Ex-Star Bruno Kernen: «Männer-Rennen schaue ich auf SRF, jene der Frauen nicht»
Bruno Kernen, welches ist die schönste Passage der Lauberhorn-Abfahrt?
Bruno Kernen: Die Kurve vor dem Hundschopf in einem Zug fahren, der weite Satz, beim nächsten Sprung über die Minschkante mit dem rechten Fuss abspringen, in der Luft die Ski drehen und auf dem linken Fuss landen – traumhaft.
Wir haben mit dem Kernen-S gerechnet.
Das habe ich mir gedacht (lacht). Aber Sie haben mich nach der schönsten Passage gefragt.
Was bedeutet Ihnen das Kernen-S?
1997 hatten wir bereits taillierte Skis und ich dachte mir: Ich verschenke doch nicht Weg und Zeit mit einem Gegenschwung. Im Training bin ich mit der direkten Variante zwei Mal Bestzeit gefahren, im Rennen hat es mich brutal verschlagen.
Fühlen Sie sich geehrt, dass ein Streckenabschnitt nach Ihnen benannt ist?
In Wengen ist meines Wissens jeder Fahrer, nach dem eine Passage benannt ist, an der entsprechenden Stelle gestürzt. Mit Ausnahme des Russi-Sprungs. Aber ja, ich fühle mich geehrt.
Tönt brutal, das mit den Stürzen.
OK-Präsident Urs Näpflin wurde nach dem Rücktritt von Beat Feuz gefragt, ob nun auch ein Streckenabschnitt nach ihm benannt würde. Die Antwort: Nein, er ist ja nie gestürzt …
2003, sechs Jahre nach dem schweren Unfall, haben Sie am Lauberhorn gewonnen. Welche Bedeutung hatte das für Sie?
Drei Wochen nach dem Sturz 1997 wurde ich in Sestrière Abfahrtsweltmeister. Ab dann musste ich schnell fahren, vorher durfte ich. Die heutigen Schweizer Athleten haben damit scheinbar keine Probleme, mir bereitete dieser Druck Mühe. Ich konnte nicht abliefern – und mit jedem Rennen wurde es schlimmer. Jeden Sommer quälte ich mich in der Vorbereitung noch mehr und schwor mir: Denen zeige ich es jetzt! Irgendwann fragte ich mich, ob mein Weltmeistertitel nur Zufall war.
Warum ist nie jemand auf Sie zugegangen und hat gesagt: Bruno Kernen, Sie müssen nicht ihr Skifahren verbessern, Sie müssen Ihren Kopf trainieren!
Mit jedem Rennen wurden die Ratschläge von aussen kreativer. Zwar gut gemeint, aber ich beschäftigte mich 24 Stunden am Tag damit, was ich besser machen kann. Natürlich wusste ich, dass der Kopf eine entscheidende Rolle spielt, aber ich habe zuerst versucht an jedem andern Rädchen zu drehen.
Nochmals: Warum haben Sie nicht Hilfe bei einem Mentaltrainer geholt?
Die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City waren mein persönlicher Tiefpunkt, das einzige Mal in meiner Karriere schaffte ich die interne Qualifikation für das Abfahrtsrennen nicht. Ich bin dann früher zurück ins olympische Dorf und traf im McDonald’s auf Simon Ammann. Der war natürlich blendend drauf als frischgebackener Doppel-Olympiasieger. Plötzlich stand ein Herr am Tisch und stellte sich als Hanspeter Gubelmann vor, Sportpsychologe von Simon Ammann. Ich schaute ihn an und sagte nur: Dich schickt der Himmel!
Wie ging es weiter?
Er gab mir sein Kärtchen, im Frühling habe ich ihn angerufen und ab da haben wir uns regelmässig getroffen. Das Erste, was er mir sagte, war: Denken macht langsam.
Karl Frehsner sagte einst: «Der Kernen hat mindestens genauso viel Talent wie Pirmin Zurbriggen.» Bedauern Sie, nicht früher mentale Hilfe beansprucht zu haben?
Ich bin längst darüber hinweg, etwas zu bedauern. Es war eine Karriere mit superschönen, aber auch mit schwierigen Momenten. Und mit nicht ganz einfachen Voraussetzungen: Wenn ich in einem Rennen die Amerikaner Miller und Rahlves, den Italiener Ghedina und den Franzosen Alphand hinter mir liess, standen immer noch zehn Österreicher am Start, die schon Rennen gewonnen haben. Heute hat Österreich mit Vincent Kriechmayr noch genau einen Siegfahrer.
Trotz der starken Konkurrenz war ein Top-10-Platz nicht gut genug.
Als wir nach der miserablen WM 2005 von den Journalisten an den Pranger gestellt wurden, sagte ich irgendwann: Ich bin es satt, ständig den Kopf hinzuhalten für Fehler, die vor 20 Jahren begangen wurden. In den 80er-Jahren war die Schweiz Skination Nummer 1, aber denken Sie, damals hat sich jemand in der Verbandsspitze ernsthaft um den Nachwuchs gekümmert?
