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Luca Boltshauser: Der wichtigste Goalie der Liga und der fehlende 2. Mann

Tigers Goalie Luca Boltshauser, waehrend dem Qualifikations-Spiel der National League, zwischen den SCL Tigers und dem EV Zug, am Samstag 22. Oktober 2022, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel ...
Luca Boltshauser: Die Nummer 1 bei den SCL Tigers.Bild: keystone
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Der wichtigste Goalie der Liga und der fehlende zweite Mann

Was, wenn in der ausgeglichensten Liga seit Menschengedenken die Nummer 1 aufgeben muss? Der Ausfall von Luca Boltshauser hat Langnau mit ziemlicher Sicherheit am Sonntag den Sieg gegen die Lakers gekostet. Und zeigt, wie riskant es ist, nur einen ligafähigen Goalie unter Vertrag zu haben. Luca Boltshauser ist hockeytechnisch der einsamste und wichtigste Mann der Liga.
31.10.2022, 18:16
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Kann ein Torhüter alle 52 Spiele bestreiten? Nein. Renato Tosio ist der letzte Torhüter, der seinen Platz über mehr als eine Saison nie der Nummer 2 überlassen hat. Zwischen 1987 und 2001 hat er 655 Spiele hintereinander für den SCB bestritten und nur 255 davon verloren. Die Nummer 2 kam nicht eine einzige Sekunde zum Einsatz. Allerdings kam Renato Tosio inklusive Playoffs mit dem SCB nie auf mehr als 59 Meisterschaftspartien pro Saison.

Heute haben ausser Langnau alle NL-Klubs zwei Torhüter mit reichlich NL-Erfahrung unter Vertrag. Was niemand so sagen will und darf: Ohne Luca Boltshauser (29) können die Langnauer nicht gewinnen. Dreimal hat Stéphane Charlin (22) bisher von Anfang an gespielt. Dreimal haben die Langnauer verloren: 0:4 gegen die Lakers, 0:4 gegen die ZSC Lions und 2:7 gegen Biel. Am Sonntag muss Luca Boltshauser nach dem ersten Drittel aufgeben. Unwohlsein. Es steht 1:1. Stéphane Charlin kommt. Die Emmentaler verlieren 3:5.

Die Highlights des Spiels zwischen den Tigers und den Lakers.Video: Vimeo/Interviews

Langnau, Davos, Lausanne und Lugano sind die vier einzigen Teams, die bisher in dieser Saison nur mit einem Torhüter Spiele gewonnen haben. In Davos (Gilles Senn), in Lausanne (Tobias Stephan) und in Lugano (Niklas Schlegel) hat die Nummer 2 allerdings eine andere Kragenweite als Stéphane Charlin. Die ZSC Lions, der SCB, Ajoie, Gottéron, Servette, Zug, Biel, Ambri, Kloten und die Lakers haben bereits mit zwei verschiedenen Torhütern Siege eingefahren.

Wie wir es auch drehen und wenden: Die SCL Tigers konnten bisher ohne Luca Boltshauser nicht gewinnen. Und daran wird sich auch in Zukunft ohne den Beistand der Hockeygötter und ihren hockeyhimmlischen Heerscharen nichts ändern. Sportchef Pascal Müller sagt nun hoffnungsvoll: «Die Chancen, dass Boltshauser am Dienstag gegen Servette wieder spielen kann, stehen 50:50.» Zur Sicherheit hat er Damian Stettler (21) vom SC Langenthal zurückgeholt. Auch er kein bestandener NL-Goalie und in Langenthal hinter Elien Paupe (27) bloss die Nummer 2.

Der sonntägliche Schock hat Pascal Müller vor Augen geführt, wie riskant es ist, nur einen ligafähigen Torhüter zu haben. Im Notfall müsste er einen ausländischen Goalie einfliegen. Er sagt: «Wir haben den Ausländermarkt auf dem Radar.» Immerhin. Aber es ist letztlich die verdrängte Sorge um den fehlenden zweiten Mann.

Pascal Mueller, Sportchef der Tigers, im Eishockeyspiel der National League zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und den SCL Tigers, am Samstag, 24. September 2022, in der St. Galler Kantonalbank Arena ...
Streckt die Fühler nach einem ausländischen Goalie aus: Tigers-Sportchef Pascal Müller.Bild: keystone

Und so ist Luca Boltshauser der einsamste Mann der Liga. Auf seinen Schultern trägt er die Last einer ganzen Hockey-Firma. Erst unter Druck entstehen Diamanten. Was bei Luca Boltshauser zutrifft. Er spielt in Langnau das beste Hockey seiner Karriere.

