Das neue Lugano – weniger Schillerfalter, kleinere Egos und ein «doppelter Slettvoll»
Im Kultfilm «Und täglich grüsst das Murmeltier» erlebt ein kurioser Wettermoderator denselben Tag immer wieder neu, egal was er tut. Der Film steht für Routine, Stillstand bis hin zur Absurdität. Etwas wiederholt sich scheinbar endlos ohne sichtbare Fortschritte: gleiche Abläufe, gleiche Probleme, gleiche Diskussionen. Immer wieder von vorn.
Der Film könnte auch heissen: «Und täglich grüssen Luganos Trainer und Sportchef». Seit 2006, seit bald 20 Jahren hat Lugano, einst das Mass aller Dinge, keinen Titel mehr gewonnen. Lugano war zuletzt Meister, als die Welt noch eine andere war, Angela Merkel erst seit ein paar Monaten Kanzlerin und eine seltsame Technologie namens «Facebook» sich über die US-Universitäten hinaus zu öffnen begann. Storys konnte man auf dem Hosentelefon noch keine lesen.
Was auch immer Luganos Sportchefs und Trainer seither probiert haben – nichts hat sich geändert. Nichts ist für Chronistinnen und Chronisten einfacher, als eine Lugano-Analyse zu schreiben. Den Text vom letzten Mal kopieren und einfach ein paar Namen ändern. Jedes Klischee gehört in die Story: unter Palmen, keine Leistungskultur, neue Philosophie, grosse Egos, zu hohe Löhne und wahlweise Operetten-Ausländer, Operetten-Manager, Operetten-Sportchef oder Operetten-Trainer. Das Management ist in der Ratlosigkeit so weit gegangen, die DNA des «Grande Lugano» zu verleugnen, und machte sich selbst künstlich klein und bescheiden und versuchte, zu werden wie Ambri. Das Experiment scheiterte im letzten Frühjahr krachend: Playouts gegen Ajoie.
Bleibt Lugano wie in einer Zeitschleife stecken oder ändert sich vielleicht doch etwas? Sieben Mal hintereinander hatte Lugano zuletzt gegen Langnau verloren. Nicht ganz zufällig. Die latent ein wenig nachlässigen, ein bisschen arroganten, zu stark auf spielerische Mittel vertrauenden Tessiner waren zuletzt der perfekte Gegner für die von Thierry Paterlini exzellent gecoachten, defensiv stabilen, hart arbeitenden Emmentaler.
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Und nun hat Lugano in Langnau gewonnen (4:2). Das gab es zwar auch früher immer wieder. Aber eigentlich nie auf diese Art und Weise wie am Dienstagabend: Ein defensiv überaus solides Lugano hat die starken SCL Tigers im ausverkauften Stadion vom Eis gearbeitet. In Ehren ergraute Fans sahen gar Parallelen zum «Grande Lugano» von John Slettvoll (Meister 1986, 1987, 1988 und 1990).
Das mag nun schon etwas übertrieben sein. Aber tatsächlich ist im Spiel etwas von John Slettvolls «defensivem Sozialismus» zu erkennen. Der Schwede mit einer Ausbildung für die Schulung schwer erziehbarer Kinder trainierte – eigentlich regierte – den Klub mit einer absoluten Autorität, die keiner seiner zahlreichen Nachfolger auch nur annähernd erreichen sollte.
Was zum Schluss führt: Lugano müsste eigentlich den nächsten John Slettvoll finden. Aber den gibt es nicht und überhaupt: Die Zeiten, die Spieler, die Löhne – und das Hockey und das Leben überhaupt – sind anders als damals.
Aber vielleicht kann ein «doppelter Slettvoll» helfen. Also zwei eigentlich gleichberechtigte Bandengeneräle, die sich die Arbeit teilen, die von unterschiedlicher Art sind und doch die gleiche Philosophie vermitteln. Wenn mal der eine, mal der andere tobt, dann nützt sich die Autorität nicht so schnell ab. Im Idealfall machen sie auf «Good Cop, Bad Cop». Der eine mit mehr Temperament und emotional-autoritär, der andere eher ein verständnisvoller Taktik-Lehrer. Wie eine Mischung aus Arno Del Curto und Ueli Schwarz.
Tatsächlich wird Lugano diese Saison zum ersten Mal in seiner Geschichte von zwei gleichrangigen schwedischen Bandengenerälen kommandiert. Vom weitgereisten Tomas Mitell (45) mit dreijähriger NHL-Erfahrung als Assistent in Chicago und Stefan Hedlund (50), einst Cheftrainer von Zugs Farmteam und zuletzt vier Jahre in Rapperswil-Jona. Der neue Sportchef Janick Steinmann (38) hat ihn im Sommer aus Rapperswil-Jona mitgebracht. Stefan Hedlund ist nicht «nur» Assistent von Cheftrainer Tomas Mitell. Er arbeitet als Associate Coach. Also als zweite, eigentlich auf gleicher Hierarchiestufe stehende Führungskraft. Tomas Mitell ist der Chef nach dem lateinischen Prinzip «Primus inter pares» («Der Erste unter Gleichen»).
Die Arbeitsteilung der beiden stark vereinfacht erklärt: Tomas Mitell kümmert sich um die Gesamtstrategie und alles, was das Spiel mit dem Puck betrifft. Stefan Hedlund ist für das Spiel ohne Scheibe – also die Defensive – verantwortlich. Und weil Defensivarbeit – der einst von John Slettvoll geforderte «Defensive Sozialismus» – in einem talentierten Team schwieriger zu vermitteln ist, wird er oft lauter als sein schwedischer Landsmann.
Ist also der «doppelte Slettvoll» (Tomas Mitell/Stefan Hedlund) die Lösung? Einiges spricht dafür. Lugano ist ein heimlicher Titelkandidat geworden, den nach 20 Jahren ohne Meisterschaft niemand mehr auf der Rechnung hat. Und auch, weil Janick Steinmann das Team in kurzer Zeit bereits umgebaut hat: Lugano ist insgesamt kräftiger, geradliniger geworden. Weniger Schillerfalter, kleinere Egos und am einfachsten an einem Spieler erklärt: Topskorer Zach Sanford ist ein pflegeleichter Titan (193 cm/94 kg) und gilt als smartester und bester langsamer Stürmer der Liga. Leitwolf des vorherigen, meisterlosen Luganos war zuletzt Mark Arcobello. Der Amerikaner war einer der schnellsten, elegantesten und smartesten kleinen Spieler der Liga (174 cm/75 kg) und nicht immer einfach zu coachen.
Kein Wunder, sagt Sportchef Janick Steinmann auf die Frage nach seiner Transfer-Strategie: «Wir sind kräftig genug, jetzt müssen wir schneller werden.» Er kann sich ganz auf die Entwicklung seines Teams konzentrieren. Als erster Sportchef seit Fausto Senni, dem Sportchef in den sportlich rauschhaften Zeiten von John Slettvoll, muss er zurzeit nicht ständig an einem Plan B, C und D in der Trainerfrage arbeiten.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
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Er ist
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