Am Ende ist die italienische Welt in Ordnung: Trotz eines Gegentors nach 23 Sekunden startet das Team von Luciano Spalletti mit einem Sieg gegen Albanien in die EM 2024. Zumindest die Achtelfinalqualifikation rückt für die «Azzurri» so in greifbare Nähe. Trotzdem zeigt das erste Spiel auch: Eine Titelverteidigung Italiens käme einer grossen Überraschung gleich. Das sind die Gründe.
Italienischen Fussball ist schon lange nicht mehr purer Catenaccio. Und trotzdem: Will Italien bei einem Turnier weit kommen, steht und fällt der Erfolg mit einer makellosen Defensive. Beim WM-Titel 2006 kassierte die von Weltfussballer Fabio Cannavaro angeführte Mannschaft nur einen Treffer aus dem Spiel heraus. 2021 waren es Captain Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, welche die Italiener überraschend zum Titel führten.
Drei Jahre später sind die beiden nun nicht mehr dabei – Chiellini ist zurückgetreten, Bonucci befindet sich im Herbst seiner Karriere. Die italienische Verteidigung befindet sich im Umbruch, was im Spiel gegen Albanien in einigen Szenen deutlich wurde. Dem frühen 0:1 ging ein haarsträubender Fehler von Federico Dimarco voraus, in der 90. Minute brauchte es nach einem Patzer von Ex-Basler Riccardo Calafiori eine Glanztat von Gianluigi Donnarumma, um den späten Ausgleich der Albaner zu verhindern.
Für die Zukunft braucht sich Italien in der Defensive keine Sorgen zu machen. Der 22-jährige Calafiori machte bis zu seinem Fehler ein hervorragendes Spiel, zudem ist er wie seine Innenverteidiger-Kollegen Alessandro Bastoni, Alessandro Buongiorno und Federico Gatti (alle 25) noch jung. Doch um bereits in diesem Jahr für den ganz grossen Erfolg bereit zu sein, fehlt es wohl schlicht an Erfahrung auf internationalem Niveau.
Die Rechnung ist einfach: Ist Italien hinten etwas weniger stabil, braucht es mehr Tore, um trotzdem Spiele zu gewinnen. Doch wer soll diese erzielen?
Ein Blick auf die Statistiken zeigt klar, dass der italienischen Nationalmannschaft ein richtiger Goalgetter fehlt. Die «Azzurri» haben keinen einzigen Spieler im Kader, der mehr als zehn Tore auf dem Konto hat. Bester Torschütze ist Mittelfeldspieler Nicolò Barella mit neun Länderspieltreffern.
Besonders gross waren im Vorfeld der EM die Fragezeichen um die drei Stürmer Gianluca Scamacca, Mateo Retegui und Giacomo Raspadori. Scamacca erzielte in seinen ersten 15 Spielen im Nationalteam nur einen einzigen Treffer, Retegui und Raspadori blicken auf eine ziemlich durchzogene Saison mit insgesamt 15 Toren in 78 Spielen zurück.
Wie schwer sich die Stürmer tun, zeigte sich auch im Spiel gegen Albanien. Italien kontrollierte das Spiel mit viel Ballbesitz in der Nähe des gegnerischen Strafraums, tat sich aber extrem schwer damit, gute Chancen zu kreieren. Am Ende kamen die Italiener nur auf 1,59 Expected Goals, also zu weniger guten Chancen als Spanien (1,97), die Schweiz (2,29), Kroatien (2,33) und Deutschland (2,34). Ebenfalls sinnbildlich für die offensiven Probleme: Mit Bastoni und Barella sorgten ein Innenverteidiger und ein zentraler Mittelfeldspieler für die Tore.
Schon in der Startelf ist zwischen Italien und den grossen Turnierfavoriten wie Frankreich, England, Deutschland oder Spanien ein Qualitätsunterschied erkennbar. Noch deutlicher wird dieser aber bei einem Blick auf die Ersatzbank.
Gegen Albanien nahm Trainer Luciano Spalletti fünf Wechsel vor. Grosse Namen waren nicht darunter. Andrea Cambiaso hat bei Juventus eine solide Saison gespielt, aber erst vier Spiele in der Nati und noch keines in der Champions League auf dem Konto. Matteo Darmian gewann mit Inter die Serie A, ist aber mit 34 Jahren im Herbst seiner Karriere. Bryan Cristante ist bei Roma gesetzt, überzeugte aber weniger als auch schon. Und Michael Folorunsho und Mateo Retegui gelten als talentiert, spielen mit Verona und Genua aber bei Teams, die weit weg von europäischen Plätzen sind.
Schaut man auf die Konkurrenz, sind die Unterschiede eklatant. Deutschland wechselte gegen Schottland Leroy Sané und Thomas Müller ein, Spanien brachte gegen Kroatien Barcelona-Spieler Ferran Torres sowie die drei 50-Millionen-Männer Martín Zubimendi, Mikel Merino und Dani Olmo. Und bei England und Frankreich dürften wohl Stars wie Cole Palmer oder Eduardo Camavinga von der Bank aus starten.
Wie gross der Unterschied des Europameisters zu den anderen Teams ist, zeigt auch der Blick auf die Marktwerte. Bei den «Azzurri» hat ein Spieler im Schnitt einen Wert von gut 27 Millionen Euro. Beim wertvollsten Team England ist dieser Schnitt mit gut 58 Millionen mehr als doppelt so hoch.