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Fussball: Schweiz muss in Serbien antreten – dort droht eine Eskalation

Serbia's and Swirzerland's players argue during the World Cup group G soccer match between Serbia and Switzerland, at the Stadium 974 in Doha, Qatar, Friday, Dec. 2, 2022. (AP Photo/Martin M ...
An der WM gerieten die Schweizer mehrfach mit den Serben aneinander.Bild: keystone

Die Schweiz muss ausgerechnet in Serbien antreten – doch jetzt droht dort eine Eskalation

Dieses Spiel birgt politischen Zündstoff. Die Schweiz tritt in der EM-Qualifikation gegen Weissrussland an, das mit Putin verbündet ist. Damit nicht genug: Der Match soll in Serbien stattfinden, wo sich gerade die Spannungen mit dem Kosovo zuspitzen. Jetzt meldet sich die Politik zu Wort.
29.12.2022, 07:55
Patrik Müller und Raphael Gutzwiller / ch media
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Nach der WM ist vor der EM: Am 25. März 2023 gilt es ernst für die Schweizer Nationalmannschaft, sie soll die Schmach gegen Portugal vergessen machen und mit einem Sieg in die Qualifikation für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland starten.

Gegner ist Belarus, das erstaunlicherweise mitspielen darf, im Gegensatz zum Eishockey. Von der Hockey-WM wurde Belarus ausgeschlossen. Das von Diktator Alexander Lukaschenko regierte Land arbeitet eng mit Russland und dessen Kriegstreiber Wladimir Putin zusammen.

Belarusian President Alexander Lukashenko R and Russian President Vladimir Putin L make a statement during their meeting at the Palace of Independence in Minsk, Belarus, Monday, Dec. 19, 2022. Preside ...
Alexander Lukaschenko (r.) mit Wladimir Putin.Bild: www.imago-images.de

Dass Belarus nicht von der EM-Qualifikation verbannt wird, ist für viele schon unverständlich. Geradezu absurd wirkt nun, dass das Spiel gegen die Schweiz auf «neutralem» Terrain abgehalten werden soll und dass dafür ausgerechnet Serbien ausgewählt wurde.

In Belarus selbst soll der Match wegen der Nähe zu Russland nicht stattfinden, und nicht alle Länder sind bereit, das belarussische Team auf ihrem Territorium spielen lassen. Nebst Serbien wären dies unter anderem Ungarn oder Zypern.

Swiss midfielder Admir Mehmedi, left, fights for the ball with Belarus' Ryhor Filipenka, right, during a friendly soccer match on the side line of the 2018 Fifa World Cup group B qualification be ...
Schon in der Qualifikation zur WM 2018 spielte die Schweiz gegen Belarus.Bild: KEYSTONE

Vergangene Woche bestätigte der europäische Fussballverband Uefa gegenüber CH Media, dass das Spiel in Serbien durchgeführt werde. Nun wächst die Kritik an dieser Vergabe – und sie erreicht auch die Politik.

Aussenpolitiker Franz Grüter: «Öl ins Feuer gegossen»

Der oberste Aussenpolitiker im Parlament, der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter, ist selber Fussballfan. «Ich bedauere den Entscheid, dieses Spiel in Serbien stattfinden zu lassen», sagt er zu CH Media. «Man giesst unnötig Öl ins Feuer, die Situation ist ohnehin spannungsgeladen», betont Grüter, der die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats (APK) präsidiert.

Grüter spricht damit die drohende Eskalation zwischen Serbien und dem Kosovo an. Vor zehn Tagen hat sich Grüter selber vor Ort im Kosovo ein Bild von der Situation gemacht. Seither – das bestätigte ihm am Dienstag der kosovarische Botschafter – hat sich die Lage verschärft. Denn am Montag hatte Serbiens Präsident Aleksandar Vucic die Armee in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Gleichentags schnitten militante Serben den serbischen Teil der kosovarischen Provinzmetropole Mitrovica mit Lastwagen-Blockaden vom Rest des Landes ab.

Der Entscheid, das Spiel Schweiz-Weissrussland nach Serbien zu vergeben, fiel schon vor dieser jüngsten Entwicklung. Darum hofft Benedikt Weibel, Cheforganisator der Fussball EM-2008 in der Schweiz, dass die UEFA nun einschreitet. Eine Verlegung in ein anderes Land, sagt Weibel, sei deshalb weitgehend ohne Gesichtsverlust möglich. Er hält die Wahl Serbiens als «neutralen» Austragungsort für «jenseits».

