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Langenthal – oder wenn ein Journalist der beste Hockey-Manager ist

Langenthals Spieler mit betretenen Gesichter nach dem ausscheiden und dem freiwilligen Rueckzug aus der Swiss League, im Viertelfinal Spiel 5, zwischen dem EHC Olten und dem SC Langenthal, am Mittwoch ...
Am 22. Februar 2023 endet für den SC Langenthal gut 20 Jahre nach dem Wiederaufstieg, drei Titeln (2012, 2017, 2019) und einer in den Schubladen verstaubten Machbarkeitsstudie für den Aufstieg in die höchste Liga das Kapitel Profihockey mit der 2:5-Niederlage im Playoff-Viertelfinal in Olten. Die Fans und die Spieler weinen.Bild: keystone
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Langenthal – oder wenn ein Journalist der beste Hockey-Manager ist

Gut ein Jahr nach dem Lichterlöschen im Profihockey mit dem freiwilligen Abstieg ist der SC Langenthal im Amateurhockey auf wundersame Weise auferstanden. Der Mann hinter dem lokalen Hockey-Wunder ist ein … Journalist.
15.02.2024, 04:3715.02.2024, 16:14
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Anfang Dezember 2022 beginnt in Langenthal ein Hockey-Provinztheater, das in der neueren Geschichte einmalig ist. Präsident Gian Kämpf verkündet den freiwilligen Rückzug aus der Swiss League in die höchste Amateurliga MyHockey League. Am 22. Februar 2023 endet für den SC Langenthal gut 20 Jahre nach dem Wiederaufstieg, drei Titeln (2012, 2017, 2019) und einer in den Schubladen verstaubten Machbarkeitsstudie für den Aufstieg in die höchste Liga das Kapitel Profihockey mit der 2:5-Niederlage im Playoff-Viertelfinal in Olten. Die Fans und die Spieler weinen.

Präsident Gian Kämpf löscht einfach das Licht und schleicht sich durch die Hintertüre davon. Die Aktiengesellschaft SC Langenthal wird aufgelöst. Der Klub steht vor dem Nichts. Langenthal gilt als die Stadt, die hochgerechnet auf die Bevölkerungszahl (knapp 16'000) am meisten Millionäre hat. Einer der hablichsten Orte zwischen Bern und Zürich.

Hier gibt es viele Unternehmen. KMU und grössere. Aber niemand will sich mehr richtig zum Hockey bekennen. Keiner der Politiker, Millionäre und Manager mag sich exponieren und Führungsverantwortung übernehmen. So wird zum ersten Mal in unserer Hockeygeschichte ein altgedienter Journalist Präsident eines wichtigen Hockeyklubs: Walter Ryser. Er hatte den SC Langenthal seit den frühen 1980er-Jahren als kritischer und doch wohlwollender Berichterstatter begleitet. Dass er einmal als SCL-Vorsitzender Nachfolger von Berühmtheiten wie dem späteren Regierungsrat Hans-Jürg Käser oder dem Immobilien-Titanen Stephan Anliker werden könnte, wagte er nicht einmal zu träumen.

Walter Ryser hatte sich bereits von der «Front» auf den Posten eines Chefredaktors des «Langenthaler Tagblatt» und anschliessend als publizistischer Leiter der Lokalzeitung «Unter Emmentaler» zurückgezogen, eine eigene Kommunikations-Firma gegründet und die Berichterstattung seinem Sohn Leroy überlassen, Marketingleiter der lokalen Bank. Beim SC Langenthal übernahm er das Präsidium des Vereins – neben der Aktiengesellschaft, die für den Profibetrieb zuständig war, eigentlich bloss ein dekoratives Amt.

Walter Ryser, Präsident des SC Langenthal
Zum ersten Mal in unserer Hockeygeschichte wird ein altgedienter Journalist Präsident eines wichtigen Hockeyklubs: Walter Ryser.Bild: marcel bieri

Und nun hängt im Frühjahr 2023 nach dem freiwilligen Abstieg und der Auflösung der AG auf einmal alles am Vereinspräsidenten. Walter Ryser erzählt: «Weil die AG für den Profibetrieb aufgelöst worden war, mussten wir auf der grünen Wiese neu beginnen. Wir mussten erneut eine AG für das Team in der Amateurliga gründen und für sämtliche Spieler, Trainer, für die Geschäftsstelle, für jede Dienstleistung neue Verträge aushandeln. Wir wussten noch Anfang August nicht, ob wir eine Mannschaft für die MyHockey League zusammenbringen.»

Journalisten sind die besten Hockey-Manager. Walter Ryser ist ein Meisterstück gelungen. Er bringt vier Hauptsponsoren (darunter den früheren Präsidenten Stephan Anliker, der nach seinem Ausstieg bei GC nun in erster Linie den FC Langenthal alimentiert) dazu, dem in der Amateurliga neu gegründeten Klub drei Jahre lang insgesamt pro Saison 300'000 Franken zu garantieren. Die Stadt Langenthal kann er dazu überreden, für drei Jahre die Eismiete im Schoren zu übernehmen. Es gelingt, die erfolgreiche Nachwuchsabteilung zu retten. Und als die Saison beginnt, gibt es eine Mannschaft. Sie verliert erst einmal zehn der zwölf ersten Spiele und kommt monatelang nicht aus dem tiefsten Tabellenkeller heraus. «Damit mussten wir rechnen und uns war immer klar, dass wir nur mit viel Glück den direkten Ligaerhalt schaffen würden. Aber das konnten wir so vor der Saison nicht sagen. Wir hätten alle entmutigt.»