Von Langnau nach Burgdorf sind es exakt 23 Kilometer. Oder eine halbe Stunde Fahrt mit der Benzinkutsche auf guten Strassen durchs Tal der Emme. Eine Frage entscheidet auch ein wenig über das sportliche Wohl der SCL Tigers: Reicht eine Fahrt von Langnau nach Burgdorf, um eine Niederlage zu verarbeiten und das Selbstvertrauen wieder zu bürsten und zu kämmen? Es ist nämlich so: Langnaus Nummer 1 wohnt in Burgdorf und nicht in Langnau. «Nach einem Spiel tut eine Autofahrt ganz gut. Dann kann ich alles nochmals im Kopf durchgehen und wenn ich dann nach Hause komme, kann ich besser schlafen. Wenn ich schon nach ein paar Minuten zu Hause bin, habe ich mich noch nicht beruhigt und bleibe noch lange wach».

Da die Langnauer hin und wieder auch auf eigenem Eis verlieren, tut die Fahrt nach Burgdorf Luca Boltshauser gut. Bis Ramsei hat er jeweils das erste Drittel verarbeitet, auf der Höhe von Hasle das zweite und in Oberburg das dritte. Der Wohnort Burgdorf ist noch aus einem anderen Grund praktisch: Die Uni ist von dort aus für seine Freundin leichter erreichbar. Von Burgdorf gibt es eine Schnellzugsverbindung ohne Umsteigen bis zum Zürcher Hauptbahnhof.

Diese Saison hat gezeigt: Die Fahrten von Langnau nach Burgdorf reichen, um Niederlagen zu verarbeiten. Die SCL Tigers haben sich inzwischen auch dank Luca Boltshauser von einem miserablen Saisonstart (6 Niederlagen in 7 Spielen) erholt. Trotz den drei Heimniederlagen gegen Ajoie, Biel und Davos mit ihm Tor.

National bekannt geworden ist Langnaus Nummer 1 als einer der Hauptdarsteller im grossen Drama der Liga-Qualifikation von 2018. Die Lakers versenken Kloten (mit Luca Boltshauser im Tor) in der Verlängerung des 7. Spiel mit einem 2:1 in die zweithöchste Spielklasse. Am Torhüter liegt es nicht, dass die Zürcher nach 56 Jahren absteigen müssen: Luca Boltshauser wehrt in dieser Liga-Qualifikation 93,00 Prozent der Schüsse ab und im alles entscheidenden 7. Spiel sind es sogar 95,12 Prozent.

Vielleicht wäre Kloten gleich wieder oder jedenfalls früher in die National League zurückgekehrt, wenn er geblieben wäre. Aber im Sommer 2018 zügelt Luca Boltshauser nach Lausanne und teilt sich vier Jahre lang die Arbeit mit Tobias Stephan. Und will eigentlich bleiben. Sein Vertrag läuft bis 2024. «Aber im Laufe der letzten Saison kamen immer mehr Gerüchte auf, dass Ivars Punnenovs bei uns in Lausanne unterschrieben hat. Ich fragte Petr Svoboda (Lausannes Manager – die Red.) was an diesen Gerüchten dran sei und er wollte mit der Sprache nicht so recht herausrücken. Da Tobias Stephan bereits verlängert hatte, war für mich klar, dass ich einen neuen Klub suchen muss.» Und so löst Luca Boltshauser seinen Vertrag mit Lausanne auf und ist nun Langnaus neuer Nummer 1. Lausannes Pech, Langnaus Glück.

Er war zwar einer der Hauptdarsteller im grössten Drama der Klotener Hockeygeschichte. Aber Luca Boltshauser ist nicht in Kloten gross geworden. Die ersten Schlittschuhe bindet er in Chur und als seine Mutter eine neue Arbeitsstelle im Flughafen antritt, zügelt er nach Zürich. Aber er wechselt nicht zum EHC Kloten, sondern in die Nachwuchsabteilung der ZSC Lions. 2011 folgen drei Ausbildungsjahre in Schweden und gehört dort in der höchsten Nachwuchsliga zu den Besten. Die Zeit bei Färjestad (wo einst Martin Gerber ein Meisterheld war) hat der gut ausgebildete Stilist in bester Erinnerung. Sowohl sportlich wie auch als eine Zeit, in der er gelernt hat, selbständig zu werden. «… und dafür zu sorgen, dass etwas im Kühlschrank ist.»