Sie fragten sich, ob der WM-Titel 1997 nur Zufall war. Lieferte der Sieg am Lauberhorn 2003 die Antwort?
Fakt ist: Ich bin rund 80 Mal in die Top 10 gefahren. Klar, 80 Mal aufs Podium wäre mir lieber gewesen. Zu Ihrer Frage: Ich kann bis heute keine abschliessende Antwort geben. Aber irgendwann, schon vor dem Wengen-Sieg, habe ich mir die Frage nicht mehr gestellt. Vielmehr hat sich damals Wut aufgebaut, vor allem gegen den Schreiber einer gewissen Zeitung. Ich lag nachts im Bett und schwor mir: Dem zeige ich es! Als ich dann mit Bestzeit in Wengen ins Ziel kam, spürte ich pure Freude, keine Genugtuung. Die Kritiker mussten sowieso die Köpfe einziehen. Und spätestens, als 2006 mit Bronze in Turin auch der Traum von der olympischen Medaille in Erfüllung ging, war ich mit mir im Reinen. Ab da konnte ich das Skifahren erst geniessen. Im Erfolg den Beruf gerne machen ist einfach, die Kunst ist es, ihn auch in schwierigen Zeiten zu mögen.
Nach seinem Rücktritt 2007 arbeitete er als Kamerafahrer für SRF, übernahm mit Urs Lehmann eine Berater-Agentur, später ein Onlinemedium, stieg danach als Key-Account-Manager in der Pharma ein und ist heute Geschäftsführer der Wachsfirma Toko. Kernen ist geschieden, hat einen 18-jährigen Sohn und wohnt am oberen Zürichsee.
Wer war dieser Journalist?
Der Name spielt keine Rolle. Aber dieser Journalist hat mir im Jahr nach meinem WM Titel sogar gedroht. Ich bin in den USA gestürzt, habe mir einen kleinen Riss im Meniskus geholt, bin nach der Landung in Zürich direkt ins Krankenhaus und habe mich einer Arthroskopie unterzogen. Am Nachmittag, nach dem Eingriff, ich war bereits wieder auf dem Ergometer, rief er mich an und drohte: Wenn du nun wegen dieser Verletzung die Saison hinschmeisst, mache ich dich zur Sau!
Sie hatten schillernde Konkurrenten. Hermann Maier, Bode Miller, Kristian Ghedina und andere. Wer war der Verrückteste?
Schwierig. Ich würde sagen Maier und Miller gleichermassen.
Waren Sie mit denen im Ausgang?
Nicht regelmässig. Ich erinnere mich an 2006, als wir in Sestriere in die Disco Tabata gingen, um meine Bronzemedaille zu feiern. Bode Miller war schon da, in einem abgesperrten Bereich. Eine bombastische Brünette im linken Arm, eine bombastische Blondine im rechten Arm. Bombastisch nicht nur auf die Frisuren bezogen. Vor ihm je ein Kübel mit einer Flasche Whiskey, Rum, Gin und Wodka drin – alle leer und umgedreht. Und das alles 36 Stunden vor dem Olympia-Riesenslalom. Ich ging zu Bode und rief ihm zu: «Ich kenne niemanden hier, der besser Skifahren kann als du. Aber mir scheint, als wolltest du mit aller Gewalt einen Medaillengewinn verhindern.» Seine Antwort: «Bruno – du hättest viel mehr Erfolg, wenn du ein bisschen lockerer wärst.» Ich wiederum: «Wenn ich in den Ausgang gehe wie du, muss ich am nächsten Tag gewinnen. Sonst werden mir von den Medien die Eier abgesägt!»
Stimmte wohl.
Bode Miller hat längst nicht alles gewonnen, auch er ist ab und zu im Schilf gefahren. Aber er war Amerikaner, einer von Aussen. In seiner Heimat interessierte sich – pardon – niemand für ihn. Und in Europa war er ein Held wegen seiner Lockerheit.
Wie war Hermann Maier?
Ein Mann der Extreme. Erst extrem trainiert, dann extrem Gas gegeben im Ausgang. Einmal sassen in Nordamerika alle Fahrer in einem Charterflugzeug, oder in einem Bus – ich weiss es nicht mehr – als es hiess: Wir warten, Hermann Maier und Andreas Schifferer fehlen. Später kam raus, dass die beiden im Knast sassen, weil sie am Abend zuvor einen Saloon auseinandergenommen haben. Wir warteten. Und als sie kamen, gab es tosenden Applaus.
Zurück zu schönen Frauen an der Seite von Skistars. Sie selbst posierten mal mit Top-Model Cindy Crawford.
Ja.
Haben Sie mit ihr auch eine Whiskey-Flasche geteilt?
