Der seit Beginn der EM allgegenwärtige Barça- und Spanien-Profi Lamine Yamal lässt uns ein Schicksal wie Bojan Krkic befürchten, ein Wunderkind, das mit 17 Jahren und 52 Tagen (im Jahr 2007) zum jüngsten Torschützen in der Geschichte des FC Barcelona wurde. Was folgte, war weit weniger glorreich, mit einem Mangel an Konstanz und einer Liste voller körperlichen Problemen. Die «Bojan-Manie» hatte sich in eine «Bojan-Verschwendung» verwandelt.
La Masia, das berühmte Ausbildungszentrum Barcelonas, hat die Produktion von Talenten nicht eingestellt. Das katalanische Rezept hat einige Phänomene hervorgebracht, die dann «süsssauer» wurden. Sie glänzten, bevor ihnen die Verletzungen das Leben schwer machten. Ansu Fati, der mit 16 Jahren brillant war, wurde durch unzählige Knie-, Hüft- und Hamstringverletzungen aus der katalanischen Stadt vertrieben (in dieser Saison an Brighton ausgeliehen). Es sind mehr als 500 Tage, die er mit Verletzungen zugebracht hat.
Es ist allgemein bekannt, dass Barça nicht gut darin ist, seine jungen Nachwuchskräfte zu verhätscheln und sie zu schnell ins kalte Wasser zu werfen. Neben Fati sind dies Gavi (derzeit verletzt) und Pedri (fast 400 Tage verletzt), dessen Saison 2021 zwischen der EM und den Olympischen Spielen in Japan in der spanischen Presse viel diskutiert wurde.
In dieser Saison hat Barcelona einen Deal mit dem spanischen Verband abgeschlossen, um seine jungen Talente zu schonen. Im Fall von Lamine Yamal scheint man jedoch nicht diesem Prinzip zu folgen: Das Juwel der Blaugrana absolviert ein Spiel nach dem anderen. Der 16-jährige Yamal hat 2956 Minuten für seinen Verein gespielt. Zum Vergleich: Bojan Krkic war 17 Jahre alt, als er für die Katalanen spielte und kam auf 48 Spiele und 2200 Minuten auf dem Platz.
Der erste Platz geht in der Saison 2020/2021 an Pedri. Als er 18 Jahre alt war, absolvierte der Spanier 52 Spiele und 3529 Minuten Spielzeit.
Ein weiterer Vergleich: Jude Bellingham war in der Saison 2020/2021 im Alter von 17 Jahren Stammspieler bei Borussia Dortmund. Er bestritt 46 Spiele und kam auf 2823 Minuten Einsatzzeit, wie die Fachseite Transfermarkt berichtet. Kylian Mbappé, der im Alter von 18 Jahren für den AS Monaco spielte, kam auf 46 Spiele und 2788 Minuten.
Gérard Castella, der Ausbildungsleiter der Young Boys, ist etwas perplex, wenn man ihn auf den Einsatz von Lamine Yamal im Verein und in der Nationalmannschaft anspricht: «Dieses Kind wird in eine Umkleidekabine mit millionenschweren Spielern katapultiert. Stellen Sie sich vor, er spielt mit Familienvätern, obwohl er noch ein Teenager ist.»
Der Genfer Trainer ist jedoch überzeugt, dass der Verein ihn auf den Druck und den Mediendschungel vorbereitet: «Sie (der Verein) hatten schon Spieler dieses Kalibers zu betreuen.»
Gérard Castella macht einen Sprung in die Vergangenheit und zitiert die Karriereanfänge von Pelé oder Eusébio im gleichen Alter, bevor er auf den Fall Breel Embolo abrutscht. «Embolo spielte im Alter von 17 Jahren beim FC Basel. Er schaffte es in die Profimannschaft und spielte wie ein alter Hase. In der Folgezeit hat sich gezeigt, dass er körperlich anfällig war.» In dieser Saison hatte der helvetische Stürmer in seinen 42 Spielen für den Basler Verein 2790 Minuten gespielt.
