Der Zustand einer Hockeykultur kann am einfachsten an drei Kriterien beurteilt werden. An der nationalen Meisterschaft, an den Resultaten bei internationalen Wettbewerben (Champions Hockey League, WM) und am NHL-Draft.
Die National League gehört sportlich zu den spektakulärsten und finanziell zu den potentesten Ligen ausserhalb Nordamerikas. Die Resultate bei internationalen Wettbewerben sind formidabel: Servette hat die Champions League gewonnen, die Schweizer sind nach 2013 und 2018 zum dritten Mal in den WM-Final gestürmt und im Draft haben sich vier Klubs die Rechte an Schweizer Spielern erworben.
Das Niveau der National League ist so hoch, dass hin und wieder sogar ein Spieler ohne als Junior durch den Draft zu gehen später direkt in die NHL wechseln und sich durchsetzen kann (Pius Suter). Letzte Saison bescherte dies der National League einen neuen Publikumsrekord.
Es gehört zu einem lieb gewordenen Ritual, nach der WM und dem NHL-Draft-Wochenende zu jammern. Nie wird so viel Unsinn über den Zustand unseres Hockeys erzählt wie nach der WM und dem NHL-Draft. Um es etwas polemisch zu formulieren: Bedeutungsschwer wird die Juniorenförderung kritisiert und nach dem NHL-Draft die internationale Konkurrenzfähigkeit unseres Hockeys auf Jahre hinaus infrage gestellt. Die NZZ titelte im Mai gar: «Das Schweizer Eishockey ist geblendet von WM-Silber – es steuert auf grosse Probleme zu.»
Mit Verlaub: Das ist barer Unsinn. Solche Betrachtungen haben ihre Ursachen in einem erstaunlichen Tunnelblick. Die Probleme sind in unserem Hockey weder grösser noch kleiner geworden. Es sind Schwierigkeiten, die zum Alltag einer Hockeykultur gehören und in einem gewissen Sinne für die notwendige innere Unruhe und Dynamik sorgen, aber wenig über die langfristigen Perspektiven sagen.
Tatsächlich sagt uns der NHL-Draft etwas aus über die Qualität einer Juniorenförderung. Aber es geht – stark vereinfach gesagt – jeweils um einen Jahrgang. Bei einer nummerisch kleinen Hockeynation wie der Schweiz sind die Schwankungen von Jahrgang zu Jahrgang enorm. Regelmässig gute Draft-Ergebnisse sind nur für die zahlenmässigen Titanen möglich. Wie klein das Potenzial der Schweizer ist, zeigt die Anzahl lizenzierter Junioren. Erstaunlich ist allein schon, dass die Schweiz in Konkurrenz mit Fussball über Jahre so viele Junioren fürs Hockey zu rekrutieren vermag:
Das Resultat des NHL-Drafts 2024 entspricht ziemlich genau diesen Dimensionen.
Aussagekräftig für die Schweiz ist eine Analyse über einen längeren Zeitraum. Da zeigt sich, dass die vier Drafts von 2024 im langjährigen Schnitt sind.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Konkurrenz durch «kleine» Nationen – wie beispielsweise Österreich – beim Draft inzwischen grösser geworden ist. Unter anderem, weil österreichische Talente in unser Nachwuchssystem wechseln. Zwei österreichische Erstrunden-Drafts (David Reinbacher 2023, Marco Rossi 2020) sind in der Schweiz ausgebildet worden.
Auch beim Draft zeigt sich übrigens, dass sich die NHL nicht um Politik schert: Insgesamt sind 30 Spieler aus Russland und Weissrussland im Draft gezogen worden und nach Kanada (89) und den USA (39) kommen die meisten NHL-Drafts 2024 aus … Russland (27).
Erstrundendrafts sind für unser Hockey nie die Regel, sondern immer kleine Wunder. Der Nummer-1-Draft von Nico Hischier ist schon beinahe vergleichbar mit der Nummer 1 in der Weltrangliste von Roger Federer. Seit 1969 kommt nur ein einziger Nummer-1-Draft nicht aus einer der grossen Hockeynationen (Kanada, USA, Russland, Schweden, Finnland, Tschechien): Nico Hischier.
Die Position in der Weltrangliste wird aus den Klassierungen der letzten fünf Jahren errechnet. Sie ist also aussagekräftig.
