Wie das Märchen von Crystal Palace so schnell in die Brüche gehen konnte
Der grösste Erfolg der Vereinsgeschichte ist erst gut neun Monate her: Am 18. Mai 2025 gewann Crystal Palace den FA-Cup-Final gegen Manchester City 1:0. Es war in der 120-jährigen Existenz des Klubs der erste Titel. Im August folgte dank eines Siegs über Liverpool dann noch der Supercup. Die Eagles und ihre Fans erlebten ein echtes Märchen. Jetzt liegt aber alles in Trümmern.
Erfolgstrainer Oliver Glasner ist bei den Fans nicht mehr erwünscht. Beim 1:1-Unentschieden in Mostar vom letzten Donnerstag sangen einige von ihnen: «Wir wollen Glasner raushaben!» Oder: «Du wirst morgen entlassen!» Der 51-Jährige reagierte auf die Gesänge während des Playoff-Hinspiels in der Conference League mit Schelte. «Sie können sagen und singen, was sie wollen. Ich weiss, was ich tue», so Glasner. «Das wichtigste ist es, bescheiden zu bleiben. Das gilt auch für die Fans: Bleibt bescheiden und vergesst nicht, wo ihr herkommt!» In den Augen des Österreichers seien einige Fans, die ihn nun kritisieren, abgehoben. «Wer vergisst, woher er kommt, wird im Leben normalerweise bestraft», stellt Glasner klar.
— Simon McHardy (@McHardySimon) February 19, 2026
Bei den Fans sorgte dies eher für zusätzlichen Ärger als Verständnis. Im folgenden Spiel am Sonntag gegen Wolverhampton zeigten Fans ein Transparent mit der Aufschrift «Chancen verpasst – unfähiger Vorstand. Fans respektlos behandelt – Glasner fertig.». Ausserdem verhöhnten sie die Aussagen mit Gesängen wie «Ich bin bescheiden bis zum Tod», «Bleibt bescheiden für die Kumpels» oder nach dem Siegtor in der 90. Minute «1:0 für die bescheidenen Jungs». Glasner sagte danach, dass es den Fans offen stehe, ihre Meinung mit einem Banner zu äussern, widersprach ihnen aber: «Ich habe nie jemanden respektlos behandelt.»
Glasner verkündete Abgang kurz vor wichtigem Spiel
Die Beziehung zwischen Trainer und Fans begann aber schon zuvor zu bröckeln. Mitte Januar verkündete Glasner seinen Abgang auf Ende Saison am Tag vor dem Spiel gegen Granit Xhakas Sunderland. Er suche eine neue Herausforderung, erklärte Glasner. Zwar wussten die Klubverantwortlichen davon bereits seit Oktober, doch waren auch sie überrascht vom Zeitpunkt der Verkündung so kurz vor der Partie gegen einen direkten Konkurrenten. Bei den Fans, die ihm zuvor stets die Stange gehalten hatten, sorgte dies für grossen Ärger.
Schon kurz nach dem Cup-Erfolg hatte das Märchen von Crystal Palace erste Risse erhalten. Weil US-Milliardär John Textor, der Mehrheitseigner bei Olympique Lyon ist, seine Anteile an den Eagles zu spät verkauft hat, durften sie nicht an der Europa League teilnehmen und sind so in die Conference League «abgestiegen». Kurz nach Saisonbeginn musste der Klub aus Südlondon auch noch Cup-Held Eberechi Eze an Arsenal verkaufen, nachdem im Sommer 2024 in Michael Olise, der bei Bayern nun einer der besten Fussballer der Welt ist, bereits eine wichtige Stütze von Glasners Team wegbrach.
Glasner tobte: «Wir müssen handeln. Es geht um die Zukunft von Crystal Palace. Wir müssen die richtigen Spieler holen.» Es sei schon seit Monaten definiert worden, was der Klub brauche. Ebenso sei es nicht überraschend, dass der 27-jährige Eze den Verein verlassen habe. «Wir haben es verpasst, ihn früh genug zu ersetzen», so Glasner im August, «das ist komplett unser Fehler.»
