Der ZSC, Marco Bayer und die Eitelkeits-Falle
Beginnen wir mit der Statistik. Wer sportliche Prosa lieber mag als Zahlen, kann die nachfolgende Aufstellung überspringen.
Der statistische Unterschied zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano ist nach 52 Qualifikationsrunden minim.
- 4. ZSC Lions, 91 Punkte, 147:115 Tore.
- 5. Lugano, 89 Punkte, 150:120 Tore.
Die Torhüter nahezu auf Augenhöhe.
- Simon Hrubec: 42 Spiele, 92,69 % Fangquote.
- Niklas Schlegel: 36 Spiele, 92,28 % Fangquote.
Das Boxplay fast identisch.
- ZSC Lions: 82,68 %-Erfolgsquote.
- Lugano: 82,09 % Erfolgsquote
Fast gleich viele Schüsse auf das Tor.
- ZSC Lions: 1558.
- Lugano: 1560.
Beim Powerplay eine kleine Differenz.
- ZSC Lions: 21,43 % Erfolgsquote
- Lugano: 19,31 % Erfolgsquote.
Der Unterschied nach drei Viertelfinal-Partien ist hingegen maximal.
- ZSC Lions: 3 Siege, 11:5 Tore.
- Lugano: 3 Niederlagen, 5:11 Tore.
Die Torhüter trennen Welten.
- Simon Hrubec: 95,60 % Fangquote.
- Niklas Schlegel: 83,58 % Fangquote.
… und Welten sind es auch im Powerplay.
- ZSC Lions: 33,33 % Erfolgsquote.
- Lugano: 16,67 % Erfolgsquote.
Nur bei den Torschüssen ist Lugano fleissiger
- ZSC Lions: 68 Pucks aufs Tor.
- Lugano: 91 Pucks aufs Tor.
Die Zahlen zeigen: Die ZSC Lions sind optimal auf die Playoffs vorbereitet worden. Sie sind «on fire». Lugano hingegen taumelt leidenschaftlich, aber in beinahe naiver Art und Weise durch die wichtigste Phase der Saison.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Der entscheidende Punkt: Die Zürcher haben viel mehr Playofferfahrung. 2018 bestritten diese beiden Teams den Final und die ZSC Lions sind Meister geworden. Seither haben sie zwölf Playoffserien gewonnen, zuletzt sechs hintereinander. Lugano hat seit 2018 keine einzige Playoffserie überstanden.
Erfahrung kann nicht eingekauft werden, sie muss erarbeitet werden. Dazu kommt: Die ZSC Lions haben mehr Talent. Oder auf den Punkt gebracht: Mit der Leidenschaft und dem Fleiss der Lakers (des Aussenseiters) hat Lugano eine formidable Qualifikation gespielt. Aber jetzt, da die Leistungskultur stimmt, ist die Mannschaft zu wenig talentiert. Früher das Talent, aber keine Leistungskultur. Jetzt ist es umgekehrt.
Aber kommen wir zum Kern der Sache: Marco Bayer. Würde bei den ZSC Lions ein berühmter nordamerikanischer Trainer an der Bande stehen – einer wie Mike Babcock oder Barry Trotz – dann würden wir uns jetzt verneigen, so tief, wie wir es vermögen.
Vor der Saison wäre ein solcher Bandengeneral über alle Massen gerühmt worden (Vorschusslorbeeren). Die etwas durchzogene Qualifikation mit einer kleinen Herbst-Depression (sechs Niederlagen in Serie) wäre als «Fliegenschiss» ignoriert worden.
Mit dem Hinweis, alles, was für die ZSC Lions zähle, seien die Playoffs. Und nun, da sich zeigt, dass die Zürcher in der Tat für die entscheidende Phase bereit sind, würden neue Psalmen gesungen: Da sehe man, dass es eben für eine grosse Mannschaft einen Chef mit Charisma und grossem Namen brauche. Oder wie die Nordamerikaner sagen: «Die besten Pferde brauchen den besten Reiter.» Und natürlich sei ein Bandengeneral aus der NHL ganz besonders geeignet, erfolgsverwöhnte Stars mit drei Titeln in zwei Jahren (Meister 2024 und 2025, Champions League 2025) aus der Komfortzone zu scheuchen. Ganze Kerle aus der NHL wie Bob Hartley und Marc Crawford seien die besten Trainer. Und alle Worte des ZSC-Trainers seien Gospel.