Nun ist im allerletzten Qualifikationsspiel die vorzeitige Rettung gelungen. In dieser letzten Partie gegen die punktgleichen Düdingen Bulls geht es um alles: der Sieger in den Pre-Playoffs, der Verlierer in den Abstiegs-Playouts. 2022 Fans kommen am Mittwoch für diesen «Showdown» in den Schoren. Zum Vergleich: Fürs letzte Qualifikationsspiel der SCL-Geschichte in der Swiss League gegen La Chaux-de-Fonds (2:3 n.P.) am 3. Februar 2023 waren es fast gleich viel (2046). Langenthal bodigt die Düdingen Bulls dank eines Blitzstarts (3:0 nach 9:39 Minuten) 3:2 und darf nun in den Pre-Playoffs mit guten Chancen gegen Lyss antreten.

Es ist eine Rettung buchstäblich in letzter Minute mit dramatischen Begleiterscheinungen. Damit es doch noch zu einem Happy End kommt, muss erst Geschäftsführer Marc Kämpf für die letzten neun Partien die Schlittschuhe wieder schnüren und am Schluss kehrt gar noch Nachwuchschef Stefan Tschannen, der vor zwei Jahren seine Karriere beendet hat und dessen Trikot unter dem Hallendach hängt, nach zweijähriger Trainings- und Spielpause aufs Eis zurück und stürmt mit 39 Jahren in den letzten zwei Partien. Stefan Tschannen, Fabio Kläy und Marc Kämpf bilden in den zwei letzten Partien eine Nostalgie-Linie, die noch in der Saison 2021/22 in der Swiss League gerockt hatte und sorgen für die zwei rettenden Siege gegen Lyss und die Düdingen Bulls. Spötter monierten ob so viel Nostalgie, Joachim Vochetzer, der spektakulärste Goalie der Vereinsgeschichte (Gründung 1946), sei nur deshalb in der kritischen Schlussphase nicht um ein Comeback angefragt worden, weil der rüstige 90-Jährige grad mit der Organisation seines Umzuges ins Altersheim beschäftigt ist.

Walter Ryser wird den Spott mit Gelassenheit ertragen. Es ist ihm gelungen, von Grund auf unter schwierigsten Bedingungen wahrlich «aus dem Nichts» sportlich und wirtschaftlich einen neuen SC Langenthal aufzubauen und die Hockeybegeisterung zu erneuern: Im Schnitt sind in der Qualifikation pro Partie 1155 Frauen, Männer und Kinder in den baufälligen Hockey-Tempel Schoren geeilt. Als potenzieller Abstiegskandidat, der den vorzeitigen Ligaerhalt erst am Mittwoch in der allerletzten Partie gesichert hat und alle vier Partien gegen den Lokalrivalen Hockey Huttwil verloren hat. Nie zuvor hatte ein Deutschschweizer Klub in der MyHockey League diesen Publikumsaufmarsch in der Qualifikation. Selbst der EHC Basel hat es als Qualifikationssieger in seiner Aufstiegssaison (2021/22) bloss auf 1013 Fans im Schnitt gebracht.

Bemerkenswert auch: Walter Ryser hatte vor der Saison unmissverständlich erklärt, am Stuhl von Trainer Robert Othmann werde nicht gesägt. Komme, was wolle. Ja, er garantiere sozusagen mit seinem Ehrenwort, dass der Trainer nicht entlassen werde. Eine gewagte Aussage eines Präsidenten, der einst während gut 30 Jahren als Chronist in Langenthal einige Trainer aus dem Amt geschrieben hatte und einst Kevin Ryan mit seiner Berichterstattung so aufgebracht hatte, dass der Kanadier im November 2009 kurz vor seiner Entlassung (die Walter Ryser als Berichterstatter gefordert hatte) nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, den Journalisten zu verprügeln. Da können wir sagen, dass Walter Ryser in der Trainerfrage von Saulus zum Paulus geworden ist. Und in Langenthal soll ja niemand mehr mit dem dummen alten Spruch kommen: Wer nichts wird, wird Wirt, ist ihm auch das misslungen, macht er in Versicherungen, und wenn selbst das nichts ist, wird er Journalist.

Gian Kämpf, der das Licht im Dezember 2022 für Langenthals Profihockey gelöscht und die Szene still und leise durch den Hinterausgang verlassen hat, mag sich zur Sache nicht mehr äussern. Ein wenig muss es den erfolgreichen Unternehmer (Architektur und Immobilien) wohl schon wurmen, dass ausgerechnet ein Journalist als der bessere Hockey-Manager auf dem Platz Langenthal bezeichnet werden darf.

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quelle: keystone / ennio leanza
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10 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Laktor
15.02.2024 07:28registriert Januar 2023
Das tönt halt arg romantisch. Ist aber auch arg romantisch und erwärmt das Fan-Herz in einer Welt wo man sich sonst Meisterschaften (PL) und Turniere (FIFA) kaufen kann... War da - Wäutklass! Hopp SCL!
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UrsK
15.02.2024 08:20registriert März 2017
Ein Chronist, der was kann. Wer hätte das gedacht?
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Dr no
15.02.2024 10:35registriert Mai 2018
Zeit, dass der Eismeister endlich Generalsportchef beim SCB wird !
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