Erst standen die Fans hinter Glasners Kritik
Auch Marc Guéhis Abgang zeichnete sich schon im Sommer ab, im Winter wechselte der Innenverteidiger nun zu Manchester City. «Unseren Kapitän einen Tag vor dem Spiel zu verkaufen, da habe ich überhaupt kein Verständnis für», schimpfte Glasner. Er fühle sich von der Vereinsführung im Stich gelassen. Dieses Gefühl führte wohl zur Bekanntgabe seines Abgangs. Beinahe wäre danach auch noch Stürmerstar Jean-Philippe Mateta weg gewesen, doch fiel dieser durch den Medizincheck bei der AC Milan. Die Rekordverpflichtungen von Brennan Johnson und Jörgen Strand Larsen im letzten Monat kamen zu spät, um Glasner noch umzustimmen.
Der Trainer hatte das Vertrauen zu dem Zeitpunkt bereits längst verloren, das Team so noch weiterbringen, geschweige denn es zu weiteren Erfolgen führen zu können. Seine Kritik an den ausbleibenden Transfers im Sommer galt vor allem Besitzer Steve Parish. Damit traf er bei den Fans einen Nerv. Diese kritisieren den 60-jährigen Engländer vor allem dafür, trotz der Erfolge nicht mehr Geld in die Hand genommen zu haben. Mit seinem Auftritt Mitte Januar brachte Glasner die Fans dann aber gegen sich auf.
Alleine wegen der schlechten Resultate hätten die Fans wohl nie gegen Glasner revoltiert. Es herrscht Einigkeit, dass er der beste Trainer in der Vereinsgeschichte ist. Der Österreicher, der schon in Frankfurt mit dem Gewinn der Europa League bewiesen hat, ein brillanter Coach zu sein, übernahm die Londoner im Februar 2024 im Abstiegskampf und brachte schnell Besserung. «Er hat unsere wildesten Träume übertroffen», erzählt ein Fan von Crystal Palace bei BBC. Doch habe er sein Vermächtnis beschmutzt. «Man will das Gefühl haben, dass der Trainer auch wirklich der Trainer sein will. Das ist bei ihm eindeutig nicht der Fall.»
Nun fühlen sich die Fans verarscht
Vielen missfiel zudem der Kommentar bezüglich der fehlenden Bescheidenheit. Crystal Palace hat schwierige Zeiten hinter sich. In den 90er- und Nullerjahren spielten die Eagles mehrheitlich in der zweiten Liga. 2010 musste der Klub Insolvenz anmelden und entging der Auflösung nur knapp. Nun vorgeworfen zu bekommen, abgehoben zu sein, gefiel unter anderem den Machern des Fan-Podcasts «Five Year Plan» überhaupt nicht. Auf X veröffentlichten sie ein deutliches Statement. Darin schrieben sie unter anderem:
Wir haben noch nie eine solche Freude erlebt, wie Sie uns bereitet haben. Und wir werden das nie vergessen. Aber Sie müssen uns nicht beleidigen. Wenn Sie gehen wollen, dann gehen Sie.
Sie geben nicht mehr Ihr Bestes. Wir sehen das. Wir haben zu Ihnen gehalten, trotz Ihrer Unverschämtheit. Wir sind bescheiden. Aber wir wissen, wenn jemand uns verarscht.»
Das Statement bringt auf den Punkt, weshalb der Graben zwischen Glasner und den Fans mittlerweile so gross ist. Und das gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahr, nachdem Crystal Palace auf Wolke 7 geschwebt ist.
Noch hat der 51-jährige Trainer aber die Chance, das Ruder herumzureissen. Ein Sieg am heutigen Donnerstagabend gegen Zrinjski Mostar wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dann stünden die Eagles nämlich im Achtelfinal der Conference League – und dürften weiterhin vom nächsten grossen Titel träumen.
