Der SCB und der «Faktor Scherwey»
Es gibt Spieler, die Star-Status haben und doch die Mannschaft und den Klub nicht wirklich prägen. Manchmal sind sie in Form und manchmal nicht. Ob sie in Form sind oder nicht, spielt eigentlich keine grosse Rolle. Die sportliche Wetterlage verändern sie kaum.
Und es gibt Spieler wie Tristan Scherwey, die uns eine schwierige Ursachenforschung über Erfolg und Misserfolg ersparen. Weil sich alles auf eine Frage reduziert: Sage mir, wie es Tristan Schersey geht und ich sage dir, wie es um den SCB steht.
Wer sonst?
Seit 2006 ist er beim SCB, seit 2010 gibt es den «Faktor Scherwey». Er bringt an einem guten Abend alle Eigenschaften aufs Eis, die den wahren SCB ausmachen. Härte, Leidenschaft, Emotionen, Zähigkeit, Hingabe, Begeisterung, Unnachgiebigkeit, Schlauheit – und Erfolg.
Als er 2019 seinen Vertrag um sieben Jahre verlängerte – damals der längste in unserem Hockey – war das weniger eine Vertragsverlängerung als eine Selbstverständlichkeit. Wer sonst sollte diesen Klub verkörpern, wenn nicht er?
Der SCB hat seine Erfolge noch nie mit elegantem Gleiten im Schmetterlingsstil herausgespielt. Nur wenn Leidenschaft und Energie Talent und Taktik befeuern ist der SCB «grande». Für diese Leidenschaft und Energie sorgt Tristan Scherwey. Es ist, wie es ist: Sage mir, wie es Tristan Scherwey geht und ich sage dir, wie es um den SCB steht.
«Ich komme von sehr weit her»
Lange war er diese Saison ein Schatten seiner selbst. Er konnte das Gaspedal noch so tief durchtreten – er kam einfach nicht auf Touren. Und als er kürzlich nach 22 Spielen endlich sein zweites Tor erzielt hatte, sagte Scherwey einen Satz, der mehr verriet als jede Statistik: «Ich komme von sehr weit her.»
Er zahlte den Preis für seinen generösen Einsatz. Im letzten Frühling sagte der zweifache WM-Silberheld (2018, 2024) sogar die WM ab, weil die Schulter zwickte. Nach all den Jahren, all den Kollisionen, all den Schlägen, all dem «Crash-Boom-Bang» seines Spiels, trägt sein Körper die Spuren wie ein alter Löwe seine Narben.
Der wahre, der echte Tristan Scherwey
«Sicher, ich werde älter», sagt er. Und investiert – in Muskeln, Stabilität, Regeneration, Geduld. Es reicht nicht mehr, um vom September bis im März zu «fräsen». Tristan Scherwey muss seine Kräfte und Energie bündeln. Für Spiele wie jenes vom Samstagabend gegen Biel. Ein Spiel gegen das Saisonende. Bei einer Niederlage wäre alles vorbei gewesen.
Und siehe da: Wir haben den wahren, den echten Tristan Scherwey gesehen. Oder besser: Erlebt. Ihn auf dem Eis zu sehen, ist für die Fans ein Erlebnis. Statistisch ist seine Rolle schnell erzählt. In der Qualifikation sammelte er 0,24 Punkte pro Spiel. Ein Wert, so kühl wie ein Januarabend in der PostFinance-Arena. Doch in diesem einen, entscheidenden Spiel gegen Biel (4:0) bereitet er zwei Tore vor. Zwei Assists, garniert mit vier Strafminuten und einer formidablen Plus-2-Bilanz.
Zum 1:0 und 3:0 zirkelt er den Puck so präzise auf Marco Müllers Stockschaufel, dass der hinterher sagen wird, es sei nicht schwierig gewesen, nach einem so wunderbaren Pass ins Netz zu treffen. Tristan Scherwey, SCB-Leitwolf mit mehr Ausstrahlung und Einfluss aufs Spiel als jeder andere und einer, der seine Mitspieler besser macht.
Diplomaten sind andere
Scherwey ist keiner, der gerne erklärt. Er macht. Er mag in der Krise am Buffet der Niederlagen keine kalten Häppchen servieren. Er war noch nie der Mann für die Erklärung des Scheiterns. Er lebt den Augenblick. Er will, wenn schon über Lösungen und das nächste Spiel reden und keine Energien mit «hätte», «könnte» und «müsste» verschwenden.
Wenn der SCB aus der Spur geraten ist, redeten oder reden andere: Diplomaten wie Simon Moser oder Ramon Untersander, die Niederlagen analysieren und bei Bedarf schönreden können wie Politologen eine Regierungskrise. Darum gibt es eine einfache Regel in Bern: Sage mir, ob nach dem Spiel alle mit Scherwey reden wollen – und ich sage dir, wie gut der SCB war.
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«Nach einem Spiel tut immer etwas weh»
Nach diesem 4:0 gegen Biel, das die Saison verlängert, wollen sie alle hören, was er sagt. Nicht weil er plötzlich zum Redner geworden wäre. Sondern weil er wieder der war, der er immer sein will, aber im Alter von 34 Jahren halt nicht mehr immer sein kann: der Leitwolf eines Klubs, der nur dann wirklich lebt, wenn einer vorausgeht – mit Emotionen, mit Leidenschaft und mit dem alten bernischen Glauben, dass Hockey manchmal weniger eine Frage des Talentes und der Taktik ist als des Herzens.
Und als er gefragt wird, ob er denn nun fit seit und keine Schmerzen mehr habe, sagt er: «Ich fühle mich sehr gut. Aber nach einem Spiel tut immer etwas weh.» So ist das: Wer alles gibt, sich in Schüsse wirft, checkt und Checks aushält wie Tristan Scherwey, dem tut hinterher immer etwas weh. Wie weit der SCB diese Saison noch kommt, ob es reicht, um die Lakers zu bodigen und später vielleicht noch zu mehr – das hängt ganz wesentlich vom «Faktor Scherwey» ab.
Später, lange nach dem Spiel, wird der Chronist auf dem Weg zum Parkplatz gefragt: «Wo wäre eigentlich Gottéron, wenn Scherwey in Freiburg geblieben wäre?» Das ist eine wahrlich eine gute Frage. Im Sommer 2006 haben die Berner Gottéron einen wilden Junior ausgespannt, der soeben in 28 Partien 46 Punkte gebucht und 80 Strafminuten verbüsst hatte: Tristan Scherwey.
Er ist inzwischen mit dem SCB fünf Mal (!) Meister geworden. Gottéron wartet noch immer auf den ersten Titel. Und auf einen wie Tristan Scherwey.
