Ein neuer Trainer als Medienereignis – wie Christian Dubé Biel rockt
Der kleine Medienraum im Parterre ist fast voll. Christian Dubé hat sein erstes Training als Trainer beendet und gibt im Rahmen einer Medienkonferenz Auskunft. Nachdem er schon im Kabinengang in Kameras und Mikrofone gesprochen hat.
Manager Daniel Villard ist ob des Aufmarsches der sendenden und schreibenden Chronistinnen und Chronisten bass erstaunt. Die nationale Agentur Keystone hat sogar ihren legendären Fotochef Alessandro della Valle nach Biel beordert. «Ein grösseres Medienereignis war bei uns nur noch die Vorstellung von Torhüter Jonas Hiller und die Verzichtserklärung von Kevin Schläpfer auf den Posten eines Nationaltrainers.» Das sei, so Villard, bemerkenswert. Man stehe in der Tabelle ja bloss auf Rang 11.
Ein Trainerwechsel, geschickt inszeniert, tut einem Klub wohl: Medienpräsenz auch ohne Spiel, neue Hoffnung und erhöhter Aufmerksamkeitsgrad in den nächsten Partien. Am Freitag in Lausanne, am Samstag daheim gegen die Lakers.
Allerdings hängt so ziemlich alles von der Persönlichkeit des Trainers ab. Gut inszenieren lässt sich der Kommandowechsel nur, wenn der neue Mann ein charismatischer Kommunikator mit Sinn für ein bisschen Ironie ist, einen klingenden Namen hat und versteht, dass die National League eben auch zur helvetischen Unterhaltungsindustrie gehört. Mit einem skandinavischen Griesgram oder einem «Nobody», der erst allen erklären muss, wer er ist, woher er kommt und was er schon geleistet hat, lässt sich kein Spektakel veranstalten.
Christian Dubé ist die perfekte Wahl, um aus einem Trainerwechsel gute Unterhaltung zu machen. Der Kanadier gehört seit 1999 als Spieler, Trainer und Sportchef zu den Fixsternen unseres Hockey-Kosmos (Lugano, SCB, Gottéron), ist schlagfertig, plaudert locker und nicht nur im verbalen Baukastensystem der modernen Kommunikationskultur, die für jede Situation schon die vorgefertigten Sätze liefert.
Natürlich kann er das Hockey nicht neu erfinden. Aber er ist locker drauf. Zumal er jetzt einen neuen Job hat und nicht mehr aufs Rav muss. Und ist nicht an diesem Donnerstagmittag, am Tag seiner Ankunft, der Nebel viel weniger dicht als am Vortag? Drückt am Fusse der Juraberge nicht ein wenig Sonnenlicht durch? Ja, so ist es. Fast wie damals, als Adrian von Bubenberg nicht weit von hier seine Männer mit dem Ausruf «Auf, die Sonne leuchtet uns zum Sieg!» motivierte. Sie rückten vor, das Heer der Burgunder zerstob und die Belagerung von Murten war zu Ende.
Ohnehin wird Christian Dubés Wirkung nicht in erster Linie eine taktische, sondern eine psychologische sein. Die meisten seiner Spieler kennen ja das Eishockey-ABC. Taktisch und auch sonst. Entscheidend ist die Rückkehr der Emotionen, des Mutes, des Selbstvertrauens und der Freude am Spiel. Biels Hockey-Mineralwasser braucht wieder Kohlensäure. Dubé sorgt dafür.
Wobei: Auf den ersten Blick gibt es einen kleinen Grund zur Sorge. Er trägt seine Haare kurz. Kennt er denn nicht die Geschichte von Samson, der mit blossen Händen einen Löwen zerriss, ein Stadttor aus den Angeln riss, mehr als hundert Philister erschlug und sein Charisma und all seine Kraft verlor, als ihm die Haare geschnitten wurden? Biels neuer Trainer kennt die Geschichte. Er lacht: «Ich habe die Haare schon vor mehr als einem Jahr kurz geschnitten. Keine Sorge, ich habe noch Energie.» Seine Worte im Ohr der Hockeygötter. Es wäre schade, wenn die gestutzte Mähne ein Zeichen von Altersmilde und Konformität sein sollte.
Klar ist: Biel kann besser Hollywood. Die Fahrt von der PostFinance Arena in Bern zur Tissot Arena in Biel dauert nur eine gute halbe Stunde. Aber es ist eine Reise zwischen Welten. In Bern hat sich die sportliche Krise wie Mehltau über die Stimmung gelegt. In Biel aber werden Krise und Trainerwechsel als Show inszeniert. Hockey-Hollywood. Der Pessimist sagt: «Hoffentlich vergeht den Bielern die gute Laune nicht schon nach ein paar weiteren Niederlagen.» Der Optimist beruhigt: «Die sportliche Krise in Biel hat erst 2023 begonnen und nur die Wirkung eines rasch vorüberziehenden Wintergewitters.» Der SCB steckt hingegen seit 2019 in einer sportlichen Depression und aus einem Wintergewitter ist ein stationäres Tiefdruckgebiet geworden.
Den besten Auftritt – oder besser: den Auftritt, der uns die ganz besondere Bieler Kultur erklärt – hat Captain und Leitwolf Gaëtan Haas. Im Kabinengang wird er zu den Vorgängen der letzten Tage befragt. Als Captain obliegt es ihm, Auskunft zu erteilen. Es ist ihm anzumerken: Er würde lieber nicht.
Er redet und redet. Man habe viele Meetings gehabt, mit dem Trainer, unter den Spielern in der Kabine, mit dem Sportchef, mit dem Management, mit den Fans, um eine Lösung zu finden. «Ich bin froh, dass wir uns nun wieder auf das Spiel konzentrieren können.»
Die naheliegende Frage: Sind die Spieler nach den vielen Meetings zum Schluss gekommen, dass der Trainer abgesetzt werden muss? Hat es diesbezüglich vielleicht eine Abstimmung gegeben? Man hätte boshafterweise noch nachfragen können: eine Abstimmung mit Robin Grossmann als Stimmenzähler? Was natürlich niemand getan hat. Es wäre eine Respektlosigkeit sondergleichen gewesen.
Gaëtan Haas hält ganz kurz inne und hat eine verblüffende Antwort parat: «Wir Spieler hatten nichts zu sagen.» So viele Meetings und dann in der Trainerfrage doch nichts zu sagen? Oder besser: so viel in die Mikrofone reden und doch nichts Konkretes sagen? Ein wenig das Spiegelbild einer Mannschaft aus braven Musterschülern ohne Mut und – um in der Macho-Hockeysprache zu reden – ohne «Eier», um die Krise zu meistern? So ist es.
Wohl nur ein paar eigenwillige Leitwölfe hätten Biel ohne Trainerwechsel wieder auf Kurs gebracht. Leitwölfe mit «Huevos que no eran de este mundo» («Eier, die nicht von dieser Welt sind»), um einen Ausdruck von Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez (der auch gerne übertrieb) aus seinem Werk «Hundert Jahre Einsamkeit» zu verwenden.
Vielleicht hat sie Christian Dubé. Dann erreicht Biel die Play-Ins. Dann erreicht Biel das Play-In. Gaëtan Haas hat sie definitiv nicht. Er sollte Politiker werden. Er wäre eher Biels Stadtpräsident als der nächste Meister-Captain.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
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