Sieben goldene Regeln, die Ambris wundersamen November-Höhenflug und Langnaus erstaunliche neue Stabilität erklären. Die SCL Tigers haben zum ersten Mal seit den letzten Playoffs (2019) realistische Chancen, die Qualifikation nicht auf einem der zwei letzten Plätze zu beenden. In Kloten stehen die Zeichen hingegen auf Sturm, und die Dämonen des Frühjahres von 2018 lugen durch die Ritzen des Schluefweg-Tempels (Abstiegsgefahr).
Die Titanen können sich mehr Fehler leisten. Weil sie in der Regel genügend Substanz, Geld und Gelassenheit zu einer Korrektur haben. Den Aussenseitern fehlen hingegen die Kadertiefe und oft der finanzielle Spielraum, um Fehlentwicklungen zügig, aber ohne Hast noch im Laufe einer Saison korrigieren zu können.
Was bei Langnau wie ein kleines und bei Ambri wie ein grosses Wunder wirkt, ist nichts anderes als das Respektieren der sieben goldenen Regeln für vermeintliche Hinterbänkler.
Erstens: Sorge dafür, dass in möglichst vielen Partien sechs gute Ausländer eingesetzt werden können. Sportchefs Paolo Duca und Pascal Müller haben es in Ambri bzw. Langnau möglich gemacht, dass dies seit Saisonbeginn fast immer der Fall ist. In Kloten hat Sportchef Larry Mitchell versagt. Er hat schon sieben Ausländer-Lizenzen eingelöst, aber die Mannschaft musste zu oft mit lediglich vier Ausländern antreten. Zuletzt standen bei der Niederlage in Langnau, die Trainer Gerry Fleming den Job kosten sollte, lediglich fünf Ausländer zur Verfügung. Mit den Ausländern von Ambri oder Langnau wäre der Kanadier noch im Amt und Kloten nicht nach Verlustpunkten Schlusslicht. Zu Klotens Gastarbeitern später noch eine Anmerkung.
Zweitens: Sorge dafür, dass du zwei konkurrenzfähige Goalies hast. Janne Juvonen und Benjamin Conz in Ambri sowie Luca Boltshauser und Stéphane Charlin in Langnau sind dazu in der Lage, Siege und Punkte «zu stehlen». In Kloten hat nur Juha Metsola gutes NL-Niveau und als logische Folge davon hat er bisher von allen NL-Goalies am meisten gespielt (1160:01 Minuten), mehr als 150 Minuten länger als die letzten Männer in Ambri und Langnau.
Drittens: Sorge dafür, dass die Belastung auf vier Linien verteilt werden kann. Bei Ambri, Langnau und Kloten kommen in der Regel 17 oder 18 Spieler auf mehr als 13 Minuten Eiszeit pro Spiel. Diese Regel kann Kloten also einhalten.
Viertens: Sorge dafür, dass der Sportchef und der Trainer eine Schicksalsgemeinschaft bilden und die Hoheit in allen sportlichen Dingen haben. Das ist in Ambri mit Luca Cereda und Paolo Duca und in Langnau mit Thierry Paterlini und Pascal Müller der Fall. In Kloten hat zwar Larry Mitchell Trainer Gerry Fleming ausgewählt. Aber von einer sportlichen Bruderschaft sind beide weit entfernt, und in sportlichen Dingen hat der Sportchef weder das drittletzte noch das zweitletzte, geschweige denn das letzte Wort. Kommt dazu: Larry Mitchell war lange Zeit Coach bei deutschen Provinzclubs. Boshafte Anmerkung: Hat es ihn in Kloten womöglich schon längere Zeit Richtung Bande gezogen? Ehemalige Trainer sind «gefährliche» Sportchefs.
