Beeinflusst Patrick Fischer die WM als «Schatten-Nationaltrainer»?
Beeinträchtigt der Fall Patrick Fischer die Leistungen der Schweizer bei der anstehenden WM in Zürich und Fribourg? Ist Patrick Fischer immer noch als «Schatten-Nationaltrainer» präsent? Wie geht SRF – Leutschenbach überträgt alle Spiele live – mit der Causa Fischer um? Gibt es bei SRF interne Weisungen zu diesem für Leutschenbach hochheiklen Thema? Steht die Mannschaft geschlossen hinter dem neuen Nationaltrainer Jan Cadieux?
Solche Fragen sind vor dem WM-Start am nächsten Freitag in Zürich gegen die USA durchaus berechtigt. Das Mandat von Nationaltrainer Patrick Fischer ist ja Mitte April aufgrund einer geplanten SRF-Enthüllung beendet worden und sein Assistent Jan Cadieux ist vorzeitig – und nicht wie geplant erst nach der WM – sein Nachfolger geworden. In einem Brief an Verbandspräsident Urs Kessler hat sich Captain Roman Josi für eine Rückkehr von Patrick Fischer eingesetzt. Mit diesem Vorgehen waren jedoch nicht alle Spieler einverstanden. Genug Gründe also für Unruhe und Fragen.
Schlussphase der WM-Vorbereitung liefert erste Antworten
Erste Antworten liefert nun erstmals die Schlussphase der WM-Vorbereitung im südschwedischen Ängelholm, anderthalb Autostunden nördlich von Kopenhagen. Hier tragen die Schweizer die drei letzten Vorbereitungspartien im Rahmen der Euro Hockey Tour aus. Am Donnerstag ist Finnland besiegt worden (5:4 n.P.). Am Samstag treten die Schweizer gegen Schweden (16 Uhr) und am Sonntag gegen Tschechien (12 Uhr) an.
Vor Ort für die Live-Übertragungen aller drei Partien ist die «heilige SRF-Hockey-Dreifaltigkeit»: Kommentator Reto Müller, Experte Philippe Furrer und Interviewer Lukas Ninck. Männer ohne Fehl und Tadel und ihre Kompetenz steht nicht zur Debatte. Das politische Gespür auch nicht. Auf die Frage, ob das Thema Patrick Fischer nun bei der WM-Berichterstattung tabu sei, ob etwa Philippe Furrer bei einer Analyse sagen dürfe, der «Fischi» hätte das wahrscheinlich anders gemacht, gehen alle drei wohlweislich nicht ein. SRF-Mediensprecher Roger Muntwyler hingegen schon und auf eine entsprechende Frage richtet er aus:
SRF hat alle Live-Rechte für die nationale Meisterschaft (National League) verloren, konzentriert sich auf die Übertragung der Länderspiele und der Titelturniere. Im Rahmen der kompetenten und umfangreichen TV-Berichterstattung dürfte Patrick Fischer als «Schatten-Nationaltrainer» klugerweise tabu und kein Thema sein. Zumal SRF ja seine Absetzung provoziert hat.
Cadieux: «Wir hatten ja nie Streit»
Aber wie ist es bei seinem Nachfolger Jan Cadieux? Schwebt über ihm noch der Schatten seines Vorgängers? Wird er sich während der WM mit seinem Vorgänger austauschen? Er sieht die ganze Sache entspannt und souverän: «Ja, es ist möglich, dass wir uns während der WM unterhalten. Über dies und das, aber natürlich nicht über die Mannschaft, das ist klar. Und warum sollten wir uns denn nicht unterhalten? Wir hatten ja nie Streit und ich verdanke ihm sehr viel. Er hat mir nach meinem ersten Sieg in der Slowakei gleich gratuliert.» Alles natürlich fernmündlich am Hosentelefon.
Auch bei den Spielern hat sich die ganze Aufregung gelegt und der Alltag ist wieder eingekehrt. Dass nicht alle mit dem Brief von Roman Josi einverstanden waren, ist für Nino Niederreiter – er war gegen den Brief – überhaupt kein Problem: «Verschiedene Meinungen gehören zu einer Mannschaft.» Für Roman Josi ist die Angelegenheit inzwischen ausdiskutiert und er sagt, es könne durchaus sein, dass die Mannschaft nun noch enger zusammengerückt sei.
Kommt dazu, dass die Spieler Jan Cadieux bereits kennen – er war Patrick Fischers Assistent – und der neue Nationaltrainer uneingeschränkt Vertrauen und Respekt geniesst. Immerhin hat er Servette zum ersten Titel der Geschichte und zum Triumph in der Champions League geführt.
Natürlich lobt jeder, der bei Sinnen ist, in dieser Situation vor einer Heim-WM den Chef. Aber in diesem Fall sind es mehr als die üblichen Worte. Vielleicht ist es sogar so, dass Jan Cadieux in seiner eigenen, eher introvertierten und ganz auf die Arbeit konzentrierten Art der perfekte Nachfolger von Patrick Fischer ist und es versteht, für eine positive «Wir-gegen-den-Rest-der-Welt» aufzubauen.
Fast vollständiges WM-Team
Aber die Wahrheit steht am Ende oben auf der Resultatanzeige des Videowürfels. Der Penalty-Sieg gegen die Finnen (5:4) am Donnerstag war ein gutes Zeichen. Die Ansätze hier in Ängelholm sind vielversprechend und nie in der Neuzeit waren die Bedingungen so gut: Zum ersten Mal, seit die NHL-Titanen eine Schlüsselrolle spielen, können die Schweizer die letzte Phase der Vorbereitung praktisch mit dem vollständigen WM-Team bestreiten. Pius Suter, Nino Niederreiter, Roman Josi, Timo Meier und Nico Hischier sind bereits dabei. «Ich kann mich nicht erinnern, dass wir alle so früh schon dabei waren», sagt Roman Josi. «Bisher kamen die meisten von uns erst im Laufe des Turniers zum Team und mussten den Jetlag verdauen …»
Janis Moser ist zwar noch nicht beim Team, wird aber beim WM-Start gegen die USA am nächsten Freitag zur Verfügung stehen. Offen ist noch die Freigabe von Philipp Kuraschew. Diese nahezu optimalen Bedingungen bei der finalen WM-Vorbereitung erleichtern Jan Cadieux die Suche nach der passenden Linienzusammenstellung und erhöhen Stilsicherheit und defensive Stabilität des Teams.
Der Eindruck vor Ort ist durchwegs positiv: Die Stimmung ruhig und entspannt, die Turbulenzen der letzten Wochen sind weit weg, von Unruhe keine Spur. Eher ist eine Art positiver Trotz, ein «So-jetzt-erst-recht» zu spüren, wohl auch ein wenig für ein letztes Hurra für Patrick Fischer. Aber der Silberschmied von 2018, 2024 und 2025 beeinflusst die WM 2026 nicht mehr als «Schatten-Nationaltrainer». Er ist bereits Vergangenheit und am nächsten Freitag beginnt mit dem WM-Auftakt gegen die USA eine neue Ära.
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