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Berns Mannschaft feiert den Sieg zum Meistertitel und Captain Martin Pluess, Mitte, stemmt den Pokal in die Hoehe neben Trainer Lars Leuenberger, rechts aussen, nach dem fuenften Eishockey Playoff-Finalspiel der National League A zwischen dem HC Lugano und dem SC Bern am Dienstag, 12. April 2016, in der Resega Halle in Lugano. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Vor sechs Wochen hatte kaum einer auf den SC Bern als Schweizer Meister 2016 gesetzt. Bild: TI-PRESS

Eismeister Zaugg

Meister vom 8. Platz – und doch ist die sportliche Bedeutung der Qualifikation grösser denn je

Der SC Bern holt vom 8. Platz aus den Titel. Sind die 50 Qualifikationsrunden für die Katz? Nein. Sie sind wichtiger denn je.



Im Sommer 1985 führten die Klubs den Playoff-Modus ein. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie ich vom Chefredaktor meines damaligen Arbeitgebers aufgefordert wurde, gegen diesen «amerikanischen Unsinn» anzuschreiben. 36 Runden (damals waren es erst 36 und noch nicht 50) bloss um die Ausgangslage für die Playoffs zu spielen. Da gehe es ja praktisch um nichts! Kein Mensch werde sich für diese Spiele interessieren.

Ich liess mich nicht überzeugen und habe nicht dagegen angeschrieben. Es hätte ja auch nichts genützt. Die Neuzeit brach sich mit Macht ihre Bahn. Diese Neuzeit im Eishockey symbolisierte der Playoff-Modus.

«Tele Bärn»-Sondersendung zum SCB-Titel

Inzwischen wissen wir: Die Playoffs sind die grösste Erfolgsgeschichte unseres Hockeys. Heute kommen im Durchschnitt gut doppelt so viele Zuschauer zu den Qualifikationspartien wie zu den Zeiten vor den Playoffs, als noch jedes Spiel zählte. In Langnau waren beispielsweise in der Meistersaison 1975/76 bei 14 Heimspielen nur die drei letzten Partien plus noch ein Derby gegen Biel und Bern ausverkauft. Die Langnauer holten den Titel im allerletzten Spiel zu Hause gegen Biel.

In der soeben abgelaufenen Saison waren die Langnauer weiter vom Meistertitel entfernt als eine 1.-August-Rakete vom Mars. Sie erreichten nicht einmal die Playoffs. Und trotzdem waren 14 von 25 Heimspielen ausverkauft und es kamen so viele Zuschauer wie noch nie in der Geschichte (seit 1946).

Wirtschaftliche Grundlage

Die Zuschauerzahlen sind der statistische Beweis, dass die 50 Qualifikationsspiele doch interessieren. Dieses Interesse hat natürlich auch mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Die Menschen geben heute mehr Geld fürs Vergnügen aus und sind mobiler als in den 1970er-Jahren. Und die Medienpräsenz des Eishockeys (jedes Spiel live im TV!) ist viel grösser geworden und der Sport spielt heute in allen Gesellschaftsschichten eine viel wichtigere Rolle als in den Eishockey- Zeiten vor den Playoffs.

Und doch bleibt die Frage: Welche Bedeutung haben denn 50 Qualifikationsspiele, wenn es möglich ist, vom 8. Platz aus Meister zu werden?

12.04.2016; Bern; Eishockey NLA Playoff Final - HC Lugano - SC Bern Meisterfeier Bern; 
Die Spielerfrauen an der Meisterfeier in der Post-Finance Arena
 (Urs Lindt/freshfocus)

Auflockerung für zwischendurch: Die SCB-Spielerfrauen warten in der Postfinance-Arena auf ihre Männer. Bild: freshfocus

Nun, die Hockeyunternehmen verdienen ihr Geld mit den Partien zwischen Anfang September und Ende Februar. Die Qualifikation ist die wirtschaftliche Grundlage des Hockey-Geschäfts. Es wäre gerade geschäftsschädigend, die Bedeutung dieser Spiele klein zu reden.

Aber die Frage nach der sportlichen Bedeutung bleibt. Nun, wenn die Qualifikation für Spieler, Trainer und Sportchefs keine Bedeutung hätte, dann kämen auch die Zuschauer nicht mehr. Das Publikum lässt sich nicht für dumm verkaufen.