Fünftens: Sorge für eine Gewaltentrennung zwischen Sport und Politik. Das ist in Ambri seit 2017 der Fall. Das charismatische «Animal politique» Filippo Lombardi ist Ambris bester Präsident seit der Rückkehr in die höchste Liga (1985). Der Erbauer des neuen Hockeytempels, seit 2009 im Amt, brauchte allerdings bis 2017, um zu erkennen, dass er dem Sportchef und dem Trainer nicht mehr reinreden sollte. Seither gilt in Ambri weitgehend eine vom berühmten Denker Friedrich Nietzsche während eines Aufenthaltes im Engadin formulierte Führungsphilosophie: «Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.» Gleiches gilt in Langnau, wo Präsident Peter Jakob, ebenfalls seit 2009 im Amt, der Sportabteilung Autonomie gewährt.
In Kloten schwächt hingegen ein dörflicher Intrigenstadel die sportliche Leistungsfähigkeit: Der Sportchef war nicht dazu in der Lage, den von ihm nominierten Trainer im Amt zu halten. Also ist über seinen Kopf hinweg entschieden worden. Oder? Erschwerend kommt dazu, dass inzwischen die ordnende Hand und Autorität von Mike Schälchli fehlt: Der Mann, der Kloten wieder in die Spur und in die NL zurückgebracht hat, ist inzwischen nicht mehr Präsident und «nur» noch einer von acht wohlhabenden Besitzern – aber nach wie vor der einflussreichste Mann im Klub.
Nun lässt er ausrichten, er wolle die Handschrift des neuen Präsidenten Jan Schibli nicht stören, und dazu gehöre, dass er sich öffentlich nicht mehr zu Wort melde. Er stehe aber seinem Nachfolger mit Tipps weiterhin zur Verfügung. Die Annahme, dass nun in Kloten die Führung mit dem «Spindoctor» Mike Schälchli mehr und mehr nach dem Chaos-Prinzip «Ordre, contrordre, désordre» funktioniert, ist keineswegs boshaft.
Sechstens: Sorge dafür, dass ein unverwechselbares Hockey gespielt wird, das die Fans unabhängig vom Resultat zu begeistern vermag. Luca Cereda lässt ein «totales» Lauf- und Tempohockey mit tiefem, aggressivem Forechecking zelebrieren, das jeden Gegner ins Wanken bringt. Die SCL Tigers haben unter Thierry Paterlini ebenfalls ihren ganz eigenen, in den Grundzügen ähnlichen Stil wie Ambri gefunden.
Kloten hat hingegen seine sportliche DNA (Tempohockey) diese Saison inzwischen weitgehend verloren und ist ins Niemandsland der taktischen Ratlosigkeit geraten. Hier noch die Anmerkung zu den Ausländern: Dass Jonathan Ang, Miro Altonen und Niko Ojamäki meistens nur noch Karikaturen ihrer selbst sind, hat viel mit der verlorenen spielerischen Linie zu tun – alle drei würden mit ziemlicher Sicherheit in Langnau und Ambri rocken.
Siebtens: Sorge dafür, dass Polemik in den Medien in schwierigen Zeiten unterlassen wird oder moderat bleibt. Weil Paolo Duca und Luca Cereda in der Leventina gross geworden sind, hat unbotmässige Kritik im Tessin den Schwefelgeruch von «Landesverrat». Ambri kann inzwischen in schwierigen Zeiten – die jeder Aussenseiter durchleben muss – weitgehend in Ruhe arbeiten. Auch die Langnauer können dank besserem Verständnis für die Mechanik im medialen Maschinenraum heute weitgehend mit verständnisvoller Berichterstattung rechnen. Die Klotener sowieso: Ähnlich wie die Lakers können sie durch die besondere Geografie der Medienlandschaft sozusagen im Windschatten der nationalen Medien arbeiten. Dass die Trainerentlassung mehr mit Aktionismus als mit kühler Berechnung zu tun hat, ist nicht äusseren Einflüssen, sondern interner Ratlosigkeit zuzuschreiben.
Ambri und Langnau haben das Glück – und ohne Glück geht es nicht – dass im November 2023 die sieben Regeln mehr oder weniger befolgt werden können. In Kloten aber nur noch zwei von sieben. Erfolg und Misserfolg haben hin und wieder eine gewisse Logik.