Switzerland's midfielder Granit Xhaka and Switzerland's midfielder Xherdan Shaqiri celebrate the victory and the qualification during the FIFA World Cup Qatar 2022 group G soccer match betwe ...
Sie stammen aus dem Kosovo und spielen für die Schweiz: Granit Xhaka (l.) und Xherdan Shaqiri.Bild: keystone

Austragungsort provoziere Vermischung von Sport und Politik

Auch Aussenpolitikerin und Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) sagt, Serbien sei in diesem Fall keineswegs neutral: «Diese Entscheidung ist nicht geschickt.» Der Austragungsort provoziere eine Vermischung von Sport und Politik, und genau das sollte vermieden werden. Schneider-Schneiter fände die Austragung in Belarus selbst die bessere Alternative. Dass Belarus bei der Qualifikation mitmachen darf, finden Schweizer Politiker von links bis rechts richtig. So sagt Eric Nussbaumer (SP/BL), der auch im FC Nationalrat kickt: «Sportlerinnen und Sportler sollte man so lange wie möglich mitspielen lassen, Sanktionen sollten sich zuerst gegen Funktionäre und Politiker richten.»

Dass die Schweiz mit ihren albanischstämmigen Spielern wie Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ein Spiel in Serbien austragen muss, war schon vor der politischen Entwicklung der vergangenen Tage fragwürdig. Direkte Begegnungen zwischen Serbien und der multikulturellen Schweizer Nati führten in der Vergangenheit wiederholt zu übermässigen Emotionen und Grenzüberschreitungen. In Erinnerung sind die Doppeladler-Affäre an der WM 2018 und jüngst an der WM 2022 gegenseitige Provokationen und Gesten einzelner Spieler.

In Serbien gab es nach der Niederlage gegen die Schweiz in Katar wüste Beschimpfungen gegen Shaqiri und Xhaka. Im Kosovo hingegen wurden diese Spieler gefeiert – mit Autokorsos, es wurden die albanische und die Schweizer Flagge geschwenkt.

«Man sollte beim Erstellen des Wettbewerbskalenders auch die politischen Dimensionen berücksichtigen.»
Ehemaliger FIFA-Präsident Sepp Blatter

Innerhalb der Fussballszene bleibt die Kritik vorerst hinter vorgehaltener Hand. Beim Schweizerischen Fussballverband soll man allerdings ziemlich verärgert über die UEFA-Entscheidung sein.

Einer, der sich öffentlich äussert, ist der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter. Er sieht die Wahl Serbiens als Spielort kritisch. Er erklärt vielsagend: «Man sollte beim Erstellen des Wettbewerbskalenders auch die politischen Dimensionen berücksichtigen.» Während seiner Zeit bei der Fifa sei es für ihn stets ein wichtiges Prinzip gewesen, auf diese Hintergründe Rücksicht zu nehmen.

epa09407071 Former FIFA President Joseph S. Blatter leaves the Federal Prosecutor's Office in Zurich, Switzerland, 09 August 2021. Sepp Blatter, former President of the International Federation o ...
Sepp Blatter.Bild: keystone

Risikopartien oder politisch aufgeladene Spielorte gab es immer wieder, Benedikt Weibel erinnert sich an den Fall Türkei vor der EM 2008. Immer wieder kam es bei der Paarung Schweiz-Türkei zu Skandalen. Als dann die Türkei für die EM-Gruppenphase ausgerechnet der Schweizer Gruppe zugelost wurde, entschied sich Weibel zu einer Reise nach Istanbul – mit dem Bundesratsjet, an Bord auch der Schweizer Fussballpräsident Ralph Zloczower. An einem denkwürdigen Medienauftritt gelang es, die Wogen zu glätten. Sportdiplomatie wäre auch jetzt wieder gefragt. (aargauerzeitung.ch)

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29 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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mrmikech
29.12.2022 08:41registriert Juni 2016
«Man sollte beim Erstellen des Wettbewerbskalenders auch die politischen Dimensionen berücksichtigen.»

Katar war aber ok...

😂😂😂
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Laggoss
29.12.2022 09:40registriert Januar 2021
Der Entscheid ist völlig sinnlos. Wieso eine Eskalation provozieren, wenn die Schweiz gar nicht gegen Serbien selber spielt und auch andere Austragungsorte in Frage kämen. Zudem bin ich persönlich für einen Ausschluss Belarus‘ aus der Quali. Ein Land, welches den Angriffskrieg Russlands aktiv unterstützt gehört in allen Belangen international isoliert.
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Bravo
29.12.2022 09:44registriert Juli 2018
Welcher hirnlose Verein lässt ein solches Spiel ausgerechnet jetzt in Serbien stattfinden?? Gehts eigentlich noch?
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