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Einer Hockey-Liga geht das Geld aus – das Drama der Swiss League

Langenthals Spieler den Swiss League Schweizer Meistertitel, nach dem vierten Playoff Finalspiel der Swiss League, zwischen dem SC Langenthal und dem HC La Chaux de Fonds, am Mittwoch 3. April 2019 au ...
2019 feiert Langenthal den Meistertitel der Swiss League. Ist bald Lichterlöschen?Bild: KEYSTONE
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Einer Hockey-Liga geht das Geld aus – das Drama der Swiss League

Stehen wir vor der letzten Saison der Swiss League, so wie wir sie kennen? Innert kürzester Zeit hat sich die wirtschaftliche Lage der Liga dramatisch zugespitzt.
14.08.2022, 09:0915.08.2022, 05:24

Innert kürzester Zeit hat sich die wirtschaftliche Lage der Liga so dramatisch zugespitzt, dass selbst ein Vorzeigeklub wie der mehrfache Meister SC Langenthal an den Rückzug per Ende Saison und eine Konzentration auf die Förderung des Frauenhockeys denkt.

Selbst wer nichts vom Wesen des Sportes versteht und sich lieber mit Mathematik, Geometrie und Algebra befasst, erkennt das Problem: Die National League, die an der Spitze der Leistungspyramide steht, umfasst 14 Teams. Die Swiss League als zweithöchste Liga hingegen nur noch 10. Wenn die Spitze breiter ist als die Basis, kippt eine Pyramide eher früher als später um.

Die innere Balance verloren

Der Grund für dieses Ungleichgewicht: Im Fussball sind Auf- und Abstieg zwischen den zwei höchsten Ligen auch während der Pandemie beibehalten worden. Im Hockey gab es hingegen zwei Jahre lang nur noch einen Aufstieg und keine Relegation mehr. Dadurch sind Ajoie und Kloten, die populärsten SL-Teams in der Deutsch- und Westschweiz, aufgestiegen und von oben ist, da es ja keinen Abstieg gab, kein Ersatz gekommen. So ist die Liga in zwei Jahren von 12 auf 10 Teams geschrumpft und unser Profihockey hat so die innere Balance verloren. Wenigstens sind es noch 10 Teams: Aufsteiger Basel ersetzt die EVZ Academy. Die Zuger haben ihr Farmteam zurückgezogen.

ZUR MELDUNG, DASS DER EHC BASEL SEINE BILANZ DEPONIERT HAT, STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG, 23. JUNI 2014, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Uebersichtsbild der Halle beim Spiel der National League B ...
In Basel gibt es wieder Profi-Eishockey zu sehen.Bild: KEYSTONE

Nun ist die Swiss League komplett aus dem finanziellen Gleichgewicht geraten. Der mutige Weg in die Selbstständigkeit (die juristische Loslösung von der National League) hat geradewegs in den finanziellen Abgrund geführt: Die Chancen, die sich durch diese Selbstständigkeit ergaben, konnten aus eigenem Verschulden nicht genützt werden.

Jedem Klub fehlt 400'000 Franken

Das Kernproblem: Klub- statt Ligadenken und Fixierung auf kurzfristigen Ertrag statt Investition in eine nachhaltige langfristige Marktpräsenz haben dazu geführt, dass die Liga im Werbe- und TV-Markt gescheitert ist. Die Folge: Ein Fehlbetrag von gut 400'000 Franken in der Kasse jedes Klubs durch das Wegbrechen der bisherigen Einnahmen aus dem Gesamttopf der TV- und Werbeeinnahmen der National League und höheren Ausgaben.

Das von der Tit-Pit-Gruppe erarbeitete Konzept (unter der Führung von Klotens Präsident Mike Schälchli) wäre eine Chance gewesen. Im Kern ging es darum, in einem ersten Schritt in Zusammenarbeit mit namhaften Werbepartnern TV-Präsenz zu sichern und aus dem Aschenputtel Swiss League eine strahlende Prinzessin auf dem Werbemarkt zu machen. In einer ersten Phase wären die Einnahmen noch gering gewesen. Namhafte Firmen hätten für wenig Geld eine enorme Präsenz bekommen. Aber wenn erst einmal das Fundament gelegt ist, zahlt sich diese Strategie in der Regel bereits mittelfristig aus: Ist erst einmal ein grosser Name an Bord, dann folgen die anderen nach der Erkenntnis: Wenn der dabei ist, sollten wir auch. Es ist der Herdentrieb, den wir auch aus der Schafzucht kennen.

Kurzfristiges Denken

Item, dieses Konzept – die entsprechenden Verträge lagen unterschriftsbereit auf dem Tisch, Firmen wie Edelweiss und Wefox wären eingestiegen – haben die SL-Klubbosse abgelehnt. Einer höhnte, so viel Geld wie sein Klub bei diesem Konzept in der ersten Saison erhalten hätte, hole er mit dem Verkauf von ein paar Saisonabos herein. Kurzfristiges Denken eben. In der Fachpublikation «Sponsoring Extra» höhnt Mike Schälchli nach dem Verzicht auf sein Konzept: «Kommt vor im Sport: Die Swiss League trifft das leere Tor nicht.» Er wird froh sein, mit Kloten der SL durch Aufstieg vorerst entronnen zu sein.