Nein. Das war an der Eröffnung von Planet Hollywood in Zürich. Und Arnold war auch da.
Arnold Schwarzenegger?
Ja. Das war 1997. Damals gab es einen Fussballer namens Ramon Vega. Zusammen mit ein paar anderen machten wir uns darüber lustig, wie er Cindy Crawford angebaggert hat.
Der 24-jährige Mann aus dem Berner Oberland findet sich plötzlich im illustren Kreis von Weltstars wieder: gewöhnungsbedürftig?
Es war zwar nicht immer einfach, den Fokus zu behalten und sich nichts auf den Ruhm einzubilden. Aber wenn du zwei Tage später um 5 Uhr aufstehst, um möglichst früh auf dem Gletscher zu trainieren, bist du wieder im Element.
Dann ist Cindy Crawford weit weg?
Ja. Obwohl: Cindy sah in live noch viel besser aus als auf Bildern. Ich erinnere mich, wie sie mich fragte: «Bruno, don’t we know each other?» Ich sagte ihr: «Glaub mir, wenn wir uns schon mal begegnet wären, hätte ich das nie vergessen.»
Verdienen die Skifahrer von heute besser als zu ihrer Zeit?
Ich weiss nicht, was sie heute verdienen.
Bei Odermatt spricht man von gegen fünf Millionen pro Jahr.
Wenn man zu meiner Zeit ähnlich erfolgreich gewesen ist, kam man auch auf etwa diesen Betrag. Früher bezahlten die Skifirmen etwas mehr. Heute kann man dafür mehr Werbeflächen auf dem Anzug vermarkten. Und die Trinkflaschen halten sie auch alle sehr gut sichtbar in die Kamera.
Im Unterschied zu ihrer Zeit ist die Schweiz Skination Nummer 1. Doch wie lange noch? Österreich kommt immer näher.
Ich bin überzeugt, dass die Schweiz nicht nur diese, sondern auch die nächsten vier, fünf Saisons die Nummer 1 bleiben wird.
Eine mutige Prognose.
Ich habe zwar keine Glaskugel, aber ziemlich viel Sachverstand. All die Jungs, die wir im Weltcup haben, werden mindestens noch die nächsten fünf Jahre performen. Allein Odermatt, von Allmen, Meillard, Monney und wie sie alle heissen machen den Unterschied aus. Und aus dem Nachbarland sieht es Stand heute nicht so aus, als würde eine Menge junger Fahrer im Weltcup für Furore sorgen wie dies die Schweizer tun.
Haben Sie Worte, um Odermatt zu erklären?
Er ist ein Phänomen, das mich immer wieder erstaunt. Als er frisch in den Weltcup kam, überzeugte mich seine Technik nicht vollumfänglich.
Wie meinen Sie das?
Es sah nicht immer sehr geschmeidig aus. Aber so ist es halt, wenn man so super bockige Ski mit aggressiver Abstimmung fährt wie Odermatt. Das verzeiht keine Fehler. Weshalb ich befürchtete, dass das irgendwann nicht mehr gut geht. Aber trotz des anspruchsvollen Materials und seiner Risikobereitschaft hat er fast immer alles unter Kontrolle. Und das ist phänomenal.
Auf welchem Sender gucken Sie die Rennen?
Da bin ich selektiv.
Wie sieht diese Selektion aus?
Die Männer-Rennen schaue ich auf SRF. Jene der Frauen aber nicht.
Die schauen Sie bei ORF?
Kein Kommentar.
Was halten Sie von Didier Plaschy als Co-Kommentator?
Er ist ein totaler Nerd. Trotzdem finde ich ihn meistens gut. Beat Feuz macht es dagegen brillant.
Eigentlich sollten wir über Sie als Co-Kommentator reden. Schliesslich wurden Sie bei SRF als Russi-Nachfolger gehandelt.
Ich denke, ich bin dafür nicht gemacht.
Einspruch! Sie können sich gut ausdrücken, sind beliebt und kompetent.
2017, als Bernhard Russi seinen Rücktritt verkündete, lud mich SRF zum Probetraining ein. Zusammen mit Marc Berthod. Nachträglich wurde auch Marc Girardelli dazu genommen. Dieser soll Sprüche rausgehauen haben wie: Wenn Carlo Janka so weiterfährt, solle er sich nur noch dem Après-Ski widmen. Das fanden gewisse Leute bei SRF cool, also war er gesetzt. Es ging dann nur noch darum: Berthod oder Kernen.
Warum entschied man sich für das Duo Girardelli/Berthod?
Wie gesagt: Girardelli war gesetzt. Damit hatte man einen alten, aber man wollte nicht einen mittelalten wie mich, sondern einen jungen. Nach nur drei Rennen hat man sich von Girardelli getrennt. SRF hat danach nochmals angefragt. Aber ich sagte: Für mich hätte es vorher gestimmt, jetzt nicht mehr.