Aber an der Bande der ZSC Lions steht kein berühmter, hochdekorierter nordamerikanischer NHL-General und Stanley-Cup-Triumphator. An der Bande steht der Zürcher Marco Bayer. Seine Erfahrung mit einem Profiteam beschränkt sich auf die GCK Lions. Er hat das ZSC-Farmteam 2024 zum ersten Mal in der Geschichte in den Final der Swiss League geführt.
Wir wissen noch nicht, wie weit die ZSC Lions kommen werden. Aber eine Verbeugung vor Marco Bayer und dem ZSC-Management ist ein Gebot der Stunde. Marco Bayer hat die Mannschaft am 30. Dezember 2024 von Marc Crawford übernommen. Der Kanadier kehrte aus gesundheitlichen Gründen in seine Heimat zurück.
Seither begleitet den ZSC-Trainer mit Schweizer Pass Skepsis. Er hat gleich den Titel und die Champions League gewonnen. Und die Zweifel sind trotzdem geblieben. Vor der Saison stand sein Name auf den Spekulationslisten «Welcher Trainer wird zuerst gefeuert?» ganz oben. Und als die ZSC Lions im Oktober sechsmal hintereinander verloren oder als der Titelverteidiger auf eigenem Eis gegen Ambri, Ajoie oder Langnau verlor, wurde immer wieder über eine Entlassung von Marco Bayer spekuliert. Kurzum: Marco Bayer hat nach wie vor die Anerkennung nicht, die er eigentlich verdient.
Warum ist er erfolgreich? Weil er nicht in die Eitelkeitsfalle getappt ist. Zu keinem Zeitpunkt hat er seit seiner Amtsübernahme seine Verdienste in den Vordergrund gestellt. Er hat nach dem 4:0 gegen Lugano am Mittwoch, einem der besten Spiele der Saison, einen Satz gesagt, der den Kern der Sache trifft: «Ich verdanke alles der Mannschaft.»
Um das Bild vom Bandengeneral zu verwenden (militärische Begriffe gehören eigentlich nicht in den Sport, aber ursprünglich galt dieser Ausdruck für den Chef eines Klosters): Marco Bayer ist nicht der autoritäre, klassische Bandengeneral, der donnernde Kabinenreden hält, Räume mit seiner Präsenz füllt und Ruhm und Orden sammelt. Er ist eher der Generalstabschef mit einem kleinen Ego, der keinen Ruhm beansprucht, aber alles Menschenmögliche unternimmt, damit eine Organisation besser wird. Und sich wie ein guter Stabschef auf Generäle im Hintergrund verlassen kann, die seine Autorität schützen: Auf ZSC-Manager Peter Zahner und ZSC-Sportchef Sven Leuenberger.
Marco Bayer ist die helvetische Antithese zum klassischen ausländischen Coach. Wenig Charisma, aber klug und kompetent. Der sich nicht als Kommandant seiner Spieler versteht, sondern als Partner, der ihnen hilft, erfolgreich zu sein. Das funktioniert auch deshalb, weil die ZSC Lions mehr erfahrene Leitwölfe in ihren Reihen haben als jede andere Mannschaft der Neuzeit. Die Mischung stimmt, die Rollen sind gut verteilt. Es ist ein Privileg, eine solche Mannschaft coachen zu dürfen.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Das gehört für einen Trainer eben auch dazu: Der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein wie Marco Bayer.
Und was wird sein, wenn die ZSC Lions am Ende nicht bis in den Final kommen und den Titel nicht verteidigen können? Dann gehört es sich, dass die Arbeit von Marco Bayer respektiert und gewürdigt wird, dass darauf hingewiesen wird, dass er die Mannschaft optimal auf die Playoffs vorbereitet hat (wie die eingangs aufgeführte Statistik beweist), dass Eishockey eben ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage bleibt, dass mögliche Gründe, die der Trainer nicht beeinflussen kann (wie Verletzungspech), erwähnt werden, dass in einer so ausgeglichenen Liga vieles möglich ist, dass schon in der Qualifikation andere gleich gut oder besser waren, dass Davos oder Lausanne (oder wer es denn wäre) ein würdiger Meister sei. So wie das bei einem ausländischen Trainer mit berühmtem Namen der Fall wäre.
Ganz einfach: Respekt für einen Trainer mit Schweizer Pass. Respekt für Marco Bayer.
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