «Volksfrust» eines Fans – das Problem mit dem offenen Brief an den DFB

Benedikt Niessen / watson.de



«Sehr geehrter Herr Grindel,
die nachfolgenden Zeilen sind nicht aus der Emotion, sondern nach einer ‹Cool-Down-Phase› von 72 Stunden entstanden.»

So beginnt der Offene Brief eines Fans an den Präsidenten des DFB, Reinhard Grindel. Dort holt der Verfasser nach dem WM-Aus zum Rundumschlag gegen den DFB und die Nationalmannschaft aus. Der Text wird seit Tagen in den sozialen Netzwerken und in zahlreichen WhatsApp-Gruppen geteilt.

Auch der MDR stellte den Brief auf seine Website. Darunter stehen Kommentare wie «Danke, Sie haben mir aus der Seele gesprochen». 

Der Brief spricht viele mitunter eklatante Versäumnisse und Probleme des DFB an. Getreu dem Motto: «Noch nie war die Spitze so weit von der Basis entfernt wie heute!» Da wird die Abschottung des Teams vor den Fans kritisiert, oder die verfrühte und millionenschwere Vertragsverlängerung mit Löw noch vor der WM. Auch die Beratergeschäfte von Oliver Bierhoff werden angesprochen.

epa06847943 Germany's team manager Oliver Bierhoff arrives at Munich airport in Munich, Germany, 28 June 2018. After defeats against Mexico and South Korea and a win against Sweden, the German national soccer team was eliminated from the FIFA World Cup 2018 after the group stage.  EPA/LUKAS BARTH

Hatte sich die WM anders vorgestellt: Oliver Bierhoff bei der Heimkehr in München.  Bild: EPA/EPA

Der Autor ist seit 1997 Mitglied des Fan-Clubs «Freunde der Nationalmannschaft» und beobachtet den DFB ganz genau. Aus diesem Wissen in Kombination mit der sehr polemischen Ausdrucksweise zieht der Texte seine Anziehungskraft.

Auch wenn der Autor in vielen Dingen Recht hat, ist der Text in einigen Passagen höchst fragwürdig. So jagt eine Stammtischparole die nächste krude Theorie.

Wir haben die Aussagen kommentiert:

«Soll ich Ihnen dazu mal die Meinung des Volkes sagen»

Egal, was nach so einem Satz kommt: Es ist immer falsch. Wer spricht da fürs Volk? Und wer ist dieses Volk? Die 25,43 Millionen ZDF-Zuschauer, die sich für das Spiel gegen Südkorea interessierten? Ist das eine homogene Masse? Warum ist sein Frust Volksfrust?

Zum Erdogan-Foto mit Özil und Gündogan:

«Hinter Özil und Gündogan haben Sie gestanden, aber Sie haben völlig unterschätzt, wie diese Aktion an der Basis wahrgenommen wurde. Das war eine absolute ‹No-Go-Nummer› und wenn Sie unter allen Fans eine Umfrage machen, bin ich mir sicher dass 80% + x sagen: ‹Die beiden hätten nicht ins Aufgebot für diese WM gehört›.»

Wer ist diese Basis, für die der Blogger zu sprechen glaubt? Und woher kommen seine Zahlen?

Ein Mal googeln reicht: Lediglich 36 Prozent wollten laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für die «Welt» die beiden Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan aus dem deutschen WM-Kader streichen.

«Wenn Sie schon am Trog bei der FIFA sitzen, dann hauen Sie wenigstens da mal auf den Tisch und weisen dem Herrn Infantino die Grenzen auf. Zu dem gibt es im Volk nur eine Meinung: Der ist noch schlimmer als der Blatter!»

Mal davon abgesehen, dass die Fifa seit Jahren eine Reform braucht und noch immer tief in moralisch fragwürdige und kriminelle Machenschaften verstrickt ist: Wer ist dieses Volk, das nur eine Meinung hat?

Zum Umgang mit Franz Beckenbauer:

«Der Franz hat sich für die WM 2006 im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch aufgerissen, ist ein Jahr um die ganze Welt getingelt und gerade Ihnen als Politiker muss ich doch nicht sagen, dass wenn 22 Männer entscheiden, wo gespielt wird, es nicht auch den ein oder anderen gibt, der vor lauter Schwäche nicht in der Lage ist, seine Hand in die Hosentasche zu stecken. Ob das 5, 10 oder 15 Millionen sind, ist da für mich zweitrangig. (...) Der Franz hat mit diesem Geld dafür gesorgt, dass wir dafür eine Traum-WM im eigenen Land bekommen haben. Und Ihr nagelt den Franz ans Kreuz!»

Einen Absatz davor schreibt der Autor: «Ich wiederhole mich mit drei Worten und drei Ausrufezeichen: GEHT GAR NICHT!!!» Hier meint er Löws vorzeitige Vertragsverlängerung, «sonstige unnütze Ausgaben» sowie «Interessenskonflikte und Nebengeschäfte» von Fifa, DFB und Co. Diese vorher zurecht als übel kritisierten Machenschaften, sollen dann in Ordnung sein, sobald der Übeltäter Franz heisst und Sommermärchen kauft? Kurzum: Verbrechen sind in Ordnung, wenn man selber davon profitiert?

Was bleibt, sind mindestens zwei Fragen:

Und: Der Blogger des Artikels fällt nicht zum ersten Mal mit solcher Rhetorik auf. Nach den gewalttätigen Ausschreitungen beim G20-Gipfel vor einem Jahr schrieb genau der gleiche Blog (auf dem der Grindel-Brief erschien) laut «Hessenschau»: «Da brauchen wir schnellstens eine internationale Sonderkommission, die da mal einen (ich formuliere das mal bewusst provokativ) ‹kleinen Holocaust› veranstaltet und diesen Puff ausräuchert.» Nach mehreren Anzeigen entschied die Limbuger Staatsanwaltschaft, dass es keine Ermittlungen wegen Volksverhetzung und Aufrufs zur Selbstjustiz geben würde. 

Der DFB muss sich tatsächlich Fragen über die Entfernung zur Basis gefallen lassen. Oder wie man zu Verbänden steht, deren Regierungen für Korruption und eingeschränkte Menschenrechten stehen. Das sollte dann aber bitte nicht mit «gefühlten Fakten» belegt werden – nur um ein «Endlich sagt es mal jemand»-Effekt zu erzielen. 

Tränen der Fans – die Ausgeschiedenen

Schweizer Fans in Russland reagieren auf WM-Aus

Video: srf

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