In einer perfekten Welt würde das öffentlich-rechtliche Fernsehen, finanziert durch Zwangsabgaben, Hand in Hand mit den privaten TV-Stationen arbeiten, um möglichst viel Eishockey in unsere Stuben zu übertragen. Immerhin ist Eishockey eine der populärsten Sportarten. Soeben sind während der Qualifikation mehr als 2,5 Millionen Tickets verkauft worden. Rekord.
In der richtigen Welt sieht es anders aus: Seit dieser Saison haben wir im Eishockey so etwas wie einen «Kalten Krieg» zwischen dem staatstragenden Fernsehen (nachfolgend SRG genannt) und dem privaten Rechteinhaber Sunrise mit dem Bezahlsender MySports und der frei empfangbaren Station TV 24 aus der CH-Media-Gruppe in der Deutschschweiz (zu der auch watson gehört). Inzwischen haben die SRG und Sunrise einen Entscheid des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) ans Bundesverwaltungsgericht weitergezogen.
Es geht bei diesem Rechtsstreit um einen Grundsatzentscheid und um Millionen. Nicht nur fürs Eishockey. Auch für andere Sportarten. Die SRG ist in die Grube gefallen, die sie einst für die privaten Stationen ausgehoben hat.
Die Hintergründe: Seit dieser Saison und bis zum Frühjahr 2027 gibt es bei der SRG zum ersten Mal in der Geschichte keine Live-Übertragungen von nationalen Eishockey-Meisterschaftsspielen. Die SRG hält nur noch die Rechte für Länderspiele, Spengler Cup, die Champions Hockey League, Frauen-Hockey und die WM. Eine historische Zäsur.
Sunrise hat die Gesamt-Rechte zum Preis von rund 30 Millionen pro Jahr ab dieser Saison erworben. Im Vertrag mit der National League (sie verkauft die Rechte) steht, dass die TV-Bilder nicht vollständig hinter der Bezahlschranke der Pay-TV-Station MySports verschwinden dürfen. Die Liga will eine möglichst grosse Verbreitung und hat deshalb in den Vertrag mit Sunrise geschrieben, dass Live-Übertragungen auch im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sein müssen. Explizit wird erwähnt, Wunschpartner sei die SRG und die Sublizenz dürfe Leutschenbach nicht wesentlich mehr kosten als mit dem vorherigen Rechteinhaber UPC.
Aber Sunrise und die SRG konnten sich trotz monatelangen Verhandlungen nicht einigen. Die Live-Rechte für die Deutschschweiz hat TV 24 von Sunrise in einer Sublizenz gekauft. Diese Saison ist auf TV 24 nun so viel Live-Hockey zu sehen wie noch nie in der Geschichte der laufenden Bilder: Während der Qualifikation jede Woche ein Live-Spiel am Sonntagabend und aktuell alle Finalpartien.
Sunrise war bereit, der SRG trotz gescheiterten Verhandlungen bezüglich Deutschschweiz die Liverechte für die Westschweiz (TSI) und das Tessiner Fernsehen (RSI) zu überlassen. Für weniger Geld als zuvor UPC verlangt hatte. Die SRG hat freiwillig verzichtet und nun sind auch in der Romandie (Léman Bleu) und im Tessin (Teleticino) Live-Bilder von der Meisterschaft nur bei frei verfügbaren privaten Sendern zu sehen.
Matthias Krieb, Leiter MySports, sagt dazu: «Die alte Livesport-Formel, dass allein die SRG für Free-TV steht, stimmt nicht mehr, auch wenn dieses Bild noch in einigen Köpfen festsitzt. Jeder Sportinteressierte kann die Playoff-Finals dieses Jahr bei unseren neuen Free-TV-Partnern ohne Zusatzkosten anschauen.»
Im Gegensatz zum Fussball hat das nationale Hockey (die National League) also als erste wichtige Sportart den Schritt weg vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen hin zu frei empfangbaren privaten Stationen gewagt. Ein historischer Schritt, der – wenn er nun als Erfolgsmodell erkennbar wird – für die SRG weitreichende Folgen und schmerzhafte wirtschaftliche und medienpolitische Konsequenzen haben wird.
So weit, so gut. Aber die SRG kann die höchste Eishockey-Liga bei der aktuellen Berichterstattung nicht einfach ignorieren. Auch ohne im Besitze der Live-Rechte zu sein, wäre es der SRG eigentlich möglich, Zusammenfassungen der Spiele (nach dem Motto: Alle Spiele, alle Tore) zu zeigen und so einer minimalen Informationspflicht nachzukommen, die dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens entspricht. Daran hat sich der Rechtsstreit entzündet.
Ein Blick zurück zeigt die Brisanz. Die Liberalisierung im TV- und Radio-Markt hat dazu geführt, dass im Laufe der 1980er Jahre das SRG-Monopol gefallen ist und im ganzen Land private TV- und Radiostationen gegründet worden sind. Um ein vollständiges SRG-Monopol zu verhindern, sind zum Schutz der privaten Sender laufende Bilder (auch über Sportereignisse) gesetzlich zum Allgemeingut erklärt worden.
Will heissen: Alle haben das Recht, TV-Bilder von einem Sportereignis (also auch einem Hockeyspiel) zu zeigen. Die SRG hat dafür gesorgt, dass dieses Recht sehr eng gefasst worden ist: bloss drei Minuten pro Ereignis. Und da die meisten TV-Bilder von der SRG produziert worden sind, gibt es die gesetzliche Vorschrift, dass eine private Station gut lesbar einblenden muss, dass es SRG-Bilder sind. Zum Zeitpunkt dieser Regelung war es völlig undenkbar, dass sich einmal die SRG in der Rolle der privaten Stationen am Katzentisch wiederfinden könnte. Da schien ein Meteoriteneinschlag in Leutschenbach wahrscheinlicher.
