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Weltumseglerin Justine Mettraux über ihren Rekord bei der Vendée Globe

Skipper Justine Mettraux of Switzerland celebrates after crossing the finish line with her IMOCA Teamwork-Team Snef during the Vendee Globe round-the-world solo sailing race, in Les Sables-d'Olon ...
«Justine la machine» bei ihrer Ankunft.Bild: keystone
Interview

Weltumseglerin Justine Mettraux: «Die letzte Woche war die härteste»

Justine Mettraux ist wieder an Land. Als Achte hat sie am Samstag das härteste Segelrennen der Welt beendet und ist als erste Frau im französischen Les Sables-d'Olonne angekommen. Wenige Tage nach der Vendée Globe spricht die Genferin über das Rennen.
29.01.2025, 17:14
Melinda Hochegger / ch media
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Weltrekord, die beste Frau, die erste Schweizerin: Justine Mettraux schrieb mit ihrer Teilnahme an der Vendée Globe gleich mehrfach Geschichte. Die 38-jährige Genferin startete am 10. November 2024 in das härteste Segelrennen der Welt, am Samstag – nach 76 Tagen, einer Stunde, 36 Minuten und 52 Sekunden – überquerte sie als insgesamt Achte endlich die Ziellinie.

Beim «grössten Abenteuer ihres Lebens» trotzte Mettraux nicht nur Wind und Wetter, sondern segelte schneller, als es jede Frau vor ihr getan hatte. Nun, zurück in Les Sables-d'Olonne, hat sich Mettraux Zeit genommen, um mit CH Media auf die vergangenen Wochen zurückzublicken.

Justine Mettraux, herzliche Gratulation! Wie geht es Ihnen?
Justine Mettraux: Mir geht es gut, danke! Ich bin natürlich noch etwas müde, aber ich freue mich sehr, wieder an Land zu sein. Wenn man an der Vendée Globe teilnimmt, dann ist es das grösste Ziel, das Rennen zu beenden. Das habe ich geschafft, und das macht mich glücklich.

Sie haben es nicht nur beendet, Sie sind die schnellste Frau aller Zeiten. Und das bei Ihrer ersten Teilnahme. Haben Sie mit einem solchen Resultat gerechnet?
Die Anzahl von Teilnahmen spielt nicht zwingend eine Rolle. Es haben schon Segler bei ihrem ersten Mal gewonnen. Was mich betrifft ... Ich habe mir schon gedacht, dass ich vorne mitsegeln kann. Denn in anderen Rennen war ich immer in den Top 10 und auch oft eine der besten Frauen. Ich wäre schon etwas enttäuscht gewesen, hätte ich das in diesem Rennen nicht erreicht.

Wirklich, auch wenn für die meisten einfach nur ankommen das Ziel ist?
Ich war während des ganzen Rennens immer etwa auf derselben Position, immer in den Top 10. Aber gerade gegen das Ende hin gab es viele Stürme. Hätte mich da noch jemand überholt, wäre das hart gewesen.

Stürme und die Angst, überholt zu werden: Das klingt nicht, als hätten Sie die letzten Tage geniessen können?
Es war wirklich ein Kampf. Eben, die vielen Stürme ... Die letzte Woche waren es durchgehend harte Bedingungen. Dadurch wird es unmöglich, schön zu segeln oder zu geniessen. Hinzu kommt natürlich die Müdigkeit, man will endlich ankommen.

War das wirkliche Ankommen dafür umso schöner?
Definitiv. Meine zwei Schwestern zum Beispiel haben im Ziel schon auf mich gewartet. Ich konnte sie sofort sehen, das war wirklich schön. Aber ansonsten war es ein sehr durchgetaktetes Ankommen.

Durchgetaktet?
Es ist alles sehr genau geplant, man durchläuft ein bestimmtes Prozedere. Nach dem Überqueren der Ziellinie fährt man durch den Kanal. Dann geht man an eine Pressekonferenz. Erst danach hatte ich Zeit, um etwas zu essen und zu duschen. Auch der Schlaf ist bisher noch etwas zu kurz gekommen.

Die Ankunft im Video.Video: YouTube/Vendée Globe

Was haben Sie sich für Ihre erste Mahlzeit an Land ausgesucht?
Einen Hamburger und einen Salat. (Lacht.) Also recht simpel. Aber es sind solche Dinge, vor allem auch frisches Essen, das man am meisten vermisst.

Hatten Sie bei einem so dichten Zeitplan überhaupt schon Zeit, um zu realisieren, was Sie erreicht haben?
Ehrlich gesagt nicht. Ich glaube, ich muss erst einmal viel Schlaf nachholen und das Rennen mit meinem Team analysieren, bevor ich alles realisieren und mit dem Rennen abschliessen kann.

Wenn Sie zurückdenken: Was war das Schönste, das Sie erlebt haben?
Oh, das ist schwierig zu sagen. Es gab nicht ein schönstes Erlebnis. Es waren vielmehr kleine Dinge, wie schöne Segelkonditionen, Sonnenauf- oder -untergänge.

