Sein Blick? Grimmig. Möglichst kein Augenkontakt mit dem wissbegierigen Reporter. Seine Ohren? Airpods drin. Signal: Ich kann und will nichts hören. Seine Geste: Zeigefinger kurz in die Luft, hin- und her wedeln.
Viel deutlicher ist nicht möglich: «NEIN!», schreit der Körper von Noah Okafor, «ich sage nichts». Er läuft wortlos vorbei. Ist das noch Enttäuschung? Oder schon Frustration? Man wüsste das gerne.
Noah Okafor hat unsere Fantasie angeregt. Ende 2021 war das. Zwei grossartige Auftritte in Rom und Luzern, als er mithalf, die Schweiz an die WM und Italien in die Depression zu schiessen. Okafor, der nächste Stern am Schweizer Fussball-Himmel?
Zwei Jahre und gut sieben Monate sind vergangen seither. Und Okafor ist nur noch ein Rätsel. Schon die WM 2022 war eine Enttäuschung für ihn. Zusammengezählt kommt er nicht einmal eine Halbzeit zum Einsatz in den vier Spielen. Nun ist EM – und alles wird noch schlimmer. Keine Sekunde durfte Okafor in den beiden Partien spielen. Als einziger der Nati-Offensivabteilung. Es ist eine Bilanz, die so gar nicht zu seinen Ansprüchen passt.
Seit Sommer spielt Okafor bei der AC Milan. Nicht immer von Anfang an. Und nicht immer sind die Auftritte gut. Aber die italienischen Gazetten sind zufrieden mit seinen Auftritten. Vor allem als Joker überzeugt er. Sechs Tore stehen in der Bilanz. Das ist in der Tat ansprechend.
Okafor reist Ende Mai mit dem Selbstverständnis zur Nati, dass für ihn eine der Hauptrollen reserviert sein müsste. Zumal, wenn er auf die Klubnamen seiner Konkurrenz im Sturm blickt. Burnley, Augsburg, Rasgrad, Bologna, Chicago. Das tönt alles nicht nach grosser Fussballwelt. Zumal Breel Embolo ja noch angeschlagen ist.
Aber so ist das eben nicht. Und darum bleiben vorerst viele Fragen: Wie geht Okafor mit seiner Enttäuschung um? Gelingt es ihm bald, die schlechte Laune ein bisschen besser zu verstecken? Versucht er in den Trainings, Murat Yakin und Giorgio Contini mit Biss und Ernsthaftigkeit von sich zu überzeugen? Und zeigt er vielleicht auch wieder einmal eine positive Körpersprache im Ernstfall, sollte er doch noch eine Spielgelegenheit erhalten? Die Prognose: Gegen Deutschland am Sonntag könnte es für ein paar Spielminuten reichen.
Noah Okafor ist nicht der einzige Schweizer Verlierer dieser zwei ersten EM-Spiele. In der Defensive hat Nico Elvedi seinen Platz in der Innenverteidigung verloren. Seit Sommer 2018 war Elvedi fixer Bestandteil der Nati. Egal, ob unter Vladimir Petkovic oder Murat Yakin, er hatte seine Position stets auf sicher.
Nun hat sich das Blatt erstmals gewendet. Obwohl die Nati mit drei Innenverteidigern agiert, ist der mittlerweile 27-Jährige Ersatz. Es ist eine Entwicklung, die Elvedi natürlich nicht gefällt. Sein Umgang damit ist indes anders als jener von Okafor. Als Elvedi von CH Media um eine Einschätzung seiner Gefühlslage gebeten wird, tut er das in freundlichem und professionellem Ton. «Klar wäre ich gerne auf dem Platz gestanden. Das ist kein Geheimnis. Aber der Trainer hat so entschieden und das akzeptiere ich.»
Der Entscheid, Elvedi auf die Bank zu setzen, ist verständlich. Er strahlt derzeit nicht die Sicherheit und das Selbstverständnis seiner besten Tage aus. Tage, an denen sogar der FC Barcelona darüber nachdachte, Elvedi zu verpflichten. Mit Mönchengladbach hat Elvedi eine Saison hinter sich, die er selbst «mittelmässig» nennt, «auch das ist kein Geheimnis». Und er fügt an: «Die Hinrunde war eigentlich gut. Aber vor allem gegen den Schluss war es nicht mehr so das, was ich eigentlich kann.»
Nun ist es selten, dass im Verlauf eines gesamten Turniers die Innenverteidigung stets dieselbe bleibt. Alleine schon wegen möglichen Sperren. Fabian Schär kann ein Lied davon singen. Schon zweimal hat er deswegen einen Achtelfinal verpasst. Ebendieser Schär hat sich gegen Schottland auch noch das Nasenbein gebrochen. Es ist darum nicht ausgeschlossen, dass Elvedi plötzlich noch gebraucht wird. Er sagt: «Ich bin Profi genug, dass ich immer bereit bin. Und der Trainer weiss, dass er auf mich zählen kann.»
Bleibt Elvedi auch über diesen Sommer hinaus in Mönchengladbach, würde er in seine zehnte Saison bei der Borussia starten. Vermutlich würde ihm eine Luftveränderung durchaus guttun. Ein Transfer in die Premier League zu Wolverhampton kam im letzten Sommer knapp nicht zustande. Nein, es sind gerade nicht die einfachsten Tage für Elvedi. Aber man darf ihm zutrauen, dass er wieder aus dem Tief herausfindet.
Und warum Okafor bisher nicht als Joker eingesetzt wurde, weiss wieder mal nur Muri.