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Christian Fassnacht ist derzeit ein vielleicht besserer Fussballer als je zuvor.
Christian Fassnacht ist derzeit ein vielleicht besserer Fussballer als je zuvor.Bild: keystone
Interview

YB-Fassnacht: «Dort, wo ich war, ist es eigentlich unmöglich, noch nach oben zu kommen»

Christian Fassnacht ist der aussergewöhnlichste Fussballer der Schweiz. Der Mittelfeldspieler wundert sich selbst, wie viele Widerstände er überwinden musste. Im Gespräch über den Weg vom Amateurfussball in die Champions League hinterfragt der YB-Spieler auch die Gesellschaft.
20.10.2021, 14:03
Etienne Wuillemin / CH Media

Sein Weg ist aussergewöhnlich. Mit 14 Jahren muss Christian Fassnacht den FC Zürich verlassen. Das Urteil: Es reicht nicht für den Profifussball. Aufgeben kommt aber nicht in Frage. Bis 20 spielt er mit grösster Freude im Amateurfussball.

Via Thalwil und Tuggen kommt er doch noch in die Challenge League zu Winterthur. In Thun gelingt mit 23 der Durchbruch, der Transfer zu YB ein Jahr später ist der Lohn. Dort reift Fassnacht zum dominierenden Spieler der Super League, gewinnt vier Meistertitel. Und ist nun, mit 27, regelmässiger Nationalspieler. Heute Abend trifft er mit YB in der Champions League auf Villarreal.

Wer an Christian Fassnacht denkt, kommt zum Schluss: ein atypischer Fussballer. Einer, wie es ihn nur noch selten gibt. Einverstanden?
Christian Fassnacht:
Da stimme ich zu (lacht). Zu einem grossen Teil jedenfalls. Wobei Leute, die mich von aussen sehen, schon sagen würden: Der passt ins Klischee des Fussballers. Aber wer mich näher kennen lernt, merkt schnell, dass ich anders bin.

Warum?
Entscheidend ist, dass ich den Fussball anders erlebt habe als viele andere in jungen Jahren. Von 14 bis 20, als ich im Amateurbereich spielte. Da, wo du nach einem Match beisammensitzt, ein Bier trinkst und eine Wurst isst. Da, wo jeder nur wegen des Fussballs ist. Nicht, weil es dein Beruf ist oder es mal werden muss. Gestandene Männer und junge Burschen, die Freude haben und sich Zeit für den Fussball nehmen. Da ist niemand dabei, der gehätschelt wird. Keiner, für den geschaut wird, dass ihm ja nichts passiert. Keiner, bei dem es nur darum geht, einmal zu den Allerbesten zu gehören.

In der U15 beim FC Zürich sind Sie …
… sagen wir, wie es war: rausgeflogen!

Darum führte Ihr Weg erst spät in den Profifussball. Haben Sie immer daran geglaubt, dass es noch klappen wird?
An mich selbst habe ich immer geglaubt. Aber im Rückblick war es schon eine harte Zeit. Auf wie viel Widerstand ich gestossen bin – auch im engsten Freundeskreis. Ich hörte Sätze wie: «Was willst du noch Fussball spielen, es reicht sowieso nicht! Komm lieber mit uns ins Nachtleben.»

Stehen Ihre Freunde auch heute zu den Worten?
Absolut (lacht). Sie sind auch immer noch meine besten Freunde, und wenn sie nun im Stadion sitzen bei einem Champions-League-Spiel, dann sind sie happy und megastolz. Ich verstehe sie ja auch. Ich frage mich manchmal, woher ich diesen Biss hatte. Schaue ich auf den Weg, den einer gehen muss, um Profi zu werden, dann denke ich: Dort, wo ich war, ist es eigentlich unmöglich, noch nach oben zu kommen. Es schaute mir ja gar niemand zu. Aber irgendetwas hat mich angetrieben.

Was war es? Kommen Sie aus einer klassischen Fussball-Familie?
Mein Grossvater hat in der NLB für Schaffhausen gespielt. Aber mein Papi war nicht speziell fussballbegeistert …

… und hat Sie gepusht, indem er sagte: Training, Training, Training!
Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern sagten: «Tu, was dir Spass macht». Bis 14 habe ich parallel zum Fussball auch Tennis gespielt. Dann habe ich mich einfach so entschieden, weil sich gerade die Möglichkeit beim FCZ ergab.

15 Länderspiele, vier Tore: Christian Fassnacht überzeugt auch in der Nati.
15 Länderspiele, vier Tore: Christian Fassnacht überzeugt auch in der Nati.Bild: keystone

Als es beim FCZ nicht mehr weiterging, wie gelang es Ihnen, trotzdem dranzubleiben?
Der wichtigste Schritt war in der Lehre. Ich absolvierte eine private Sportschule. Darauf aufmerksam wurden wir durch einen Flyer auf unserem Auto. Diese Schule konnte ich parallel zur KV-Ausbildung absolvieren. Und so he­rausfinden, ob sich beim «Tschutten» noch etwas ergibt.

Und wann merkten Sie, dass es tatsächlich funktionieren könnte?
Das war beim FC Tuggen in der Promotion League. Einmal spielten wir in Basel gegen die Old Boys, und für diese Partie reisten Andres Gerber und Murat Yakin, damals Sportchef und Trainer des FC Thun, an. Ich wusste: Okay, sie sind extra wegen mir hier. Da realisierte ich: Vielleicht könnte irgendwie ja noch etwas gehen. Damals war ich 21. Mein nächster Schritt war dann zwar Winterthur und die Challenge League, doch dann folgte der Wechsel zu Thun.