Spectators celebrate for skipper Justine Mettraux of Switzerland as she passes through the channel aboard her IMOCA Teamwork-Team Snef after crossing the finish line during the Vendee Globe round-the- ...
Fan-Botschaft in Les Sables-d'Olonne.Bild: keystone

Und was war das Härteste?
Die letzte Woche. Wenn es eben keine solcher schönen Momente gibt, es einfach nur anstrengend ist. Dann fragt man sich schon, wieso man sich das Ganze eigentlich antut.

Das klingt fast danach, als würden Sie die Teilnahme ein Stück weit bereuen?
Bereuen dann doch nicht. Normalerweise gab es immer wieder schöne Momente, für die es sich gelohnt hat. Aber ich dachte, dass ich mental etwas stärker bin, als ich es dann im Endeffekt war.

Inwiefern?
Wenn die Konditionen lange rau waren. Dann hatte ich Mühe, die Motivation zu behalten. Da dachte ich wirklich, dass ich stärker bin, dass mich das nicht so mitnimmt. Ich habe aber auch daraus gelernt. Ich kenne mein Boot und mich selbst nun besser.

Was hat geholfen, diese Motivationstiefs zu überwinden?
Kleine Geschenke, Souvenirs, die ich von meiner Familie und meinen Freunden dabei hatte. Oder auch Bilder, die sie mir mitgegeben haben. Zudem habe ich mit meinen Schwestern gesprochen. Das alles hat mich dann schnell wieder motiviert, weiterzumachen.

Sie sind auf Ihrer Reise auch am Point Nemo vorbeigekommen. Da waren Sie näher an Personen in der Internationalen Raumstation als an Menschen an Land. Wie war dieses Gefühl?
Es war sehr speziell. Ich habe mich extrem unabhängig und abgelegen von allem gefühlt. Aber ich hatte zu dieser Zeit einige andere Segler um mich herum. Ganz alleine und näher an Astronauten war ich also nicht. Und die anderen Segler zu sehen, hat natürlich auch mich gepusht, weiterzumachen und die bestmögliche Leistung aus mir herauszuholen.

Gibt es etwas, von dem Sie jedem erzählen werden, wenn Sie über die Vendée Globe sprechen?
Zum einen sicher der Verlust meines Vorsegels. Zum anderen … das ist schwierig zu sagen. Um ehrlich zu sein: Man vergisst vieles schnell wieder, wegen des Stresses und der Müdigkeit. Wenn ich etwas mehr Abstand zu meinem Rennen und meiner Leistung gewinne, werde ich aber sicher viele Erinnerungen haben, von denen ich gerne erzähle.

Skipper Justine Mettraux of Switzerland reacts with flairs as she passes through the channel aboard her IMOCA Teamwork-Team Snef after crossing the finish line during the Vendee Globe round-the-world  ...
Beim Segeln ist Pyro erlaubt.Bild: keystone

Sie haben mir nach Ihrem ersten Monat erzählt, wie Sie das kaputte Segel an Deck geholt haben. Hätten Sie es seither jemals wirklich gebraucht?
Nein, ich hatte Glück. Teilweise hätte man es sicher brauchen können, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich sehr viel besser segeln würde, wenn ich mein J0 (das grosse Vorsegel; Anm. d. Red.) noch gehabt hätte.

Alan Roura hat nach einer seiner Teilnahmen gesagt, dass Kaffee das Wichtigste für ihn war. Für Sie auch?
(Lacht.) Ich trinke an Bord keinen Kaffee. Ich habe eigentlich nur Wasser getrunken. Als es im Süden kälter wurde, habe ich ausserdem viel Tee gekocht, denn dann will man nicht auch noch etwas Kaltes trinken.

Und wie viel haben Sie pro Tag geschlafen?
Also vorgenommen hatte ich mir fünf Stunden, natürlich nicht am Stück. Ich glaube aber, dass ich weniger geschlafen habe. Diese Daten habe ich mit einer Uhr getrackt. Ich bin schon gespannt, was die Auswertung ergibt.

Also, ich fasse zusammen: Keinen Kaffee und weniger als fünf Stunden Schlaf pro Tag: Wie konnten Sie wach bleiben?
Durchhalten. (Lacht.) Ich habe mich mit Essen oder Analysen mit meinem Team an Land von der Müdigkeit abgelenkt. Das Problem bei Kaffee ist, dass er aufputscht. Nach diesem Aufputschen bricht man aber ein und ist oft noch müder als zuvor. Das kann ich an Bord nicht gebrauchen.

Zurück zu der Vendée Globe selbst. Viele Seglerinnen und Segler nehmen mehrmals teil. Werden Sie auch eine davon sein?
Puh, das ist eine schwierige Frage. Das kann ich so noch nicht beantworten. Ich schliesse es sicher nicht aus, aber ein solches Rennen benötigt viel Vorbereitung. Es gibt viele Qualifikationsrennen, die man bestreiten muss, und es raubt enorm viel Energie. Der Fokus und der Wille müssen beim Skipper zu 100 Prozent vorhanden sein. Ich werde es mir sicher gut überlegen, bevor ich erneut teilnehme.

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