Aber genau das ist nun passiert: Alle Live-Rechte der Eishockeymeisterschaft hält Sunrise. Alles, was für die SRG am Katzentisch übrig bleibt, sind diese gesetzlichen Minimalrechte von drei Minuten pro Spiel.
Nun gibt es die Möglichkeit, ausführlichere Zusammenfassungen – also mehr als die gesetzlichen drei Minuten – von der Liga bzw. beim Exklusiv-Rechteinhaber Sunrise zu erwerben. Diese Zusammenfassungen haben für alle populären Sportarten einen erheblichen Wert. Beispielsweise hat Ringier das Recht auf diese ausführlicheren Zusammenfassungen (plus ein Live-Spiel pro Woche) für Blick-TV erworben. Wer diese Zusammenfassungen einkauft, muss allerdings Bedingungen akzeptieren.
Sunrise hat der SRG tatsächlich das Recht eingeräumt, längere Zusammenfassungen ab 23.00 Uhr (aber nicht vorher!) im TV zu senden. Also genau ab der Uhrzeit, bis zu der vormals die SRG ihre Exklusivitätsrechte im Hockey konsequent vor jeder Art der Verwertung durch Dritte, durch private TV-Sender, geschützt hatte.
Warten bis 23.00 Uhr? Geht für die SRG nicht. Sunrise hat beim BAKOM moniert, dass es nicht gehe, dass die SRG online (also auf ihrer App und ihrer Webseite) Zusammenfassungen aufschalte, und erst noch vor der vertraglichen Embargofrist um 23.00 Uhr. Und so die Sperrfrist unterlaufe. Zudem kennzeichne die SRG die Herkunft der TV-Bilder (MySports) nicht ausreichend lesbar. Das BAKOM hat Sunrise zwar in der Sache recht gegeben und die SRG hat eingelenkt.
Aber der BAKOM-Entscheid lässt Fragen offen. Und so ziehen nun Sunrise und die SRG den Entscheid ans Bundesverwaltungsgericht weiter. Die SRG, weil sie die Einschränkung aufbrechen will. Sunrise, weil das Unternehmen einen klar formulierten Entscheid über diese Zusammenfassungen will. Um künftig Umgehungen zu verhindern. Dabei wird Sunrise von der Liga unterstützt, die sicherstellen will, dass der erhebliche Marktwert der über das gesetzliche Minimum hinausgehenden Zusammenfassungen erhalten bleibt.
Der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes kann noch an das Bundesgericht weitergezogen werden. Roland Mägerle, Leiter SRF Sport und Business Unit SRG, sagt zu diesem brisanten Rechtsstreit lediglich: «Zu laufenden Verfahren nimmt die SRG generell keine Stellung.»
Der «Kalte Krieg» zwischen der SRG und Sunrise hat inzwischen skurrile Auswirkungen. Praktisch zeitgleich mit dem ersten Finalspiel hat SRF das völlig bedeutungslose Operetten-Länderspiel Schweiz – Slowakei live übertragen. Also den Playoff-Final auf dem TV-Markt direkt konkurrenziert. Obwohl die Finaltermine schon im Sommer bekannt waren. Die Liga-Vertreter haben von einer unerhörten Respektlosigkeit gesprochen. Dass die Playoff-Partie auf TV 24 das Länderspiel auf SRF zwei dabei bei der werberelevanten Zielgruppe um ein Mehrfaches überflügelte, dürfte Balsam für die Seele der Liga und Sunrise gewesen sein.
Die nachhaltig gestörte Beziehung zwischen der SRG und Sunrise bzw. der National League wird durch den Gang vors Bundesverwaltungsgericht oder im Falle eines Falles bis vor Bundesgericht nicht besser. Bloss juristisch klarer strukturiert.
Was die SRG beunruhigt: Immer mehr werden die Eishockey-Rechte für Sunrise zur Erfolgsgeschichte. TV 24 erreicht im Final einen Marktanteil von 22 Prozent und über 500'000 Zuschauende pro Partie. Liga-Direktor Denis Vaucher ist erfreut: «Nach dem fundamentalen Systemwechsel weg von der SRG waren wir gespannt auf die Auswirkungen. Umso mehr freuen wir uns über die tollen Zahlen im privaten Free-TV.»
Und die Ironie der Geschichte: Sunrise bzw. die Liga sind formidable Kunden der SRG. Denn es ist die SRG, die mit einer Unterabteilung alle Live-Bilder in allerbester Qualität produziert. Ein Auftrag im Wert von gut 6 Millionen im Jahr. Da fuchst es halt SRF-Sportchef Roland Mägerle doppelt und dreifach, dass er über die Bilder nicht mehr nach Belieben verfügen darf.
Als es auf SRG lief, schaute ich regelmässig die Zusammenfassungen und jedes Play-off Spiel.
Nein, auch wenn Zaugg wohl mit Sunrise verbandelt zu sein scheint, so wie er den Deal seit Anfang an hochjubelt, so ist die Situation gerade betreffend Reichweite ein klarer Rückschritt.
Tja liebe SRG, das waren noch Zeiten als einziger TV -Sender mit gottgleicher Macht. Aber die Zeiten ändern sich, so wird man halt "nur" noch zum Mitspieler und muss die (einst selbst bestumenen) Spiel-Regeln auch einhalten und diktiert sie nicht mehr. Im übrigen, mit all den anderen Rechten - von Schwingen, über Reiten, Handball bis zum Sackhüpfen - welche die SRG alle innehält, macht es die SRG GENAU gleich!!