Erinnerungen an Ralph Krueger – und ja, Bronze ist möglich
Gefühlt sind es mindestens 20 «Big Saves». Die Statistiker zählen am Ende 51 Paraden. Die Schweizerinnen verlieren gegen den himmelhohen Favoriten Kanada trotzdem 0:4. Aber die Art und Weise, wie sie bis zur 28. Minute den Kasten reinhalten und die Entscheidung erst in der 45. Minute mit dem 0:2 hinnehmen müssen, weckt Hoffnungen. Der «Bronze-Traum» lebt. Zwei Siege gegen europäische Gegner (im Viertelfinal und im Bronze-Spiel) reichen zur zweiten Bronze-Medaille nach 2014.
Gegen Kanada hat die Schweiz im Frauenhockey noch nie gewonnen (15 Niederlagen, 3:67 Tore). Die Unterlegenheit war auch diesmal so gross (6:55 Torschüsse), dass eigentlich nur die Defensivleistung aussagekräftig ist. Erst zweimal waren es weniger Gegentore: Drei 2014 beim Olympischen Turnier in Sotschi und 2024 bei der WM. Dieses 0:4 von Mailand ist also höchst ehrenvoll. Bei der WM lauten die Resultate seit den letzten Olympischen Spielen 0:4, 0:3, 1:5, 0:4, 1:8 und 1:4.
Die Schweizerinnen waren lange nahe dran das beste Resultat der Geschichte zu erzielen und blieben bei fünf gegen fünf Feldspielerinnen während 56 Minuten unbezwungen. Etwas polemisch gesagt: Das historisch beste Resultat haben die Refs verhindert. Sie liessen den Kanadierinnen praktisch alles durchgehen und den Schweizerinnen gar nichts. Die drei ersten Tore fielen im Powerplay.
Die SCB-Meistertorhüterin Saskia Maurer wirkt nach zwei schwierigen Spielen an zwei Tagen (sie stoppte am Vortag 33 Pucks beim 4:3-Penaltsieg gegen Tschechien) erstaunlich frisch und sagt, 50 Schüsse auf dem kleinen Eisfeld kenne sie aus ihrer Zeit im nordamerikanischen Universitäts-Hockey (2021 bis 2023).
Es sei ein gutes Spiel gewesen. «Wir kämpften von Anfang an und waren nahe dran. Falls eine unserer Chancen reingegangen wäre, hätte es vielleicht anders ausgesehen. Wir haben gekämpft und daran geglaubt.»
Tatsächlich hatten die Schweizerinnen mindestens zwei hochkarätige Konterchancen. In einem solchen «Einbahnspiel» gibt es logischerweise keine offensiven Heldinnen. Lara Stalder und Alina Müller fanden weder Zeit noch Raum, um ihr Können zu entfalten und kamen kaum je in die gegnerische Zone. Sie spielen im Team eine ähnliche offensive Rolle wie die NHL-Stürmer in der Männermannschaft.
Lob und Preis gibt es unter diesen Voraussetzungen eigentlich nur für defensive Tapferkeit. Neben Saskia Maurer vor allem für Verteidigerin Lara Christen. Vom SCB auch sie. Mit 25:48 Minuten Eiszeit, allein 11:20 Minuten davon im Schlussdrittel war sie die smarte Verteidigungsministerin, die den Kanadierinnen trotzte und am meisten Eiszeit schulterte. Mit einer Spielintelligenz sondergleichen. Nicht mit Kraft und Wucht. Sie wirkte nach diesem «Marathon-Spiel» erstaunlich frisch und in der ihr eigenen bescheidenen Art sagte sie zum Spiel:
Man darf sagen: Es war sehr gut, eigentlich spielten sie und Saskia Maurer auf Weltklasse-Niveau. Nationalcoach Colin Muller haderte zu Recht ein wenig mit den Schiedsrichterinnen. «Ich finde die Strafen etwas fragwürdig. Sie wollten nichts gegen Kanada pfeifen und wir bekamen in ähnlichen Situationen Strafen». Mit der Defensivleistung war er zufrieden. Sorgen bereitet ihm die Offensive.
Ein wenig mahnt das Team von Colin Muller an unsere Nationalmannschaft unter Ralph Krueger vor 25 Jahren. Der Anschluss an die Weltspitze gelang ab 1998 mit starken Goalies und Verteidigern, einer sehr guter Defensivorganisation, Disziplin und Leidenschaft. Erst seit 2010 können wir auch offensiv mit den bösen internationalen Hunden bellen – und das Resultat sind inzwischen vier WM-Finals.
Der Abstand der Frauen zu den Kanadierinnen und den Amerikanerinnen ist allerdings im Quadrat grösser als vor 25 Jahren die Differenz zwischen unseren Männern und den besten Teams der Welt. In der Geschichte der WM (seit 1990) und der Olympischen Spiele (seit 1998) lautete der Final erst zweimal nicht Kanada gegen die USA – 2019 bei der WM in Finnland und 2006 beim Olympischen Turnier in Turin. 2019 verloren die Kanadierinnen gegen Finnland und 2006 gegen Schweden. Aber an einem guten Abend sind die Schweizerinnen auf Augenhöhe mit den europäischen Teams. Deshalb ist das Ziel «Bronze» realistisch.
Was uns zur Frage führt: Wenn alle NL-Teams und der Verband mehr ins Frauenhockey investieren würden, dann wäre die Basis unseres Frauenhockeys breiter und wir könnten wahrscheinlich bei jedem Titelturnier um die Bronze-Medaille spielen. Der Hauptgrund für die himmelhohe Überlegenheit Kanadas und der USA ist in erster Linie die viel grössere Anzahl Spielerinnen: Etwas mehr als 100'000 in Kanada, über 320'000 in den USA und immerhin gut 6500 in Schweden. Bei uns sind es knapp 3000.
Und wenn der SCB bei den Männern einen Weltklassegoalie mit der Kragenweite von Saskia Maurer und in der Abwehr einen Verteidiger mit dem Spielvolumen von Lara Christen hätte, dann wäre die Sportabteilung (fast) alle Sorgen los und der SCB ein Meisterkandidat. Aber wir wollen weder grübeln und noch polemisieren.
