Das letzte Hurra der «goldenen Generation» im grössten Drama unserer Geschichte?
Am besten lässt sich die Dramatik dieser Niederlage an Leonardo Genoni erklären: In drei Finals hintereinander hat er in den 60 Final-Minuten nur einen einzigen Treffer zugelassen. Und ist doch nicht Weltmeister geworden. 0:2 2024 gegen Tschechien (das zweite Tor fiel, als Patrick Fischer den Torhüter durch einen 6. Feldspieler ersetzt hatte), 0:1 nach Verlängerung 2025 gegen die USA und nun erneut in der Verlängerung 0:1 gegen Finnland.
Die Frage nach diesem intensiven Drama: Wo ist sie bloss geblieben, diese spielerische Eleganz? Die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit, die fast schwerelos wirkende Selbstverständlichkeit, die Präzision, die Ruhe, die Geduld, mit der die Schweizer durch die Vorrunde glitten und schliesslich zum dritten Mal hintereinander im Final angelangt sind?
Sie ist ausgerechnet im Spiel der Spiele verloren gegangen. In einer «Jahrhundert-Partie». Sie löste sich auf wie ein Bodennebel im ersten Licht eines Frühsommertages. Lautlos, unaufhaltsam, unerbittlich und schliesslich in der Verlängerung (71. Minute) endgültig.
Gut sichtbar für alle ist das kommende Unheil bereits am Anfang des zweiten Drittels, als zwar beim Stand von 0:0 noch alles offen ist. Aber die Schweizer, bisher mit dem besten Powerplay des Turniers, können ein 5-gegen-3-Überzahlspiel nicht nützen. Zu einem Zeitpunkt, als sich schon abzeichnet, dass jedes einzelne Tor bedeutungsschwerer sein wird als in einem gewöhnlichen Spiel. Dass womöglich ein einziges Tor reichen kann.
Neun Spiele lang war alles auf diesen einen Abend ausgerichtet. Neun Spiele lang ging es darum, den Gipfel zu erreichen: den WM-Final in der eigenen Arena auf der Weltbühne. Die Chance, endlich, endlich nach vier silbernen Anläufen Weltmeister zu werden. Nicht irgendwann. Sondern hier und jetzt und mit diesem Team. Punkt.
Und dann ist sie da, diese Chance. Der Puck fällt zur entscheidenden Partie aufs Eis. Der Traum steht nicht mehr am Horizont. Er ist da. Gegenwart. Und plötzlich ist alles anders.
Warum? Nicht, weil das Talent fehlte. Nicht wegen einer falschen Taktik. Nicht, weil ein einzelner Spieler versagt oder weil der Trainer die falschen Linien zusammengestellt hat. Nicht, weil die Schiedsrichter gegen uns waren. Nicht, weil vor der WM Patrick Fischer durch Jan Cadieux ersetzt worden ist. Wer nach technischen oder taktischen Erklärungen oder gar nach einem oder zwei Sündenböcken sucht, findet keine Antwort.
Die Schweizer sind natürlich auch an einem taktisch schlauen Gegner zerbrochen, der das Spiel «eingefroren» hat, der sich nie auf einen offenen Schlagabtausch eingelassen hat, der das Tempo aus dem Spiel und durch Intensität ersetzt hat. Die Schweizer sind hockeytechnisch vom taktischen Realismus der Finnen gestoppt worden. Sie vermochten dem Gegner standzuhalten (22:28 Torschüsse). Aber es ist zum ersten Mal bei diesem Turnier nicht mehr gelungen, dem Gegner davonzulaufen.
Da ist noch etwas anderes. Noch mehr als an den Finnen, den besten Taktikern der Moderne, sind die Schweizer an einem Gegner gescheitert, der keinen Helm trägt, keine Schlittschuhe schnürt, keinen Stock in Händen hält und sich in keiner Statistik erfassen lässt: an der Last der Erwartung, die noch nie so hoch war.
In bisher vier Finals hatten die Schweizer nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Nun war es die erste Partie auf dem Gipfel der Welt, bei der die Schweizer nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren hatten. Sie waren nicht mehr Aussenseiter, sondern Favorit. Mit den besseren Statistiken als der Gegner – und den höheren Erwartungen. Erwartet wird ein Sieg. Der WM-Titel. Punkt.
In den bisherigen vier Finals gab es die Gewissheit: Wenn wir es nicht schaffen – na und? Die nächste Gelegenheit kommt bestimmt. Erst recht 2026 im eigenen Land.
Das war der maximale Erwartungsdruck: Niemand musste es sagen, alle wussten es: Wenn es mit dieser Mannschaft nicht gelingt, den ersten WM-Titel zu holen – dann wohl auf Jahre hinaus nicht mehr. Die Jungen schon reif genug, um Weltmeister zu werden, die Veteranen noch nicht zu alt. Und anders als die anderen Titanen – Tschechien, Finnland, Schweden, Kanada, die USA – ist unsere Basis schmal. Wir produzieren nicht laufend Weltklassespieler. Es gibt zumindest vorerst keine neue «goldene Generation». Keinen nächsten Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier, Denis Malgin, Sven Andrighetto, Leonardo Genoni. Auch deshalb: jetzt oder nie.
Natürlich ist «nie» im Sport ein grosses Wort. Es gibt eigentlich kein «nie» und immer eine nächste Saison, eine nächste Chance. Der Sport ist ein Geschäft der ewigen Hoffnung. Aber es gibt eben auch Momente, die nicht wiederkehren. Wie dieser Final. Deshalb schmerzt diese fünfte Final-Niederlage mehr als die vier vorangegangenen. Gefühlt mehr als jede andere Niederlage der Neuzeit.
Für die Schweiz wird es weitere Weltmeisterschaften geben. Jedes Jahr eine. Weitere Medaillen vielleicht auch. Doch eine «Jahrhundert-Chance» wie an diesem 31. Mai 2026, vor eigenem Publikum, mit dieser Mannschaft – die gibt es so nicht noch einmal. Es war das letzte Hurra der «goldenen Generation» in einem der aufwühlendsten WM-Spiele unserer Geschichte.
Das ist das eigentliche Drama dieses Finals. Nicht ein Spiel ging verloren. Sondern eine Chance, die vielleicht nie mehr wiederkehren wird. Aber die «goldene Generation» ist mit fliegenden Fahnen untergegangen. Noch nach Jahren werden wir fragen: Wo warst du am 31. Mai 2026? Und wir alle werden noch wissen, wo und wie wir diese Partie erlebt haben.
Also bleibt am Ende ein uneingeschränktes Lob für Jan Cadieux und sein Team. Aber kein goldener Ruhm. Fünfmal (2013, 2018, 2024, 2025, 2026) sind die Schweizer nun mit Silber, diesem höflichen Edelmetall der sportlichen Enttäuschung, dekoriert worden.
Silber ist schön für Banken, Uhren, Schmuck und Besteck. Für unsere Hockeyseelen ist Silber zu einer kalten Verhöhnung der Hockey-Götter geworden. Immerhin: zum fünften Mal im Final und nach dem fünften WM-Silber seit 2013 zutiefst betrübt. Noch nie in der Geschichte hat es im Schweizer Sport eine Enttäuschung auf so hohem Niveau gegeben.
