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Gottéron-Tickets: «Hätte nicht gedacht, dass so viele Leute kommen»
Es ist 9 Uhr und Fribourg erwacht. Der Nebel lichtet sich, als mich die S-Bahn an der Haltestelle Poya absetzt, mit Blick auf die Hochebene von Saint-Léonard. In der Ferne erhebt sich stolz die Kathedrale. Und vor der BCF-Arena hat sich an diesem Donnerstag bereits eine lange Schlange gebildet. Alle reden nur von einer Sache: Gottéron.
Um überhaupt eine Chance auf ein oder zwei Tickets für die Heimspiele des Finals zu haben, musste man früh aufstehen. Und die rund 400 Leute, die schon früh morgens vor der Eisbahn stehen, wussten das.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
«Diesmal glauben die Leute daran»
Der 75-jährige Stammgast Hans ist gerade angekommen. «Ich bin mit dem Motorrad von Morat hergereist», erklärt er. Hans besucht die Spiele, seit die Mannschaft 1980 in die Ligue nationale A (die Vorgängerliga der National League) aufgestiegen ist. Er ist überrascht, wie gross die Warteschlange ist. Sogar Sicherheitskräfte sind vor Ort, und das seit 6 Uhr.
Hans hatte recht, früh da zu sein. Hinter uns treffen immer noch Leute ein. Aber er ist fest entschlossen, wenigstens eines der Finalspiele zu sehen und mitzuerleben, wie die Dragons zum ersten Mal den nationalen Titel gewinnen.
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Er hofft, ein paar Tickets zu bekommen und zeigt mir sein Handy: Er ist in einer Whatsapp-Gruppe mit etwa zehn Freunden, in der sie Tickets austauschen, wenn mal einer von ihnen eines ergattern kann.
Vier Stunden anstehen
Der Rentner konnte ohne Bedenken kommen, doch wie sieht es für die anderen Anwesenden aus? «Es ist Donnerstag, ein Arbeitstag», sage ich beiläufig. Eine Frau vor uns dreht sich um und platzt sofort heraus:
Nun ja, grösstenteils. Während meines Reportage-Tagesausflugs verstecken sich einige unauffällig, wann immer ich mein Handy zum Fotografieren heraushole. Für diese Fans steht Gottéron an erster Stelle.
Die Schlange hat eine konkrete Form angenommen. Noémie und ihre Freundinnen Anne und Jocelyne stellen Campingstühle auf und bereiten sich auf die nächsten vier Stunden Wartezeit vor. «Wir werden wie Vieh zusammengetrieben», bemerkt Jocelyne. Hinter ihnen wird die Schlange immer länger, wie bei einem Konzert eines Superstars. Jocelyne lacht:
Die meisten wollen ihre Tickets für sich selbst, andere hingegen haben gemeinschaftliche Motivationen. Anne, die unter ihrem Pullover ein Gottéron-Trikot trägt, erklärt: «Ich habe zwar eine Dauerkarte, aber ich bin hier, um Tickets für andere zu besorgen.» Jocelyne entgegnet: «Das nenne ich mal wahre Hingabe!» Erneut bricht Gelächter in der Gruppe aus.
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Wie Hans glauben auch die Frauen diesmal an einen Sieg. Anne zeigt mir das Musikvideo «L’Année du Titre» («Das Jahr des Titels») des Künstlers Gaëtan Brügger, das unter den Anhängern der Mannschaft schon ein bisschen zum Hit geworden ist:
Dieses Jahr wird also das Jahr des Titels sein? «Ja, ich denke schon», meint Anne.
«Gut eingerichtet»
Gehen wir die Schlange der Unterstützer noch einmal entlang. Etwa zwölf Meter vom Eingang entfernt spielt eine Gruppe Studenten eine Runde «Chibre». Sie haben es sich recht gemütlich gemacht: niedrige Tische, Kaffeetassen und sogar eine kleine Lampe. Quentin lacht:
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Die Rechnung scheint aufzugehen, denn die Gruppe ist auf einem guten Weg, ihre Tickets zu bekommen. Und im Gegensatz zum Rest der Schlange, der im Schatten der Sporthalle in Saint-Léonard ausharrt, geniessen Quentin und seine Freunde die Morgensonne.
Die Freunde unterhalten sich beim Spielen. «Ich habe ein gutes Gefühl für dieses Jahr», sagt Alexis. Er führt aus: «Beim letzten Final 2013 war es eher eine Überraschung. Aber jetzt hat der Klub jahrelang ganz offen auf den Titel hingearbeitet, und all die Anstrengungen zahlen sich aus.» Genau wie Hans sagt auch er jenen Satz, den wir an diesem Donnerstag oft gehört haben werden:
Ticketschalter direkt im Zelt
Wer war denn eigentlich als Erster da? Am Stadioneingang, unter dem Schild «Tickets», ist ein grosses Zelt aufgebaut. Eine kleine Gruppe hat sich dort versammelt, um sich den ersten Platz in der Schlange zu sichern – darunter auch Laurent und Lionel.
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«2013 habe ich die Tickets für den Final gegen Bern verpasst, und das hat mich echt geärgert», sagt Lionel. Diesmal wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Gruppe machte sich schon am Vorabend bereit und traf um 19 Uhr ein. Eine Stunde später war das Zelt aufgebaut. Aber die Mühe hatte sich gelohnt.
Ein anderer Fan in der Schlange gesellt sich hinzu und fragt nach einem Cardinale-Bier. Da unterbricht mich Lionel: Es ist 10 Uhr und der Online-Vorverkauf sollte gleich beginnen. Es zählt jede Gelegenheit, um so viele Tickets wie möglich für den Final zu ergattern. Neben ihm kichert Laurent:
Lionel ist derweil konzentriert. Doch wenige Minuten später folgt die Erleichterung: Die ersten Tickets konnte er erfolgreich im Vorverkauf erwerben. Nun muss er nur noch bis 13 Uhr warten, um zwei weitere Eintrittskarten zu kaufen. Im Zelt steht der Durchgang frei. Der Mitarbeiter, der um 13 Uhr das Fenster öffnet, dürfte eine Überraschung erleben.
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Werden die rund 400 anstehenden Leute durch das Zelt gehen müssen, um Tickets zu kaufen? Sind die beiden Freunde und ihre Gruppe dazu verdammt, bis zum Ende des Verkaufs zu warten, um ihre Sachen packen und gehen zu können? «Der Sicherheitsdienst wird uns sicher auffordern, alles vor dem Verkauf wegzuräumen», bemerkt Laurent nüchtern. Und er fügt hinzu:
Mission erfüllt: Punkt 13 Uhr darf Lionel als allererster Fan seine zwei Tickets kaufen. Wir wünschen ihm einen grossartigen Final!
