ZSC-Trainer Marco Bayer – unsere Hockey-Antwort auf Berti Vogts
Im letzten Herbst mochten nur Romantiker wetten, dass Marco Bayer die Qualifikation frei von Polemik übersteht und sich bis im März im Amt halten kann. Er hatte zwar die Meisterschaft und die Champions League gewonnen. Aber nun wartete die schwierigste Aufgabe, die einem Trainer gestellt werden kann: Spielern Beine machen, die alles gewonnen haben. Doch genau das ist ihm gelungen. Wobei: Beine machen ist die falsche Formulierung. Er hat seinen Spielern nicht Beine gemacht. Er hat ihnen geholfen, die Beine schnell zu machen.
Eigentlich ist Marco Bayer der Berti Vogts unseres Hockeys. Der Vergleich mag verwegen sein. Eine andere Sportart, ein anderes Land, eine andere Bühne. Und doch gibt es verblüffende Parallelen.
Berti Vogts war Verteidiger. Marco Bayer ebenfalls, aber etwas weniger erfolgreich. Vogts übernahm einst die deutsche Nationalmannschaft von Franz Beckenbauer, dem Kaiser und – als Bundestrainer – Weltmeister von 1990.
Bayer trat bei den ZSC Lions die Nachfolge des doppelten kanadischen Meistermachers Marc Crawford (2014, 2024) an. Beide folgten auf charismatische und erfolgreiche Vorgänger. Beide hatten nicht deren Aura. Beide weder Unterhalter noch Seitenlinie- bzw. Bandengeneräle. Beide sind Arbeiter ohne Charisma. Analytiker. Detailbesessene Trainer.
Auch Berti Vogts bekam wenig Kredit und ist während seiner ganzen Amtszeit kritisch beurteilt worden. Am Ende blieb er acht Jahre und gewann 1996 im Wembley-Final gegen Tschechien nach Penaltys die Europameisterschaft.
Marco Bayer ist erst gut ein Jahr im Amt. Acht Jahre werden es wohl nicht. Dafür ist das Tagesgeschäft bei einem Klub zu hektisch. Aber sein Einstand war grandios: Meisterschaft in der National League, Triumph in der Champions League.
Nach den Siegesfeiern hat die schwierigste Phase begonnen. Die maximale Bewährungsprobe. Dafür sorgen, dass Spieler hellwach und erfolgshungrig bleiben, die gerade alles gewonnen haben. Das schaffen nur wenige Trainer.
Im Oktober, nach sechs Meisterschaftsniederlagen in Serie, steht die Frage im Raum: Kann Marco Bayer Krise? Heute kennen wir die Antwort. Er kann. Diese Frage hat er nicht vergessen. Nach der letzten Partie der Qualifikation in Langnau (2:0 für die ZSC Lions) steht er im Kabinengang Rede und Antwort und erlaubt sich mit leiser, kluger Ironie die Frage: «Und? Kann der Bayer Krise?»
Was bei Marco Bayer in allen Situationen auffällt: Seine Ruhe. Nach Niederlagen sucht er keine Ausreden. Nach Siegen hält er keine grossen Reden. Wenn es schwierig wird, stellt er sich vor seine Spieler. Wenn es läuft, überlässt er ihnen den Ruhm. Das ist unspektakulär, ja langweilig und als Chronist wird es schwierig, eine Polemik zu kreieren. Aber es ist hohe Trainerkunst und die Fähigkeit, das Ego im Sinne der Sache zurückzustellen.
Denn nur wenigen Coaches gelingt es, die wichtigen Spieler hinter sich zu scharen. Aber genau das ist Marco Bayer gelungen. Die Leitwölfe in der Garderobe helfen ihm, die Mannschaft in der Spur zu halten. Weil er ein Partner der Spieler ist und nicht den grossen Zampano zelebriert. Ein Trainer, der weiss, dass Autorität gerade bei einem Spitzenteam nicht durch Lautstärke, sondern durch Kompetenz und Vertrauen entsteht. Würde Marco Bayer toben, dann würde er sich lächerlich machen. Und da ist noch etwas: Das Vertrauen und die Unterstützung seiner Vorgesetzten.
Ein Blick nach Zug zeigt, wie wichtig diese Unterstützung und dieses Vertrauen von oben sind. Auch Michael Liniger hat beim EV Zug eine hochdotierte, erfolgsverwöhnte Mannschaft von einem charismatischen Vorgänger (Dan Tangnes) übernommen. Auch er eher einer wie Berti Vogts und nicht wie Franz Beckenbauer.
Der Unterschied macht die Chefetage. Bei den ZSC Lions stehen Manager Peter Zahner und Sportchef Sven Leuenberger auch in schwierigen Phasen klar und unmissverständlich für alle hinter ihrem Trainer. Wenn jeder in der Kabine weiss, dass zwischen Manager, Sportchef und Trainer kein Löschblatt passt, dann entwickelt sich eine andere Leistungskultur. Die Erkenntnis, dass bei Aufmüpfigkeit ein Konflikt mit Trainer, Sportchef und Manager droht, sorgt für Demut in der Kabine.
In Zug hatte Michael Liniger diese Unterstützung nie und Manager Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy konnten der Versuchung nicht widerstehen, den Trainer als Sündenbock für die eigenen Fehler zu opfern.
Abgerechnet wird am Ende der Saison. Oder wie die Bauern sagen: Geerntet ist erst, wenn alles in der Scheune unter Dach und Fach ist. Der vierte Platz der ZSC Lions in der Qualifikation mag gefühlt ein Rückschritt sein. Tatsächlich ist es für den Titelverteidiger erst einmal ein Erfolg. Aber nun folgen die Playoffs. Die Tage oder Wochen der Wahrheit.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Die Aussichten sind gut. Die Zürcher haben in der Qualifikation am wenigsten Tore kassiert. Defensive Stabilität ist kein spektakulärer Wert. Aber der wichtigste. Nach grossen Erfolgen zeigt sich Nachlässigkeit zuerst im eigenen Drittel. Marco Bayer hat genau das verhindert und seinem Team die Stabilität gegeben, die es braucht, um in den Playoffs weit zu kommen.
Vielleicht sehr weit. Aber die Ausgeglichenheit ist gross und im Viertelfinal wartet ausgerechnet ein Lugano in der Phase einer Renaissance. Oder wie einst Berti Vogts formulierte: «Die Breite an der Spitze ist dichter geworden – ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.» Hier endet der Vergleich mit Berti Vogts. Marco Bayer würde das eleganter hinbekommen. Definitiv.
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