Nicht alle frühen Schlüpflinge sind gleich. Gérard Castella nennt als Beispiel die jungen Talente, die YB durchlaufen haben. «Wir hatten zum Beispiel Fabian Rieder, der mit 18 Jahren in die erste Mannschaft kam. Er ist in einem sehr stabilen familiären Umfeld aufgewachsen, seine Eltern waren sehr präsent. Das familiäre Umfeld ist sehr wichtig.»
Der Verein müsse die Einsätze seiner jüngsten Spieler dosieren und ein klares Konzept haben.
Yamal kommt aber nicht nur im Verein zum Einsatz. An dieser EM spielte er in der Gruppenphase zweimal von Beginn an (in der 86. und 71. Minute ausgewechselt) und wurde im letzten Gruppenspiel – als der Gruppensieg der Spanier bereits feststand – eingewechselt (in der 71. Minute). Im Achtelfinal gegen Georgien spielte er durch, im Viertelfinal gegen Deutschland wurde er nach 53. Minuten ausgewechselt.
Yamal ist derzeit auf dem deutschen Rasen in Hochform. Der Barça-Spieler hat bei 50 Spiele absolviert und sich als Stammspieler bei dieser EM einen Namen gemacht. Derzeit hält das Wunderkind den Schock aus und knackt mit seinen Beschleunigungen und seiner Durchschlagskraft die europäischen Verteidigungen.
Der Türke Arda Güler, ein weiterer sehr junger und talentierter Spieler, kann da nicht mithalten. Nach einem intensiven ersten Spiel gegen Georgien wurde der offensive Mittelfeldspieler von Real Madrid als leidend und abgestumpft bezeichnet. Sein Trainer Vincenzo Montella befürchtete, dass er sich verletzen könnte.
Begründete Befürchtungen für diese Kinder, die körperlich noch nicht reif sind. Das Knochenalter spielt eine Rolle und die verschiedenen Menschen sind körperlich nicht alle gleich.
«Von Grund auf hat Lamine Yamal meiner Meinung nach überdurchschnittliche natürliche physische Qualitäten. Auch technisch ist er überdurchschnittlich gut. Er hat sicher einen persönlichen Trainer, der sich um ihn kümmert», erklärt Castella.
Ein Staff, der sich um alles kümmert, von der Ernährung über die körperliche Vorbereitung bis hin zur Stressbewältigung. Lamine Yamal befindet sich logischerweise noch im Wachstum und ist daher anfälliger als ein erwachsener Fussballspieler. «Es ist der Staff, der sich dessen bewusst sein und vorausschauend handeln muss», sagt der YB-Verantwortliche
Aber die Furia Roja, die an der EM grosse Ziele hat, ist nicht bereit, seine katalanische Rakete auf die Bank zu setzen. Der spanische Verband muss jedoch wachsam sein. «Er ist 17 Jahre alt, Yamal will nur Fussball spielen», ergänzt Castella.
Falls er den Ball heute Abend im Halbfinale ins Tor befördert, wird er der jüngste Spieler sein, der je ein Tor bei einer EM-Endrunde geschossen hat. Dieser Rekord wird bislang von Johan Vonlanthen gehalten, der damals 18 Jahre und 5 Monate alt war. Der Freiburger ist das Symbol eines frühen Talents, das es nie geschafft hat, seinen krassen Auftritt zu verdauen, als sich eine strahlende Karriere am Horizont abzeichnete. «Es ist schön, mit 16 oder 17 Jahren leistungsstark zu sein, aber man muss auf Dauer durchhalten», meint Gérard Castella.
Gilt das auch fürs Frauen-Team von YB? Die Stürmerin Iman Benay (damals 16) hat zuerst eine komplette Liga-Saison, dann U17-EM 2023 und anschliessend WM-Vorbereitung mit dem A-Team absolviert... Konsequenz: Kreuzbandriss kurz vor Abschluss der WM-Vorbereitung, 1 Jahr out...