Nur 16 Teams sind bei der WM 1954 in Zürich, Basel, Genf, Lausanne, Bern und Lugano dabei. Nach den Spielen in der Gruppe 4 stehen Italien und die Schweiz punktgleich hinter England auf dem 2. Platz. Die Schweiz hat das Gruppenspiel gegen die Italiener 2:1 zwar gewonnen. Aber bei Punktgleichheit wird das Resultat der Direktbegegnung nicht berücksichtigt. Also kommt es am 23. Juni 1954 vor 29'000 Fans in Basel zum Entscheidungsspiel um den Einzug in den Viertelfinal.
Italien ist als Weltmeister von 1934 und 1938 und Olympiasieger 1936 ein Titan des Weltfussballs. Die Schweiz hingegen trotz des Sieges im Gruppenspiel gegen die Italiener bloss ein Aussenseiter. Die Partie beschert dem helvetischen Fussball mit einem 4:1-Sieg eine Sternstunde. Nach dem Schlusspfiff überrennen die Fans die Absperrungen, stürmen das Feld und tragen die Spieler auf den Schultern in die Kabine. Das hat es seither so nie mehr gegeben.
Als Vater dieses Triumphes darf sich ein Österreicher feiern lassen. Nationaltrainer Karl Rappan. Der freundliche Mann mit der leisen Stimme ist der Erfinder des «Schweizer Riegels». Der damals weltweit extremsten und modernsten Defensivtaktik.
1937 wird Karl Rappan Nationaltrainer und baut das Team für die WM 1938 auf. Zu dieser Zeit sind die Schweizer wohl das schwächste Team in Mitteleuropa. Und Rappan muss sich etwas einfallen lassen, um gegen die Grossen zu bestehen.
Seine Philosophie hat er einmal so zusammengefasst:
Rappans Lösung heisst «Schweizer Riegel». Er hat diese Taktik in den 1930er Jahren als Klubtrainer bei Servette und GC entwickelt. Stark vereinfacht erklärt: Die zu dieser Zeit von nahezu allen Teams praktizierte Manndeckung wird aufgelöst. Wenn der Gegner in Ballbesitz kommt, ziehen sich alle zurück, die «Läufer» im Mittelfeld werden zu Aussenverteidigern.
Die Aussenverteidiger verschieben sich in die Mitte und postieren sich hintereinander – der hintere ist nun der freie Mann hinter der Abwehr. Daraus wird später der Libero. In den Grundzügen ist es die erste Raumdeckung, das zu dieser Zeit anspruchsvollste und modernste Spielsystem. Helenio Herrera wird später daraus in Italien den «Catenaccio» machen, das extremste, hässlichste Defensivsystem der Geschichte. Das Team der Neuzeit, dessen Taktik dem Riegel von Karl Rappan am nächsten kommt, war Urs Fischers Union Berlin.
Die Schweizer triumphieren mit dem Riegel unter Karl Rappan an Titelturnieren in K-.o.-Partien zweimal: im Entscheidungsspiel um den Einzug in den WM-Viertelfinal 1938 gegen Deutschland (4:2) und nun bei der WM 1954 wiederum im Entscheidungsspiel um den Viertelfinal 4:1.
Die Italiener, die auf ihre spielerische Überlegenheit bauen und etwas naiv auf Offensive setzen, werden auch unter dem Eindruck der zwei schmählichen Niederlagen gegen die Schweiz später diese Riegeltaktik in ihre Fussballkultur integrieren und es mit destruktivem Spiel übertreiben. Sie werden daheim nach der WM hart kritisiert. Die «Gazetta dello Sport» konstatiert «veraltete taktischen Ideen und viel Überheblichkeit».
Nationaltrainer Lajos Creizler hatte seinen Captain Gianpiero Boniperti, einer der charismatischsten Stürmer seiner Zeit und Torschützenkönig der italienischen Liga, für den bereits sicher geglaubten Viertelfinal geschont. Die «Gazetta dello Sport» fordert, die italienische Mannschaft müsse «vom technischen und moralischen Standpunkt aus saniert» werden. Zudem sei die Anzahl ausländischer Spieler in der heimischen Liga – damals eine der reichsten der Welt – zu reduzieren.
Der italienische Fussball ist durch diese Niederlagen gegen die Schweiz in den Grundfesten erschüttert und nachhaltig verändert und geprägt worden. Vier Jahre später sind die Italiener bei der WM 1958 wegen einer Pleite gegen Nordirland in der Qualifikation nicht einmal dabei.
Beim 4:1 im Entscheidungsspiel am 23. Juni 1954 zeigen die Schweizer eines der besten Spieler der Geschichte. Josef Hügi – der Basler – erzielt bereits nach einer Viertelstunde das 1:0. Die Italiener reagieren mit Härte und stürmischer Offensive, gespickt mit Tricks und Täuschungen, ungezählten präzisen Flanken, die aber zu ungezählten Malen an der verstärkten Abwehrmauer abprallen.
Eugène Parlier hält fast alles. Der nur 177 Zentimeter grosse, robuste, sprungkräftige, mutige und teuflisch reflexschnelle Goalie gehört zu den Besten der WM, ist enorm populär und darf später als Profi nicht zu Real Madrid wechseln und reich werden, weil Servette die Freigabe verweigert. Dafür bekommt Spielmacher Roger Vonlanthen nach der WM einen Profivertrag in Italien und zelebriert seine Kunst von 1955 bis 1959 bei Inter Mailand und Alessandria. Der «Schweizer Riegel» triumphiert über die italienische Fussballkunst. Der Riegel ist, wenn in Perfektion umgesetzt wie bei diesem 4:1 gegen Italien, die perfekte Kombination aus rauem, aber smartem Rumpelfussball in der Defensive und offensiven Tänzen bei den schnellen Kontern.