2014 kehrt er zu den ZSC Lions zurück und nach einem Jahr dann der Transfer nach Kloten, wo er 2017 nach dem Rücktritt von Martin Gerber die neue Nummer 1 und Nationaltorhüter wird. Langnaus wichtigster Schweizer Spieler kommt zwar nicht aus einer Hockey-Familie. Aber der Sport ist ihm vertraut: Sein Vater Oliver Bossi kam als Verteidiger in Vaduz auf mehr als 50 Einsätze in unserer höchsten Fussballliga. «Boltshauser ist der Name meines Ex-Stiefvaters. Diesen Namen habe ich mit 5 Jahren angenommen und behalten.»

Was wir aus Luca Boltshausers Hockey-Lebenslauf lernen: So schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe: Es würde ihn nicht einmal erschüttern, wenn Langnau im Laufe der Saison einen ausländischen Goalie verpflichten sollte: Auch das hat er in Kloten nämlich schon erlebt und zwar auf eine wahrlich bemerkenswerte Art und Weise.

Klotens Goalie Luca Boltshauser, im siebten Eishockey Spiel der Ligaqualifikation der National League zwischen dem EHC Kloten und den SC Rapperswil-Jona Lakers, am Mittwoch, 25. April 2018, in der Swi ...
Mit Kloten abgestiegen: Luca Boltshauser.Bild: KEYSTONE

Der Chronist Philipp Muschg, Sohn des Schriftstellers Adolf Muschg notierte im «Tages-Anzeiger» vom 15. Januar 2018: «Vieles hat das Klotener Publikum in den letzten Jahren erlebt, doch das war neu: eine Transfermeldung per Lautsprecher bei laufendem Drittel. Als der EHC 1:0 führte, nützte der Speaker in der 18. Minute die gute Stimmung und verkündete den Zuzug von Kevin Poulin. Jenes kanadischen Torhüters, der vor zwei Wochen am Spengler-Cup erst brilliert und dann triumphiert hatte.» Im Tor steht während dieser Partie gegen Gottéron Luca Boltshauser und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: Er stoppt 97,06 Prozent der Schüsse, kann aber die 1:2-Penalty-Niederlage nicht verhindern.

Als es dann in der Liga-Qualifikation drauf ankommt, steht er und nicht der hochdekorierte Kanadier im Tor. Dass ihm ähnliches in Langnau widerfahren wird, dass Kultspeakerin Christine Nyffeler während eines Spiels den Zuzug eines ausländischen Torhüters verkündet, das können wir ausschliessen.

Lehrjahre in Schweden, unschuldig beim Abstiegsdrama eines ausser Rand und Band geratenen Kloten, vorzeitige Vertragsauflösung in Lausanne: Viel Aufregung und wenig Ruhm und in Langnau die grösste Herausforderung seiner Karriere. Aber nun auch eine ruhigere Zeit. Ohnehin ist er wahrscheinlich der gewöhnlichste und meistunterschätzt Goalie der Liga. Gewöhnlich nicht in Bezug auf seine Leistungen. Sondern auf die sympathische, unkomplizierte Art.

Das Klischee, die letzten Männer im Hockey seien eigenwillige Sonderlinge, trifft auf ihn ganz und gar nicht zu. Unterschätzt, weil er noch nie Meister war und weil seine Stärke – die besten Spiele dann, wenn es drauf ankommt – am Ende in Kloten doch nicht geholfen haben. Aber sie dürften Langnau helfen.

Die Frage ist natürlich: Warum hatte sich Luca Boltshauser noch während der letzten Saison für einen Wechsel nach Langnau entschieden? Er sagt, für ihn sei das Umfeld, eine familiäre Atmosphäre im Klub wichtig. Er habe schon viel gehört über die ganz besondere Kultur Langnaus und könne jetzt schon sagen, dass er genau das gefunden habe, was er gesucht habe. «In Langnau fühle ich mich sehr wohl.»

Luca Boltshauser ist ein Teil der Langnauer Hockey-Familie geworden und nach vielen Aufregungen nun am Ort seiner Bestimmung angelangt. Er ist, wie die Partie am letzten Sonntag gegen die Lakers gezeigt hat, der wichtigste Goalie der Liga. Ist es ihm nicht wohl, ist es auch Langnau unwohl.

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28 Kommentare
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Bacchus75
01.11.2022 06:44registriert Oktober 2014
Kleines Detail am Rande. Es stand 0-1 beim Wechsel zu Charlin. Seine Einätze waren gegen Biel (Platz 2), ZSC (Platz 4) und 2x gegen Rappi (Platz 3) und die Vorderleute erzielten während seiner Eiszeit ganze 4 Tore in 11 Dritteln. Hier schon so tun als ob Charlin keine anständige Nummer 2 ist finde ich verfrüht.
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