DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Vladimir Petkovic wird die Schweiz an der EM zum dritten Mal an einem grossen Turnier coachen.
Vladimir Petkovic wird die Schweiz an der EM zum dritten Mal an einem grossen Turnier coachen.
Bild: keystone
Interview

Vladimir Petkovic über EM-Gegner, seinen Spielstil und Lehren aus der Doppeladler-Affäre

Diese Woche gibt Nationaltrainer Vladimir Petkovic ein erstes Kader für die EM-Vorbereitung bekannt. Am 26. Mai beginnt für die Schweiz in Bad Ragaz das EM-Abenteuer. Im Interview mit «Keystone-SDA» spricht Petkovic über die Lehren aus der WM in Russland, seine Spielphilosophie und wie er sich persönlich in den knapp sieben Jahren als Nationaltrainer weiterentwickelt hat.
18.05.2021, 21:16

Vladimir Petkovic, in einer Woche startet das Vorbereitungscamp in Bad Ragaz. Sie dürfen 26 anstatt 23 Spieler an die EM mitnehmen. Vereinfacht das die Selektion?
Vladimir Petkovic:
Wir waren darauf vorbereitet, dass ich 26 Spieler mitnehmen darf, was die Sache zwar vorerst einfacher macht, dafür muss ich bei jedem Spiel drei mehr auf die Tribüne schicken. Trotzdem muss sich jeder in Bad Ragaz beweisen, das Leistungsprinzip zählt.

Wie schafft man es, dass nach der Vorbereitung körperlich alle auf dem gleichen Stand sind?
Wichtig war, dass wir bereits im Vorfeld mit individuellem Training versucht haben, den Formstand zu steuern. Einige kommen aus Verletzungen oder haben zu wenig gespielt. Dies kann aber auch ein Vorteil sein, weil diese Spieler noch hungriger sind.

«Die Doppeladler-Affäre hatte einen negativen Einfluss auf das Achtelfinale. Daraus müssen wir lernen.»
Vladimir Petkovic über Lehren aus der letzten WM

Sie leben in einer Blase, es wird noch weniger Möglichkeiten zur Ablenkung geben als sonst. Wie verhindert man einen Lagerkoller?
Aus diesem Grund geben wir dem Team nach Bad Ragaz und vor dem Abflug nach Baku zwei Tage frei, wobei ich den Spielern und dem Staff vertraue, dass sie möglichst wenig Leute treffen. Diese freien Tage sollen allen einen mentalen Schub geben, denn wir hoffen, dass wir danach nicht nur zwei Wochen, sondern länger zusammen sein werden. Dann sind auch Familienbesuche nicht mehr erlaubt. Ein Vorteil könnte sein, dass wir kein eigentliches Stammcamp haben und zwischen Baku und Rom pendeln. Das gibt zwar viele Reisekilometer, aber mehr Bewegung in die Gruppe, andere Bilder, andere Gedanken.​

Es ist Ihr drittes grosses Turnier. Was haben Sie für Lehren aus der EM 2016 und der WM 2018 gezogen?
Wir müssen in schwierigen Situationen besser reagieren, proaktiv sein, mögliche Konfliktsituationen vorhersehen, Probleme, die auftauchen, lösen, und dies auch im richtigen Moment kommunizieren. Damit schaffen wir es, unsere mentale Energie zu verbessern. Hinzu kommt, dass die Spieler ihre Freiheiten haben müssen; zusammen, aber auch jeder für sich alleine. Dies führt zu einer lockereren Stimmung. Eine EM allein bringt schon genug Anspannung mit sich. Deshalb ist es wichtig, entspannen zu können, trotzdem aber konzentriert und fokussiert zu bleiben.

Valon Behrami war einer der Spieler, der nach der WM 2018 nicht mehr in den Kader berufen wurde.
Valon Behrami war einer der Spieler, der nach der WM 2018 nicht mehr in den Kader berufen wurde.
Bild: KEYSTONE

Sie sprechen die Folgen der Doppeladler-Affäre in Russland an, als im Achtelfinal gegen Schweden die mentale Energie fehlte?
Ja. Diese hatte einen negativen Einfluss auf das Schweden-Spiel. In den Phasen, in denen wir besser waren, und in den letzten 20 Minuten fehlte etwas, um reagieren zu können, denn der letzte Biss kommt vom Kopf. Wir müssen in den Zustand kommen wie 2016 im EM-Achtelfinal gegen Polen – dann aber effizienter sein.

