Genoni oder die zeitlose Klasse der grossen Goalies
Leonardo Genoni wird im August 39. Eigentlich im Eishockey ein Alter, um Abschied zu nehmen. Ein Alter, in dem Karrieren nicht mehr verlängert, sondern in nostalgischer Verklärung verwaltet werden.
Aber Genoni steht immer dort, wo der Druck am grössten ist. Wo ein einziger Fehler genügt, um Helden zu stürzen und Träume zu beenden: im Tor der Schweiz bei der Heim-WM. Auf der grössten Bühne des internationalen Hockeys.
Beim WM-Startspiel gegen die Amerikaner lebt er nicht von nostalgischen Erinnerungen an vergangene Grösse. Der dreifache WM-Finalist (2018, 2024, 2025) liefert den Beweis, dass seine Klasse Gegenwart geblieben ist. Exakt 95 Prozent der Schüsse wehrt er ab. Bereits ein Wert von 92 Prozent gilt als exzellent. Er hat nun bei seinen letzten sieben WM-Einsätzen nach 60 Minuten nur zwei Treffer zugelassen. 3:0 gegen die USA, 5:1 gegen Deutschland, 10:0 gegen Ungarn, 6:0 gegen Österreich, 7:0 gegen Dänemark und 0:1 n.V. gegen die USA bei der WM 2025 und nun soeben 3:1 gegen die USA.
Er hat zwar am Freitag gegen die Amerikaner Pucks auch spektakulär gefangen. Aber in erster Linie beeindruckte er mit jener Ruhe, die nur ganz grosse Torhüter ausstrahlen. Die Ruhe des letzten Mannes, der Eishockey nicht bloss spielt, sondern versteht. Nach wie vor besser als die meisten anderen.
Als Torhüter kann man vom Reglement her im Eishockey nicht Captain sein. Sonst wäre er es in Zug und im Nationalteam wohl längst geworden. Der Captain ist derjenige, dessen Haltung eine Mannschaft prägt. Dessen Präsenz Sicherheit ausstrahlt und jeden seiner Vordermänner ein bisschen grösser, kräftiger und selbstsicherer macht. Dessen Gelassenheit stabilisierend wirkt, wenn um ihn herum Hektik ausbricht. Genau das verkörpert Leonardo Genoni im Nationalteam seit Jahren.
Hockey und Fussball sind grundverschiedene Spiele. Das eine auf einer rutschigen Unterlage und schnell wie ein Stromschlag. Das andere auf trittfestem Rasen oft ein strategisches Schachspiel über neunzig Minuten. Doch bei den ganz grossen Torhütern verschwinden diese Unterschiede. Weil Exzellenz universell ist. Weil die Mechanismen der Perfektion auf Rasen und auf gefrorenem Wasser die gleichen sind.
Leonardo Genoni mahnt an Dino Zoff, einen der grössten Torhüter der Fussball-Geschichte. An den stillen Titanen und Captain Italiens, der 1982 mit 40 Jahren zum ersten Mal Weltmeister geworden ist. Auch Dino Zoff war nie der Lauteste. Nie der Schillerndste. Aber vielleicht gerade deshalb eine Ausnahmeerscheinung.
Es gibt Parallelen bei Dino Zoff und Leonardo Genoni: Kein Zentimeter Bewegung ist überflüssig. Jede Verschiebung folgt einer inneren Logik. Beide spielten bzw. spielen nicht gegen das «feindliche Objekt». Der eine gab dem Ball die Chance, zu ihm zu kommen, und der andere gibt dem Puck die Chance, zu ihm zu kommen.
Es gibt Goalies, die reagieren. Leonardo Genoni antizipiert. Das ist der Unterschied zwischen gut und aussergewöhnlich. Zwischen Reflex und Intelligenz. Die Fähigkeit, Situationen zu lesen, bevor sie entstehen. Die Kontrolle über Räume, Winkel, Wahrscheinlichkeiten und Zufälle.
Wie bei Dino Zoff ist das Geheimnis von Leonardo Genonis Spiel diese Intelligenz und dazu die Professionalität, die Detailbesessenheit, die fast asketische Hingabe an den Beruf. Auch er hat die Kunst des Abwehrens nicht einfach erlernt. Er hat sie verfeinert. Poliert. Über Jahrzehnte perfektioniert wie ein Uhrmacher, der weiss, dass die Präzision im Hundertstelmillimeter verborgen liegt. Nun verkörpert er sportliche Reife in nahezu vollendeter Form. Das Beeindruckendste dabei ist vielleicht nicht einmal seine Leistung. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der er sie abzurufen versteht, wie soeben im WM-Startspiel gegen die Amerikaner. Kein Pathos. Keine Inszenierung.
Während der drei letzten Partien vor der WM im südschwedischen Ängelholm hat sich der Chronist mit einem erfahrenen NHL-Scout über die Schwierigkeit unterhalten, bei der anstehenden WM den richtigen Torhüter zu nominieren: Meistergoalie Reto Berra oder Leonardo Genoni? Dazu hatte der Mann, der auch unser Hockey sehr gut kennt, eine klare Meinung: «Diese Frage stellt sich gar nicht. Genoni ist die Nummer 1. Bei weitem. Weil er so viel Vertrauen ausstrahlt. Wenn er im Tor steht, gibt er allen das Gefühl, dass nichts passieren kann.»
Auch das ist die Qualität der Goalie-Titanen: das Vertrauen, das sie einer Mannschaft geben. Das gute Gefühl, das sie in der Kabine, auf dem Rasen oder auf dem Eis vermitteln. Das Wissen, dass hinter allem Risiko, hinter jedem Fehler noch immer einer steht, der die Ordnung wiederherzustellen vermag.
So war es einst mit Dino Zoff für die Italiener. So ist es jetzt mit Leonardo Genoni in Zürich für die Schweizer. Wie einst Dino Zoff hat er jetzt das Alter erreicht, um erstmals Weltmeister zu werden.
Vielleicht ist die Nomination des richtigen Torhüters für den nationalen Trainer Jan Cadieux gar nicht soooo schwierig.
P.S. Warum war Zug in den letzten beiden Jahren mit Leonardo Genoni nicht besser? Das ist eine ganz andere Geschichte und in Zeiten der WM im eigenen Land wollen wir nicht grübeln.
