Silvan Hefti im Trump-Land: «Wir nahmen Lionel Messi ins Sandwich»
Gleich zweimal muss sich Silvan Hefti beim Aufwärmen mit seinem neuen Arbeitgeber D.C. United kneifen. «Den kenne ich doch aus dem Film Interstellar! Was macht der bloss auf dem Spielfeld?» In Austin, Texas, steht Anfang März für den Rechtsverteidiger gerade das zweite Ligaspiel der Major League Soccer MLS an, als er den US-Schauspieler Matthew McConaughey erblickt. Schnell klärt sich auf: Der Oscar-Gewinner 2014 (Dallas Buyers Club) ist Mitbesitzer des Austin FC und nimmt nur seine Repräsentanten- und Einpeitscherrolle wahr. Hefti verliert mit seinem Team im Q2 Stadium vor 20'000 Fans 0:1.
Eine Woche später schlägt Heftis Fussballwelt noch grössere Purzelbäume, als er zu Hause auf Inter Miami mit Lionel Messi trifft. D.C. United ist für die Partie aus Washington in den Bundesstaat Maryland ausgewichen. Messi zieht immer und überall, das gilt es zu monetarisieren, die Hütte im Football-Stadion der Baltimore Ravens ist voll. Der Ausnahmekönner trifft per überlegtem Lupfer zum 2:0, die Führung für Miami erzielt der andere argentinische Weltmeister, Rodrigo de Paul. Hefti verliert mit seinem Team trotz einer Steigerung in der zweiten Halbzeit im M&T Bank Stadium vor 72'000 Fans (!) 1:2.
In Hamburg war er nicht mehr glücklich
Hefti mag seine neue Fussballwelt, die alte hatte er ebenfalls gemocht, wenngleich sie ihn beim Hamburger SV am Ende nicht mehr glücklich machte. Zwar wurde ein erheblicher Aufwand betrieben, um ihn im Sommer 2024 vom FC Genua zu verpflichten, und daraufhin hatte er in der Aufstiegssaison auch einige Auftritte. Doch im Oberhaus Deutschlands kam er in dieser Spielzeit nicht zum Einsatz. Da konnte der fleissige Hefti ins Training investieren, was er wollte – Chefcoach Merlin Polzin setzte auf andere Defensivakteure.
«Ich dachte, ich hätte das Zeug für die Bundesliga und habe mir das anders vorgestellt. Aber die Konstellation stimmte nicht, mit diesem Trainer hat es mir nicht gereicht», sagt Hefti am Dienstag am Telefon. Selbst 15 Minuten Spielzeit in der höchsten Liga wären für ihn kein Trost gewesen. Am Ende geht es Hefti um den Weg, der ihm etwas gegeben hätte und in Hamburg eben nicht funktionierte, was ihn dann auch für weitere Vereine der Bundesliga uninteressant machte.
Hefti spürte, dass es trotz Vertrag bis Sommer 2027 anderswo weitergehen und bei einem neuen Arbeitgeber alles stimmig sein musste. Doch wo sollte das sein? Angebote gab es aus der 2. Bundesliga und der Super League, doch an beide Orte wollte er (noch) nicht zurück. Das rief René Weiler auf den Plan, der Servette als Sportchef im vergangenen Mai überraschend verlassen hatte und zwei Monate später Trainer von D.C. United geworden war.
Nachdem Weiler mit seinem neuen Team im Herbst das Playoff verpasst hatte, suchte er für diese Saison einen Rechtsverteidiger. Und traf Hefti um die Weihnachtszeit in der Schweiz auf einen Kaffee – es war für beide Seiten stimmig. «Die MLS und Amerika reizten mich, und mit der WM gibt es einen Aufschwung im Land. Messi ist ja auch hier – ich habe noch selten gegen eine bessere Mannschaft als Miami gespielt», sagt Hefti. Mit dem HSV wurde ein Paket geschnürt, in dem D.C. United bis Sommer 2027 mit insgesamt 700'000 Franken einen Teil des Salärs übernimmt. Danach wird in den Staaten der Saisonturnus ohnehin an Europa angeglichen.
Und nun ist Hefti nach Erhalt des Arbeitsvisums also seit vier Wochen im Trump-Land, im Klub der Hauptstadt gar. Das Wetter passt mit frühlingshaften 20 Grad, nachdem es tags zuvor bei einer Bise 5 Grad gewesen ist. D.C. United trägt die Heimspiele üblicherweise im Audi Field im Stadtzentrum aus, das Trainingszentrum ist 45 Minuten entfernt in Leesburg, Virginia. Die junge Familie hat samt Hund auf halber Strecke ein möbliertes Reihenhaus in Loudoun County bezogen, zum internationalen Flughafen ist es nicht weit.