Jetzt steht die Swiss League im nationalen Werbemarkt erst einmal mit leeren Händen da. Weil es keine TV-Präsenz gibt. Die aber ist für den Verkauf von Werbung so unabdingbar wie die Luft zum Atmen. Beim Versuch, im Auftrag der Liga TV-Partner zu gewinnen, ist der ehemalige SRF-Rechtespezialist Jean Brogle krachend gescheitert. Das an und für sich gute Konzept, alle Partien zu streamen, kann ein ergänzendes Element, aber nie der Ersatz für echte TV-Präsenz sein.

Langenthal überlegt sich den Rückzug

Ein gutes Beispiel für die dramatische Situation ist der SC Langenthal, Meister der Jahre 2012, 2017 und 2019 und lange Zeit ein Vorzeigeklub der zweithöchsten Liga. Ein Titan also. Ohne Aussichten auf eine neue Arena, mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten in einem alten Stadion, erschüttert der Wegfall der Einnahmen aus dem TV- und Werbetopf der National League den Klub in den wirtschaftlichen Grundfesten: 20 Prozent der Einnahmen sind weg.

Ein SC Langenthal Fan waehrend dem vierten Playoff Finalspiel der Swiss League zwischen dem SC Langenthal und dem HC La Chaux de Fonds, am Mittwoch 3. April 2019 auf der Eisbahn Schoren in Langenthal. ...
Einer der treuen Fans der Oberaargauer.Bild: KEYSTONE

Wenn Langenthals Präsident Gian Kämpf nun sagt: «Wir prüfen alle Optionen», dann meint er nicht nur den Umzug in die moderne Stadionanlage im benachbarten Huttwil. Es geht für ihn um viel mehr: «Es ist denkbar, dass wir uns per Ende Saison aus dem Profibetrieb ins Amateurhockey zurückziehen, uns auf die Nachwuchsförderung konzentrieren und unsere Frauenmannschaft zum Aushängeschild machen.»

Die Langenthaler Frauen sind soeben aufgestiegen, spielen in Huttwil und haben vor allem dank der dortigen erstklassigen Infrastruktur so gut transferiert, dass sie in der neuen Saison die Frauen der ZSC Lions im Titelkampf herausfordern können. Die Werbeeinnahmen fürs Frauenteam konnten mehr als verdoppelt werden. Lieber mit den Frauen um den Titel spielen (was ohnehin im Schwange der Zeit ist), als sich im Männerhockey abplagen.

Eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang

Die Langenthaler sind nicht die Einzigen, die sich unter den gegebenen Umständen den Rückzug aus dem Profihockey überlegen. In Winterthur wächst die Sehnsucht nach den alten Zeiten, als man im Amateurhockey um den Titel spielte, und ob die Ticino Rockets über die neue Saison hinaus existieren, ist höchst ungewiss.

Den Vertretern der National League dämmert inzwischen, wie verhängnisvoll diese Schwächung der zweithöchsten Spielklasse ist: Ohne starke Swiss League fällt der Auf- und Abstieg weg. Wenn niemand mehr ein Aufstiegsteam finanzieren kann, wird die Liga-Qualifikation (zwischen dem Playout-Verlierer der NL und dem SL-Meister) zur Farce. Ohne die Dynamik und Dramatik des Auf- und Abstieges gehen auch in der National League Publikumsinteresse, Medienpräsenz und damit letztlich die Einnahmen zurück und aus der Qualifikation wird ab der Weihnachtspause eine Operetten-Meisterschaft. Eine starke Swiss League muss also im vitalen Interesse der National League sein.

Modus immer noch unklar

Nun naht ein Tag der Entscheidung. Allerorten hat der Trainingsbetrieb und der Saisonkartenverkauf begonnen. Aber der Modus ist nach wie vor nicht klar. Wird nun die Liga-Qualifikation im nächsten Frühjahr mit drei oder fünf Ausländern gespielt? Das muss formell am nächsten Mittwoch in einer Vollversammlung der SL- und NL-Klubs entschieden werden.

Für einen Entscheid braucht es eine qualifizierte Mehrheit: Die NL-Klubs sind geschlossen für fünf Ausländer. Stimmen aber nur drei SL-Klubs nicht dafür, gibt es keinen Entscheid und niemand weiss, was dann Sache ist und ob überhaupt eine Liga-Qualifikation gespielt werden kann. Um diese Situation zu verhindern – die Ligaqualifikation ist im TV-Vertrag enthalten –, bietet die NL allen SL-Klubs für die kommende Saison eine einmalige Finanzhilfe von 50'000 Franken. Die entfällt, wenn es keine Zustimmung gibt.

Steht einmal fest, wie die Liga-Qualifikation gespielt wird, gibt es eine kleine Chance, dass es für die neue Saison vielleicht doch noch etwas TV-Präsenz für die Swiss League bei den TV-Partnern der National gibt.

Komplette Neustrukturierung?

Die heraufziehende Krise ist auch eine Chance. Oft gelingen Reformen erst dann, wenn es eben nicht mehr anders geht. Wenn es zu einem echten Drama wie dem Ausstieg eines wichtigen Klubs wie Langenthal kommt.

Eine Reform bedeutet in diesem Fall: radikaler Einschnitt und komplette Neustrukturierung der zweithöchsten Spielklasse – sprich: Auflösung der MyHockey League. Aufnahme der besten Teams der höchsten Amateurklasse in die Swiss League. Aufteilung in eine Ost- und Westgruppe. Die Möglichkeit, in einer Liga nach oben orientierte Profi- und gut strukturierte Ausbildungsklubs zusammenzufassen und – wie früher – die 1. Liga wieder als höchste Amateurliga zu positionieren.

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