«Ich kann es nicht glauben»: Was hinter der Bodö-Sensation steckt
Sie können selbst nicht fassen, was sie gerade geschafft haben. «Es klingt nicht wahr», sagt Torschütze Jens Petter Hauge. Trainer Kjetil Knutsen fügt bei TNT Sports an: «Könnt ihr es glauben? Ich kann es wirklich nicht glauben.»
Soeben hat Bodö/Glimt auswärts 2:1 bei Inter Mailand gewonnen und damit die Qualifikation für die Achtelfinals der Champions League geschafft. Schon im Playoff-Hinspiel bezwang das Team aus der 43'000-Einwohner-Stadt Bodö die Nerazzurri 3:1. Zuvor hatte der krasse Aussenseiter in der Königsklasse erst Manchester City und dann auch noch Atlético in Madrid geschlagen. Nur dank der sechs Punkte aus den beiden Spielen überstanden die Norweger die Ligaphase überhaupt.
«Wir haben etwas völlig Verrücktes geschafft», sagte Hakon Evjen – er erzielte das zweite Tor des gestrigen Dienstagabends – bei TV 2, «es ist surreal.» Und Captain Patrick Berg schwärmte: «Das ist das Grösste, was ich in meiner Karriere erlebt habe.»
Die Männer aus dem hohen Norden haben den Erfolg nicht geklaut. Natürlich überliessen sie das Spiel im San Siro nach dem 3:1-Erfolg im Hinspiel dem Gastgeber, doch kamen sie auch immer wieder zu Chancen. Das bewährte System von Trainer Knutsen trug einmal mehr Früchte. Die hohe Intensität und das Pressing sorgten bei Inter Mailand für grosse Probleme. «Wir sind auf ein Team getroffen, das viel mehr Energie hatte und entschlossen das getan hat, was es tun musste», lobte Knutsens Gegenüber Christian Chivu.
Vor dem Treffer zum 1:0 durch Hauge wurde Inter-Verteidiger Manuel Akanji am eigenen Strafraum von drei Gegenspielern bedrängt und vertändelte den Ball, Goalie Yann Sommer konnte den Treffer dann nicht mehr verhindern. Ein «eklatanter Fehler», schrieb die Gazzetta dello Sport. Der 30-jährige Akanji hatte zuvor eine Verletzung am Kopf erlitten, weshalb er einen Verband trug. Womöglich spielte auch dies eine Rolle beim Patzer des Nati-Stars. Das zweite Tor war dann die Folge eines Bilderbuchkonters.
Dass Bodö/Glimt im Vergleich zum eigentlich übermächtigen Gegner gemäss Inter-Trainer Chivu mehr Energie hatte, lag wohl auch daran, dass die norwegische Ligasaison noch nicht begonnen hat. Bodö spielte in dieser Saison erst vier Pflichtspiele: alle in der Champions League. Dies kann aufgrund der fehlenden Spielpraxis aber auch ein Nachteil sein.
Inter Mailand selbst konnte erst spät Druck aufbauen. «Wir haben sie nicht wirklich herausgefordert», sagte Nicolo Barella nach dem Spiel, «das Schwierigste war, das Spiel in Gang zu kriegen. Das ist uns nicht gelungen.» Bodö-Captain Berg erklärte das Erfolgsrezept so: «Wir haben den Strafraum verteidigt, als wäre es unser eigenes Kind.»
Das Resultat war «das Grösste, was jemals im norwegischen Klubfussball passiert ist», wie TV 2-Kommentator Öyvind Alsaker sagte, bevor er noch einen draufsetzte: «Das ist die grösste Überraschung in der Geschichte der Champions League.» Die Spieler seien fantastisch gewesen, lobte Trainer Knutsen und sagte: «Ich bin so stolz!» In der Kabine wurde im Anschluss ausgelassen gefeiert.
Bodö/Glimt ist aber noch nicht fertig. «Das ist eine Reise», sagte Knutsen und fügte an: «Hinter diesem Projekt stehen unglaublich viele Menschen, die fest daran glauben.»
Der 57-Jährige ist seit 2018 Cheftrainer bei dem Klub. Er übernahm das Team direkt nach dem Aufstieg und führte es in seiner dritten Saison zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Es folgten drei weitere Titel in den nächsten vier Saisons. Auch international sorgte Bodö für Aufsehen, indem es sich 2021/22 für die Viertelfinals der Conference League qualifizierte und in der letzten Saison gar in den Halbfinal der Europa League stürmte.
Kein Wunder, soll Trainer Knutsen unter anderem in der englischen Premier League sehr gefragt sein. Auch Jürgen Klopp zeigte sich zuletzt beeindruckt. Der deutsche Ex-Trainer habe gar schon versucht, Kontakt zu Knutsen aufzunehmen, «weil ich nicht verstehe, was sie tun». Dabei gehe es nicht unbedingt um den Fussball, sondern das gesamte Projekt, das «super interessant» sei.
Wichtig für den Erfolg ist nämlich auch die Strategie bei Transfers. Einerseits müssen die Spieler natürlich zu dem energieintensiven Spielstil passen, andererseits sollen sie aber auch einen X-Faktor mitbringen, wie ein früherer Assistenztrainer mal gegenüber The Athletic sagte. Dabei geht es um eine herausragende Eigenschaft bei noch ungeschliffenen Talenten, die andere vielleicht übersehen haben. Ausserdem gehört auch ein ehemaliger Kampfpilot als Mentaltrainer zum Staff.
Am Freitag findet Bodö/Glimt heraus, wer der Gegner im Achtelfinal sein wird: Manchester City und Sporting Lissabon sind die beiden Möglichkeiten. Auch dort glauben die Norweger wohl an eine Chance. «Wir kriegen immer etwas zustande, wenn es drauf ankommt – so ist Glimt eben», strotzte Knutsen am Dienstagabend im San Siro vor Selbstbewusstsein. Ex-Fussballer und Experte Simen Stamsö-Möller sagte bei TV 2: «Niemand kann sich gegen Bodö/Glimt sicher fühlen.»
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