Die Region der Privilegierten
Die Vorortgegend Washingtons gilt als schnell wachsend und eine der reichsten der Vereinigten Staaten, bekannt auch für Technologie, Golfplätze und Weingüter. Sie ist Anziehungspunkt für Politiker, Lobbyisten und ganz grundsätzlich für gut situierte, privilegierte Leute. Hefti sagt: «Hier ist alles ruhig, gepflegt. Und überall sind deutsche Automarken präsent.» Die Region ist also alles andere als abgehängt.
Die Hauptstadt hat sich die Familie bereits angeschaut, schön sei sie mit vielen herausgeputzten Verwaltungsgebäuden, sagt Hefti. «Und in der Nähe des Weissen Hauses ist alles mit Polizei und Secret-Service-Leuten abgesichert.» Englisch spricht der 28-Jährige fliessend und natürlich weiss er um die Weltlage, um Venezuela, um den Iran-Konflikt und die Ausschaffungen. «Wir spüren hier keinerlei Probleme, weder beim Einreisen noch mit den Menschen, die alle sehr freundlich sind. Das Bild, das ich erhalte, entspricht wohl nicht dem Klischee, das die Europäer wegen Trump über die USA haben.»
Hefti sagt, er habe als Sportler lernen müssen, keine politischen Aussagen zu tätigen. «Ich sehe das hier als grosse Chance, für mich stimmen die Parameter.» Er fühlt sich in Washington sicher, was wohl nicht für alle Bundesstaaten gelten würde. «Letztlich muss jeder für sich selbst verantworten, wo er sein Geld verdient, auch ich habe meine Ansichten zu dem Land, das die Weltpolitik im letzten Jahrhundert dominiert hat.» Hefti sagt aber auch, dass sich seine Wahrnehmung wohl etwas anders präsentieren werde, sobald Präsidentschaftswahlen bevorstünden. Wobei: Bei Trump ist ja immer irgendwie Wahlkampf.
Die MLS sieht Hefti hinter den europäischen Topligen, aber als intensiv und mehr physisch denn taktisch geprägt; beim HSV beispielsweise stellte man sich ständig auf die Gegner ein. Dafür erlebt der Ostschweizer jetzt eine völlig andere Sportkultur, weniger Verbissenheit, mehr Entertainment und lauter friedliche Fans. Hefti ist bei D.C. United nur bedingt ein Exot, auch Weilers Assistent Thomas Binggeli ist Schweizer. Im Kader stehen viele Amerikaner und Südamerikaner, ebenso ein Finne. Hefti will sich als Leader einbringen ins Team, er will es defensiv stabiler machen und mit offensiven Läufen Akzente setzen. Mit dem kommunikativen Weiler gibt es einen regen Austausch, manchmal über private Dinge.
Ziel für D.C. United ist das Playoff
D.C. United wurde 1995 gegründet und nahm im Jahr darauf in der MLS-Premierensaison den Spielbetrieb auf. Nach LA Galaxy ist es die erfolgreichste Franchise im Land und soll nach schwachen Jahren endlich wieder einmal ins Playoff kommen, Platz neun in der Eastern Conference ist hierfür notwendig. Es braucht also gute Resultate, der Saisonstart ist nach drei Auftritten gegen starke Rivalen mit einem Sieg bedingt geglückt.
Hefti sagt: «Unser Stadion ist schnell voll, wenn es läuft, und ebenso schnell halb leer, wenn es nicht läuft.» Gegen Inter Miami sei es kein richtiges Heimspiel gewesen, eigentlich habe es eineinhalb Stunden von Washington entfernt nur Fans mit Messi-Leibchen gehabt. Den einen oder anderen Zweikampf hat der Ostschweizer Fussballer des Jahres 2016 mit dem argentinischen Superstar geführt, im Verbund mit Teamkollegen auch siegreiche. «Weil wir ihn ins Sandwich nahmen.»
Maskottchen von D.C. United ist übrigens ein Steinadler, der an den Heimspielen zugegen ist – vielleicht verhilft er Hefti ja zu neuen Höhenflügen. (riz/aargauerzeitung.ch)