Im offiziellen Standardwerk über die WM 1954 lesen wir: «Man spürte förmlich, dass jeder Einzelne vom fanatischen Willen beseelt war, sein Bestes zu geben. Jeder Einzelne hat das Seine durch Fleiss und Können zum herrlichen 4:1-Erfolg beigetragen, auch wenn diese oder jene Aktion – man vergesse nicht, was auf dem Spiele stand – nicht ganz stilrein oder handkehrum vom Glück begünstigt war. Es herrschte eine grosse Freude ob des im heroischen Kampfe durch die Schweizer Mannschaft errungenen, verdienten Sieges.» Freude herrschte also schon lange vor Adolf Ogi.
Die Schweiz im Freudentaumel. Und vieles spricht dafür, dass die Schweizer den Halbfinal, ja vielleicht den Final hätten erreichen können. Nicht eine überlegene gegnerische Mannschaft stoppte sie im Viertelfinal. Sondern das Wetter. Das Spiel beginnt in Lausanne am 26. Juni 1954 um 17 Uhr bei 40 Grad im Schatten und 81 Prozent Luftfeuchtigkeit. Nach 17 Minuten führt die Schweiz 3:0, nach 32 Minuten liegt Österreich 4:3 vorne und gewinnt am Ende vor 35'000 Fans 7:5.
In der Hitze schmilzt der Schweizer Riegel. Verteidiger Roger Bocquet verliert die Orientierung und in der Schlussphase bricht er zusammen. «Seine Interventionen erfolgten plötzlich gegen seine sonstigen Gewohnheiten recht impulsiv, er wagte sich viel zu weit nach vorne», wundert sich der Berichterstatter des «Tages-Anzeiger». Der Riegel, die anspruchsvollste, modernste Taktik dieser Zeit, fällt auseinander, wenn nur ein Spieler seine Konzentration verliert und seine Aufgabe nicht mehr erfüllt.
Die WM 1954 ist trotz dieses dramatischen Scheiterns im Viertelfinal für die Schweiz ein riesiger Erfolg und spült unserem Verband eine halbe Million Reingewinn in die Kasse. Vor der WM ist die Skepsis gross, das Volk lehnt in Basel gar den Neubau des St.-Jakob-Stadions ab. Aber OK-Boss und FIFA-Vize Ernst Thommen, einer der grössten Sportfunktionäre unserer Geschichte, gelingt es, private Investoren zu finden und im letzten Augenblick wird die Arena fertig. Später hat der Basler einmal erzählt: «Wenn es einen harten Winter 1953/54 gegeben hätte, wäre die Arena wohl nicht rechtzeitig fertig geworden.» Und Basel wäre um ein historisches Sportspektakel gebracht worden.
Die WM 1954 mit den beiden Siegen über Italien hat zusammen mit der Euphorie um die Rad-Titanen Ferdy Kübler und Hugo Koblet und der Hockey-Nationalmannschaft (Europameister 1950) in der ersten Hälfte der 1950er Jahre enorm viel zur Akzeptanz des Sportes in der Schweiz beigetragen. Davon haben auch die Medien profitiert.
Der Final Deutschland gegen Ungarn beginnt am 4. Juli 1954 um 16.50 Uhr. Aber Radio Beromünster sendet bis 17.00 Uhr eine Oper. Als der «Zigeunerbaron» endlich verklungen ist, führen die Ungarn schon 2:0 (und werden 2:3 verlieren). Über den Landessender bricht herein, was wir heute einen «Shitstorm» nennen würden. Helmut Hubacher, sozusagen der Christoph Blocher der Sozialisten, ist 1954 noch kein Titan der Politik und arbeitet während der WM nebenbei als Chronist für die «Basler Arbeiter-Zeitung».
Einmal zählt er bei einem Spiel versehentlich ein wegen Offside annulliertes Tor mit und das falsche Resultat kommt ins SP-Blatt. Er wird zum Chefredaktor zitiert und der habe ihm eröffnet: «Ich habe noch nie so viele Telefonate beantworten müssen wie nach diesem Fehler. Und deshalb bin ich dir eigentlich dankbar, denn jetzt weiss ich ganz genau, wie wichtig der Fussball und der Sport sind.»
Wir können davon ausgehen, dass die Wichtigkeit der wichtigsten Nebensache der Welt (des Sportes) inzwischen allen Chefredaktoren bewusst ist und auch unser staatstragendes Radio SRF die Direktübertragung der Partie gegen Italien am Samstag pünktlich beginnen wird.
PS: Im Rahmen der Olympischen Spiele vor ziemlich genau 100 Jahren hat die Schweiz am 12. Juni 1924 vor 8 359 Fans in Paris Italien im Viertelfinal durch Tore von Paul Sturzenegger (54. Min.) und Max Abegglen II (60. Min) 2:1 besiegt. Dabei handelte es sich also nicht um ein reines Fussball-Titelturnier. Die Schweizer erreichten den Final (0:3 gegen Uruguay) und galten als inoffizielle Europameister.