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Switzerland's manager Vladimir Petkovic celebrates with his players end of the Euro 2020 soccer championship round of 16 match between France and Switzerland at the National Arena stadium, in Bucharest, Romania, Tuesday, June 29, 2021. (Marko Djurica/Pool Photo via AP)

Auf Vladimir Petkovic hat keiner gewartet, als er mit 24 in Zürich-Kloten landete. Bild: keystone

Ein Trainer auf dem Olymp – oder der Mann, auf den niemand gewartet hatte

Nach dem Erfolg gegen Weltmeister Frankreich bleibt die Verneigung, vor dieser Schweizer Mannschaft, vor Vladimir Petkovic. Der Nationaltrainer liefert damit den grösstmöglichen Beweis, ihm zu vertrauen.

christian Brägger / ch media



Viele Dinge hat man in Vladimir Petkovic gesehen, bloss das nicht: Als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld der richtige Trainer für die Schweizer Nationalmannschaft zu sein. Er war hinter Marcel Koller ja nur die zweite Wahl. Gewiss attestierte man dem Neuen als Coach Fähigkeiten, sie rückten aber viel zu oft in den Hintergrund. Stattdessen gab es Schelte ob seiner Deutschkenntnisse und immer gleichen Parolen, oder wenn er sich wieder einmal dünnhäutig und wenig nahbar zeigte.

Switzerland's manager Vladimir Petkovic stands on the touchline during the Euro 2020 soccer championship round of 16 match between France and Switzerland at the National Arena stadium, in Bucharest, Romania, Monday, June 28, 2021. (Marko Djurica/Pool Photo via AP)

Vladimir Petkovic hat die Schweiz taktisch mindestens einen Schritt vorwärts gebracht. Bild: keystone

Die mutigen Ideen für den Fussball der Schweizer, die taxierten manche ohnehin als utopisch. Die Nationalmannschaft wurde eher mit nüchternem, dafür kämpferischem Fussball assoziiert.

In Petkovic sah man niemals einen Gemütsmenschen, wie Köbi Kuhn es war. Oder einen Welttrainer vom Format Hitzfelds. Ganz zu schweigen von Uli Stielike, der dank seiner Erfolge als Aktiver (Meister mit Real, Europameister mit Deutschland) eine Aura besass. Nicht zu vergessen Roy Hodgson, den Gentleman. Oder der populäre Paul Wolfisberg, der mit seinem unkonventionellen Wesen charmierte. Petkovic war gar nichts von dem und hatte schon gar nichts von denen.

epa09272410 Switzerland's head coach Vladimir Petkovic during the training session at the Tre Fontane sporting centre in Rome, Italy, 15 June 2021. Switzerland will face Italy in their UEFA EURO 2020 group A preliminary round soccer match on 16 June 2021.  EPA/Ettore Ferrari

Er kann auch lachen, aber so entspannt sieht man Petkovic selten. Bild: keystone

Er war vielmehr für viele der «Jugo», der bosnische Kroate, der in Sarajevo aufwuchs, den Bürgerkrieg erlebte und auf den in der Schweiz niemand gewartet hatte. 2014 nicht, als er Nationaltrainer wurde. 1987 schon gar nicht, als er als 24-jähriger Fussballer ohne Deutschkenntnisse in Zürich-Kloten landete und sich nach einem mythenbehafteten Missverständnis dem FC Chur anschloss. Ehe er den Rundgang als Fussballer und später als Trainer durch die Schweiz startete, der ihn bis zu Lazio Rom und in die Türkei führte.

Der Churer Vladimir Petkovic, links, setzt sich im Zweikampf gegen Enrico Giani, Nr. 5, rechts, vom FC Locarno durch und erzielt in der 85. Minute per Kopf den Siegestreffer zum 2:1 ueber den FC Locarno, aufgenommen am 27. Juli 1991 in Chur beim Meisterschaftsspiel der Nationalliga B FC Chur gegen den FC Locarno. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Petkovic 1991 beim NLB-Match seines FC Chur gegen Locarno. Bild: KEYSTONE

Petkovic hielt allen Unkenrufen zum Trotz seit dem Amtsantritt immer an seinem Plan fest, die Nationalmannschaft fussballerisch auf eine neue, höhere und für sie unbekannte Ebene zu hieven. Es sah in ihr bedeutend mehr als die Schweiz in sich selbst. Mit Ausnahme der Spieler.

Petkovic müsste ein Integrationstreiber sein

Dabei blendete man allzu gerne aus: Kraft der Herkunft steht keiner mehr für diese multikulturelle Schweizer Mannschaft als Petkovic, er sollte sozusagen ein Integrationstreiber sein in einem im Idealfall integrationstreibenden Konstrukt «Nationalmannschaft». Was den Gedankenträgern rechter Couleur noch mehr missfiel. Dabei liegt es auf der Hand, dass der in Minusio wohnhafte Mann aus dem Balkan die Wesen, Antriebe und Haltungen von Xhaka, Seferovic und Co. besonders gut versteht. Auch wenn er nicht immer alles gutheissen mag. Und es beispielsweise mit Shaqiri beinahe zu einem Zerwürfnis kam.

Natürlich ist Petkovic nicht gefeit von Fehlern, und noch nach der Klatsche gegen Italien im zweiten Gruppenspiel lud er Teile der Schuld auf sich, gelobte Besserung. Sie kam im Spiel gegen die Türken, Petkovic ging ruhig voran. Und selbst gegen Frankreich in der wichtigsten Begegnung seiner Karriere wirkte er ausgeglichen wie klar in seinen Entscheiden, passte seine offensiv ausgerichtete Taktik an und liess das Mittelfeld sichern.

Noch vor geraumer Zeit wäre ihm diese Justierung zuwider gewesen. Der 57-Jährige scheute sich bei seinen forschen Wechseln auch nicht vor grossen Namen, nahm die ermüdeten Shaqiri, Embolo oder Seferovic raus. Und brachte unter anderen Vargas, Fassnacht oder Gavranovic.

«Endlich konnten wir unserem Coach etwas zurückgeben»

Nach all der Kritik an Team und Trainer müsste der Viertelfinaleinzug besondere genugtuend sein, weil er alles Dagewesene in den Schatten stellt. Petkovic will davon nicht viel wissen, sagt schlicht:

«Es ist einer der grössten und wichtigsten Siege meiner Karriere. Besonders nach unserer Vorgeschichte.»

Weil er mit dem Auftritt gegen Spanien am Freitag Karl Rappan als Rekordtrainer ablösen und zum 78. Mal an der Schweizer Seitenlinie stehen wird, kommt man schnell zum Urteil: Petkovic sitzt auf dem Fussballolymp aus Schweizer Sicht.

Switzerland's head coach Vladimir Petkovic celebrates winning the Euro 2020 soccer championship round of 16 match between France and Switzerland at the National Arena stadium in Bucharest, Romania, Tuesday, June 29, 2021. (Robert Ghement/Pool via AP)

Mit Spanien hat Petkovic noch eine Rechnung offen. Bild: keystone

Doch darum geht es ihm nicht. Es geht ihm um den guten, erfolgreichen Fussball. Und selbst wenn im Team und drumherum vielleicht nicht immer alles wohlig ist. In einem Satz von Granit Xhaka liegt das Bedeutungsschwere, das kaum in Worte zu fassen ist, weil es in die Tiefe geht: «Endlich konnten wir unserem Coach etwas zurückgeben.» Dankbarkeit, Vertrauen. Das Schweizer Volk sollte das auch so handhaben.

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