Nach der WM in Russland leiteten Sie einen Umbruch ein. Ist dieser abgeschlossen?
Es war eher ein Generationenwechsel, der zwei Jahre gedauert hat. Kleine Umbrüche finden fortlaufend statt, denn einen Konkurrenzkampf wird es und muss es immer geben. Es war ein Risiko, das ich selbstbewusst eingegangen bin, weil wir mit der Nations League einen Wettbewerb hatten, in dem man etwas ausprobieren konnte. Wir haben gezeigt, dass wir auf gutem Weg sind. Auch im letzten Jahr, als wir zwar keine Siege gefeiert, gegen grosse Mannschaften aber praktisch auch keine Niederlagen erlitten haben.​

«Wenn wir ins Pressing gehen, wollen wir den Ball und in den ersten Sekunden nach der Balleroberung ein Tor schiessen.»
Petkovic über seinen Spielstil
Am 26. Mai beginnt in Bad Ragaz die EM-Vorbereitung.
Am 26. Mai beginnt in Bad Ragaz die EM-Vorbereitung.
Bild: keystone

Die Mannschaft um die Generation der ehemaligen U17-Weltmeister ist gereift. Wenn, dann müsste ein Exploit nun bald folgen.
Wenn man so denkt, dann steht man nicht mit beiden Beinen auf dem Boden und zeigt keinen Respekt vor den Gegnern. Solche Gedanken machen sich auch Wales und die Türkei – und Italien sowieso. Sie alle sind überzeugt – vielleicht sogar noch mehr als wir – dass sie den Achtelfinal überstehen werden. Wir glauben an uns und wissen, dass unser Ziel, das Erreichen des Achtelfinals, realistisch ist. In einem solchen kommt es dann auch auf den Gegner an, gegen Spanien, Deutschland oder Frankreich wäre es nicht selbstverständlich weiterzukommen. Klar ist: Wir müssen hungrig bleiben bis am Schluss.

Zur Person
Vladimir Petkovic wurde am 1963 in Sarajevo geboren. Nach seinem Karriereende als Spieler startete er in Bellinzona seine Trainerkarriere. Petkovic trainierte unter anderem YB und Lazio Rom, bevor er 2014 die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld bei der Schweizer Nationalmannschaft übernahm. An seinen ersten beiden grossen Turnieren schaffte er es jeweils ins Achtelfinale. Der grösste Erfolg als Nati-Trainer gelang ihm mit dem Erreichen des «Final Fours» der Nations League 2019.

Sie übernahmen die Aufgabe im Sommer 2014 als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld. Wie haben Sie sich seither entwickelt?
Jeder Mensch sollte reifer und besser werden, wenn er regelmässig in den Spiegel schaut. Es war nicht alles gut bis jetzt, aber auch nicht alles schlecht. Man muss die richtigen Schlüsse ziehen. In diesem Bereich habe ich mich sicherlich verbessert. Ich habe auch die Menschen um mich herum besser kennengelernt: Spieler, Staff, aber auch die Journalisten. Ich denke, ich konnte mich in letzter Zeit auch besser verkaufen. Die Leute sehen mich nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite – und hoffentlich auch von hinten, also den kompletten Menschen «Vlado». Die Resultate haben mich noch selbstbewusster gemacht und in dem Weg bestätigt, den ich eingeschlagen habe.

Sie haben während Ihrer Karriere immer einen offensiven Spielstil mit viel Ballbesitz bevorzugt, obwohl die Tendenz bei vielen Trainern seit Jahren Richtung schnelles Umschaltspiel geht.
Das Ziel ist es, das Spiel zu kontrollieren und dominant zu sein. Der Spielstil hängt auch von den Spielertypen ab, die man zur Verfügung hat. Steuern kann man dies nur bedingt, denn man kann aus einem Spieler, der 32 km/h schnell ist, nicht plötzlich einen machen, der 35 km/h läuft. Wir haben viele Spieler, die sich Chancen erarbeiten und Tore machen, das ist eine Qualität von uns. Auch unser Spiel ist vertikaler geworden, auch wenn wir nicht diesen Typ von Spielern haben. Wenn wir ins Pressing gehen, machen wir dies nicht alibimässig. Dann wollen wir den Ball und in den ersten Sekunden nach der Balleroberung ein Tor schiessen.

Haris Seferovic soll auch an der EM für Tore sorgen.
Haris Seferovic soll auch an der EM für Tore sorgen.
Bild: keystone

Welche Trainer haben Sie in Ihrer Karriere geprägt?
Ich habe von vielen meiner Trainer etwas abgeschaut und mir aufgeschrieben. Hinzu kommen die eigenen Erfahrungen. Mir imponierte die Effektivität der Mannschaften von Fabio Capello oder das schöne Spiel von Arsenal unter Arsène Wenger. Man muss seine Prinzipien haben und daraus den eigenen Spielstil entwickeln, adaptiert an die Spieler, die man zur Verfügung hat, und den Gegner. Aktuelle Entwicklungen versucht man in das eigene Team einzubauen. Die Tendenz geht in Richtung schnelles Umschalten, aber angepasst an die eigenen Spieler. Liverpool hat das vor zwei Jahren sehr gut gemacht oder jetzt Manchester City.​

Als Nationaltrainer ist die Auswahl der Spieler beschränkt.
Deswegen ist auch die menschliche Seite sehr wichtig. Ich muss die Mimik eines Spielers erkennen können und wissen, wann eine Handbewegung wie gedeutet wird. Den Spielern muss man auch Freiheiten geben. Sie sollen ihre eigenen Ideen einbringen können, denn bei ihren Klubs sind sie unter Stress. Ich bin zufrieden, wenn ich sehe, dass sie gerne zu uns kommen. Diese Atmosphäre versuche ich zu pflegen, denn sie macht das Ganze einfacher.