Aufbau einer Playoff-Mannschaft

Tatsächlich ist die sportliche Bedeutung der Qualifikation grösser denn je. In diesen 50 Spielen geht es für die Spitzenteams darum, eine Mannschaft für die Playoffs zu bauen, für mehr als die Hälfte der Liga darum, überhaupt die Playoffs zu erreichen und für die Miserablen, sich für den Kampf um den Klassenerhalt (die Liga-Qualifikation) zu wappnen. Deshalb ist der Auf-/Abstieg auch in seiner «kastrierten Form» der Liga-Qualifikation so wichtig.

Dieser Prozess des «Mannschaftsbaus» bietet dem Publikum beste Unterhaltung. Es ist die Suche nach gültigen Antworten in einem unberechenbaren Spiel, das auf einer rutschigen Unterlage ausgetragen wird. Und auch wenn jeder weiss, dass theoretisch (und seit dieser Saison auch praktisch) der 8. Platz reicht, um Meister zu werden, so ist sich doch jeder bewusst, wie wichtig eine gute Qualifikation für das wirtschaftliche Wohlergehen des Klubs ist.

SC Bern Cheftrainer Lars Leuenberger spricht zu seinem Team waehrend einem Timeout waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern am Sonntag, 21. Februar 2016, im Hallenstadion in Zuerich. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

SCB-Trainer Leuenberger: Am Ende hat «der kleine Lars» doch alles richtig gemacht. Bild: KEYSTONE

Niemand kann sich eine Krise leisten. Denn zu viele Niederlagen ruinieren die Chemie in einer Mannschaft und die Autorität des Trainers. Beide diesjährigen Finalisten (Lugano und der SCB) haben ihre Trainer im Laufe der Qualifikation gefeuert. Und die Liga ist inzwischen so ausgeglichen geworden, dass mehr als die Hälfte der Teams um die Playoffteilnahme zittern muss.

Ja, der SC Bern hatte am Ende der Qualifikation gleich viele Punkte wie Lausanne und schaffte die Playoffs nur aufgrund der besseren Bilanz in den Direktbegegnungen. Hätte der SCB in der zweitletzten dieser Direktbegegnungen nicht in der letzten Sekunde den Ausgleich geschafft, dann wäre Lausanne in die Playoffs gezogen. Und so wie diese Saison gelaufen ist, dürfen wir nicht einmal behaupten, Lausanne wäre nicht Meister geworden.

Formkrisen in der Quali: Ein Menschenrecht

Die Qualifikation ist inzwischen auch die sportliche Grundlage unserer Hockeykultur geworden. Die Spieler «lernen» das Hockey in diesen 50 Partien. Die NLA ist so gesehen auch eine Ausbildungsliga. Aber kein Sportler kann zwischen September und Februar 50 Mal an die Grenzen der Leistungsfähigkeit und manchmal darüber hinaus «getrieben» werden. Formkrisen sind währen einer Qualifikation sozusagen ein «Menschenrecht» der Trainer und Spieler.

SCB Sportchef Sven Leuenberger praesentiert die Neuerungen im Kader der ersten Mannschaft des Schlittschuhclubs Bern, am Dienstag, 11. August 2009 in der neuen PostFinance-Arena in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Sven Leuenberger hat sich für das Wohl des Klubs geopfert. Bild: KEYSTONE

Wie es sich für eine gute Show gehört, folgt der grosse Auftritt am Schluss. Die Spannung wird vom September bis Ende Februar aufgebaut für den grossen «Showdown» der Playoffs. Die smarten Sportchefs bauen ihre Mannschaften für die Playoffs. Nur ganz wenigen gelingt das.

Zu diesen Auserwählten gehört Sven Leuenberger. Der Architekt der SCB-Meisterteams von 2010, 2013 und 2016. Und trotzdem hat er seinen Job verloren. Eishockey ist eben auch neben dem Eis ein unberechenbares Spiel. Wie diese Saison eindrücklich gezeigt hat: Eigentlich ein Glücksspiel für das es keine Kasino-Lizenz braucht.

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