Obwohl die Schweizer in ungleich höherem Masse als etwa Schweden oder die USA von den für die WM zur Verfügung stehenden NHL-Profis abhängig sind (ob Roman Josi dabei ist oder nicht, spielt eine wesentliche Rolle), stehen sie bei der WM besser da als beispielsweise Schweden: Seit dem WM-Titel von 2018 (Finalsieg gegen die Schweiz) waren die Schweden bei einer WM nie mehr besser als die Schweizer und haben einmal sogar den Viertelfinal verpasst. Ein WM-Halbfinal muss für die Schweiz das Ziel sein. Aber das Erreichen dieses Zieles ist nie ein Selbstläufer.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz bis in fünf, sechs Jahren den nächsten WM-Halbfinal oder gar WM-Final erreicht, ist sehr hoch. Die Probleme und die Krisen, die unser Hockey umtreiben, sind – bis auf eine Ausnahme, auf die wir noch zurückkommen werden – nicht existenzieller Natur.
Der Konflikt zwischen dem Verband und der vom Verband unabhängigen National League, die Schwierigkeiten der zum Verband gehörenden Swiss League und die strukturellen Mängel der Nachwuchsligen stören zwar den Tagesbetrieb und die Entwicklung, sind aber nicht grösser als in anderen Hockeynationen. Sie hängen oft mit den Egos oder der Inkompetenz der auswechselbaren Verband- und Klubgeneräle zusammen und bei der hohen Kultur der Kompromissbereitschaft in unserem Land gibt es immer wieder Lösungen. Die aktuellen Streitigkeiten sind eher ein Zeichen, dass es zu vielen zu gut geht (weshalb sie sich nicht um die tatsächlichen Probleme kümmern). Zusammenfassend gilt: Unsere Profiklubs werden so gut gemanagt wie noch nie.
Die Finanzierung des Profibetriebs (National League) auf dem aktuellen Niveau wird über Jahre hinaus möglich sein. Ein bisschen weniger Geld (und weniger hohe Saläre) wird kein Problem sein. Finanzielle Schwierigkeiten einzelner Klubs hat es immer gegeben und wird es immer geben. So wie es in jedem Wirtschaftszweig Firmen mit Geldproblemen gibt.
Das Ausbildungssystem ist nicht perfekt, aber gut, und ein junger Spieler hat weitgehend die freie Wahl, ob er seine Ausbildung in der Schweiz durchlaufen oder nach Skandinavien (in der Regel Schweden) oder in einer der drei höchsten nordamerikanischen Juniorenligen wechseln will. Beide Wege können zum Ziel führen: Roman Josi wechselte erst als SCB-Meisterspieler nach Nordamerika, Nico Hischier bereits als Junior.
Fehlentwicklungen (wie bei der Anzahl zugelassener Ausländer oder das Torhüterproblem) lassen sich verhältnismässig leicht korrigieren. Die ganz grosse Herausforderung der nächsten Jahre ist noch kaum erkannt und thematisiert worden.
Die Basis unserer Hockeykultur ist ein dichtes Netz von Kunsteisbahnen. Nur wenn die Wege zur nächsten Kunsteisbahn nicht zu lang, und nur wenn genügend Eis für den Nachwuchs zur Verfügung steht, wird es möglich sein, die Qualität unserer Hockeykultur zu wahren und weiterhin genügend Junioren zu rekrutieren. Das bedeutet, dass die 106 Eishallen und die 103 offenen Kunsteisbahnen erhalten bleiben müssen.
Die meisten sind über Genossenschaften oder Aktiengesellschaften im Besitz der öffentlichen Hand. Aber es ist nahezu unmöglich, Kunsteisbahnen ohne erhebliche Betriebszuschüsse aus der öffentlichen Hand (also mit Steuergeldern) zu betreiben. Die Gefahr, dass in den nächsten Jahren vor allem die Gemeinden nicht mehr gewillt sind, diese Beiträge zu bezahlen und Kunsteisbahnen geschlossen werden müssen, wird nach wie vor unterschätzt. Soeben ist es erst an einer mit einer Unterschriftensammlung erzwungenen Abstimmung möglich geworden, die Schliessung einer Eishalle im Kanton Bern zu verhindern.
Die wichtigste Aufgabe des Verbandes wird es in den nächsten 15 Jahren sein, diese drohende Eisschmelze zu verhindern und den Bestand der Kunsteisbahnen zu sichern – durch Überzeugungsarbeit, durch politische Lobbyarbeit und letztlich wohl auch durch Hilfe bei der Finanzierung.
Naja da ging wohl 2022 vergessen als mit Juraj Slavkovsky der erste Slowake an erster Stelle gedraftet wurde. An zweiter Stelle: Ebenfalls ein Slowake. 2022 und 2023 kombiniert 14 Spieler aus der Slowakei, 6 davon in der ersten Runde.
Es gab auch Drafts wie 2020 als gar kein Schweizer gewählt wurde. Zudem kaum Top-Talente, welche in der ersten Runde gezogen werden. Sogar die Österreicher (3) hatten davon in den letzten 5 Jahren mehr als wir (1 - Lian Bichsel). Rosig schauts nicht aus.