Als Nationaltrainer sind Sie bei Spielen oder Endrunden enorm im Fokus. Wie gehen Sie damit um?
Man muss täglich Erholungsphasen einbauen, auftauchende Probleme antizipieren und einen Plan haben, wie man auf solche reagieren kann, nicht so wie in Russland. Ich – und wir alle – müssen ein gutes Gleichgewicht finden zwischen Erholung und Konzentration.

«Wir sind nicht so gross, dass wir jemals eine Mannschaft unterschätzen können.»
Der Nati-Trainer über die EM-Gegner.

Wie erholen Sie sich?
Ich lese, beschäftige micht mit meinem Tablet oder spiele Tischtennis mit dem Staff. Oft machen wir am Abend, wenn alle schlafen gehen, ein Turnier, bei dem wir ins Schwitzen kommen und danach duschen gehen müssen. Eine solche Abwechslung tut gut.

Vladimir Petkovic hat grossen Respekt vor den EM-Gegnern – vor allem vor Italien mit Ciro Immobile (2.v.l.) & Co.
Vladimir Petkovic hat grossen Respekt vor den EM-Gegnern – vor allem vor Italien mit Ciro Immobile (2.v.l.) & Co.
Bild: keystone

Was lesen Sie?
Meistens Sport- oder Motivationsbücher. Solche der klassischen amerikanische Schule, aber auch solche, die Fussball oder andere Sportarten spezifisch thematisieren. Die eine oder andere, auch unkonventionelle Idee kann man herausnehmen und als Überraschungsmoment einmal einbauen.

Sie sind mit bald drei Endrunden-Teilnahmen und der Qualifikation für das Final Four der Nations League der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer. Werden Ihre Leistungen und diejenigen der Mannschaft manchmal zu wenig wertgeschätzt?
In letzter Zeit haben wir auch in der Schweiz diese Wertschätzung gekriegt, was nicht selbstverständlich ist, da wir von September bis November nie gewonnen und deswegen Angriffsfläche geboten haben. Trotzdem haben die Leute gesehen, dass wir etwas Positives gemacht haben. Auch die Medien, die Öffentlichkeit und Leute, die ich treffe, haben das registriert und unterstützen uns in dem, was wir tun. Das ist positiv. Negativ wäre, wenn man von einem Viertelfinal als Pflicht zu reden beginnt – ohne zu wissen, was vom Gegner kommt, oder aus Mangel an Respekt. Man muss nur schauen, wie die Türkei im März gespielt oder was Wales für Spieler hat – von Italien spreche ich schon gar nicht. Wir sind nicht so gross, dass wir jemals eine Mannschaft unterschätzen können.

Die Spiele der Schweizer an der EURO 2020
12. Juni, 15:00 Uhr: Schweiz – Wales, Baku
16. Juni, 21:00 Uhr: Schweiz – Italien, Rom
20. Juni, 18:00 Uhr: Schweiz – Türkei, Baku

(nih/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So sehen die Bilder des «Tschutti Heftli» für die EM 2020 aus

1 / 23
So sehen die Bilder des «Tschutti Heftli» für die EM 2020 aus
quelle: tschutti heftli / tschutti heftli
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Ein wahrer Kommentator eskaliert auch ohne Fussball

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Emotionaler Appell von Trainer Petkovic: «Wir brauchen die Solidarität von Euch allen»

Die Schweizer Nati musste in den letzten Tagen viel Kritik einstecken. Nun appelliert Trainer Vladimir Petkovic in einem offenen Brief an die Unterstützung der Bevölkerung.

Liebe Schweizerinnen und Schweizer

Wir wollten Euch eine magische Nacht schenken. Euch stolz machen auf uns und auf unsere Schweiz. Wir wollten Euch nach den vielen Entbehrungen der langen Zeit der Pandemie glücklich machen mit einem Sieg gegen Italien. So vieles hatten wir uns dafür vorgenommen. Zu viel vielleicht. Und am Schluss blieb nichts als Enttäuschung. Für Euch, für uns und für viertausend Schweizerinnen und Schweizer, die nach Rom gereist sind. Das tut uns von Herzen leid.

Seit dem 26. …

Artikel lesen
Link zum Artikel