Wer solch einen Weg hinter sich hat, wird eine umso grössere Genugtuung verspüren, wenn er sich vor Augen führt: vierfacher Meister mit YB, nun zum zweiten Mal in der Champions League und im Nationalteam mittlerweile zum Stamm gehörend?
In der Tat. Wenn ich zurückdenke an meinen Traum, Profi zu werden, dann meinte ich damit: Vielleicht einmal in der Challenge League spielen, oder es ­irgendwie in die Super League schaffen. Es gibt ja einige Beispiele für Spieler, die kommen aus der Challenge League ins Oberhaus, halten sich vielleicht zwei Jahre, verschwinden dann aber wieder, weil es halt doch nicht für mehr reicht. Dass ich nun diese Jahre mit YB erleben darf, ist mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte.

«Man of the match» beim legendären 2:1-Sieg von YB gegen Manchester United vor fünf Wochen.

Denken Sie manchmal: Schade, bin ich nicht zwei, drei Jahre jünger, dann wäre noch viel mehr möglich?
Diese Gedanken kommen manchmal tatsächlich im selben Atemzug. Wenn ich von «Genugtuung» rede und im gleichen Moment «aber» denke. Und daran, dass ich auch selbst gerne hätte, dass noch mehr möglich wäre. Nicht, weil ich früher davon geträumt hätte, im Ausland zu spielen, sondern weil dieses Denken mit der Zeit gekommen ist.

«Wann geht Fassnacht ins Ausland?» – nervt Sie diese Frage?
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Aber ich habe tatsächlich schon einfachere Sommer erlebt als die letzten zwei. Ich wusste einfach nie, was passiert. Es wird viel geredet, geschrieben, es gibt Anfragen von Vereinen, hier noch ein Telefon, da noch eines. Dabei wollte ich mich einfach auf etwas einstellen. Meine Freundin arbeitet hier, bei einem Wechsel wäre es schön, wenn sie auch mitkommen könnte. Und gleichzeitig spüre ich, wie alle von mir erwarten, dass ich gehe. Und wenn es nicht passiert, kriege ich gefühlt noch hundert Nachrichten: «Warum bist du noch da?» oder: «Was hast du falsch gemacht?».

Wie schwierig ist das für Sie?
Man kann es ja auch drehen. Ich habe mittlerweile mit vielen Spielern zu tun, die im Ausland engagiert sind, ehemalige Teamkollegen oder auch in der Nati. Da merke ich jeweils, wie viele glücklich sind im Ausland. Und wie schön ich es hier bei YB habe. Logisch, der Erfolg hilft. Trotzdem frage ich mich: Warum erwarten die Leute stets, dass es einen nächsten Schritt braucht?

Was glauben Sie?
Unsere Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, immer mehr zu wollen. Nicht nur beim Fussball. Wenn ich auf mein privates Umfeld blicke, sehe ich beim Thema Arbeit: Jeder will immer nach mehr streben. Lieber fünf Stunden pro Woche mehr und dafür noch einen Hunderter kassieren und die Abstriche bei der Freizeit in Kauf nehmen. Wa­rum strebt man immer nach mehr? ­Warum soll ich ins Ausland, verliere meine Kollegen, sehe meine Familie nicht mehr regelmässig – nur damit ich sagen kann: «Ich war im Ausland!» Ist es das wert? Warum kann man sich nicht eingestehen: Ich bin zufrieden, ich bin glücklich, ich mache mein Ding! Das stimmt schon nachdenklich.

Täuscht der Eindruck, oder spielen Sie im gewohnten YB-Umfeld mit einem grösseren Selbstverständnis als im Nationalteam?
Ich bin ein Mensch, der ein vertrautes Umfeld braucht. Ich schliesse auch nicht gerne neue Freundschaften (lacht). Ruhe und Vertrauen tun mir gut. Das wissen auch alle Trainer, die mit mir zusammengearbeitet haben. Ich brauche eher mal noch ein zusätzliches Gespräch, aber auf einer ruhigen Basis, er muss mich nicht im Training anschreien, sonst mache ich fast kon­traproduktiv das Gegenteil. Ich muss meine Mitmenschen spüren. Das ist vielleicht ein Unterschied zwischen YB und der Nati. Heute fühle ich mich sehr wohl, aber es war schon so, dass ich die ersten ein, zwei Jahre keine grosse Bindung hatte. Vielleicht ist das eine Schwäche von mir, manchmal wäre ich lieber wie andere, die sagen können: Ist mir egal, ich mache einfach mein Ding. Aber ich funktioniere einfach nicht so.

Seit Sommer heisst der Nationaltrainer Murat Yakin: Haben Sie das Gefühl, mehr reingewachsen zu sein in die Nati?
Ja. Vor allem: Er spricht mit mir. Und tauscht sich mit mir aus, auch wenn es nur kleine Dinge sind. Nun weiss ich, was wird erwartet von mir und was ich bringen muss. Früher fühlte ich mich manchmal schon wie ein Fremdkörper.

Noch einmal zurück zur Champions League: Das Spiel gegen Atalanta verpassten Sie wegen einer Hirnerschütterung. Haben Sie es am TV gesehen?
Ja, ich hatte Glück, nach zwei, drei Tagen fühlte sich mein Kopf wieder ganz normal an. Beim ersten Mal rausgehen nach dem Zusammenprall konnte mein Gehirn noch nicht mithalten, alles war etwas verschwommen. Aber glücklicherweise ging es danach rapide aufwärts.

YB verlor bei Atalanta Bergamo 0:1 – Ihr Fazit?
Ich denke, es wäre mehr drin gelegen. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo wir uns auch auswärts nicht mehr verstecken müssen. Nun haben wir gegen Villarreal wieder eine Möglichkeit, es besser zu machen.

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