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Interview

SRF-Sportchef Mägerle: «Olympia kostet uns 18,4 Millionen Franken»

Allein im TV plant SRF fast 300 Sendestunden zu den Olympischen Spielen.
Allein im TV plant SRF fast 300 Sendestunden zu den Olympischen Spielen. bild: imago-images.de
Interview

SRF-Sportchef Roland Mägerle: «Olympia kostet uns 18,4 Millionen Franken»

Es brauche 30 Liveübertragungen vom Bob, ehe man die Einschaltquoten eines Champions-League-Abends erreiche, schnöden SRF-Mitarbeiter. Sportchef Roland Mägerle verteidigt im Interview seine Strategie der Vielfalt und Breite und spricht über die Abgänge seiner TV-Stars.
04.02.2022, 09:50
François Schmid-Bechtel / ch media
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Olympische Spiele sind auch Fernsehspiele. Und für SRF die Gelegenheit, sich zu profilieren. Doch es rumort in der Sportabteilung des Schweizer Fernsehens. Er herrscht die Meinung vor, die Abgänge der Leuchttürme Jann Billeter, Stefan Bürer und Michael Stäuble hätten verhindert werden können. Ausserdem wird die Strategie hinterfragt. Auch, weil der Stellenwert des Fussballs nicht dem grossen Publikumsinteresse entspricht. Roland Mägerle, seit 2015 SRF-Sportchef, nimmt Stellung.

Roland Mägerle (53) amtet seit sieben Jahren als Sportchef beim SRF.
Roland Mägerle (53) amtet seit sieben Jahren als Sportchef beim SRF. Bild: KEYSTONE

Welchen Einfluss hat Covid-19 auf die SRG-Delegation in Peking?
Roland Mägerle: Erst mal ist es veranstalterseitig Bedingung, dass alle geimpft sind. Weiter haben wir für die wichtigen Funktionen eine Stellvertreterregelung eingeführt. Wir schicken etwa 20 Prozent weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als geplant an die Spiele. Insgesamt sind 130 Leute für die SRG in Peking im Einsatz.

Was kostet Olympia die SRG?
18,4 Millionen Franken. Darin enthalten sind sämtliche Aufwendungen für die Ausstrahlungsrechte in der Schweiz sowie die Produktion und die Umsetzung aller Sportinhalte für alle Kanäle in alle Sprachregionen. Die Kosten sind leicht tiefer als jene für die Winterspiele 2018 in Südkorea.

Punkto Einschaltquote macht es schon einen Unterschied, ob eine Olympia-Abfahrt wie in Peking um vier Uhr in der Früh oder am Mittag stattfindet. Also werden die Werbeeinnahmen kaum in gewünschtem Umfang fliessen.
Die Zeitverschiebung macht einen Unterschied, auch bei Olympia. Dennoch erreichten wir bei den letzten Winterspielen in Südkorea rund 70 Prozent der Deutschschweizer Bevölkerung. Ausserdem bieten wir über den Sport hinaus ein Vollprogramm, weshalb wir insgesamt keine kommerziellen Einbussen erwarten.

China geniesst nicht den besten Ruf im Westen. Gab es intern Diskussionen über einen Boykott?
Das publizistische Angebot von SRF beruht auf Grundsätzen wie Sachgerechtigkeit, Vielfalt und Unabhängigkeit. Das gilt auch für die Berichterstattung aus Peking. Und deshalb werden wir uns mit den politischen und gesellschaftlichen Themen befassen. Ich halte nichts von einem Medienboykott. Allein, weil es mehr bringt, wenn man hinschaut und berichtet, statt die Augen zu verschliessen.

Bei der Fussball-EM war kaum ein Mitarbeiter vor Ort. In Peking rühren Sie nun mit der grossen Kelle an.
Es ist korrekt, dass wir an der EM im Gegensatz zu Olympia das Anchor-Studio in Zürich hatten.

Warum? Allein das Studio in Peking kostet eine hohe fünfstellige Summe.
Wir haben seit 2002 bei Winterspielen das Studio immer vor Ort. Und das aus einem einfachen Grund: Es ist viel authentischer. Unsere beiden Moderatoren Annette Fetscherin und Sascha Ruefer können den Schweizer Athletinnen und Athleten vor Ort den Puls fühlen. Dieser Mehrwert rechtfertigt die Kosten.

Annette Fetscherin meldete sich bereits am Sonntag ein erstes Mal aus Peking.
Annette Fetscherin meldete sich bereits am Sonntag ein erstes Mal aus Peking.bild: srf

Ist es denkbar, dass Olympische Spiele irgendwann nicht mehr bei SRF zu sehen sind?
Die Rechte für die Sommerspiele in Paris 2024 konnten wir uns sichern. Und in diesem Jahr erwarten wir die Ausschreibung für 2026 und folgende Spiele. Olympia bietet eine Sportvielfalt, die wir auch zwischen den Perioden abbilden. Deshalb sage ich: Ja, Olympia gehört zu unserem Auftrag und soll fester Bestandteil unseres Programms bleiben.

Andernorts verlieren Sie Rechte.
Unser Portfolio ist grösser denn je. Und es ist uns gelungen, wichtige Rechte langfristig zu sichern. Die Fussball-Nati und den Wintersport bis 2028. Auch Super League und Schwingen haben wir verlängert. Das einzige, was wir momentan nicht im Angebot haben, sind Live-Übertragungen der Fussball Champions und Europa League.

Aber auffällig ist, dass SRF viel weniger Spiele der Australian Open gezeigt hat. Warum wird Tennis nach den Abgängen von Stefan Bürer und Heinz Günthardt marginalisiert?
Das tun wir nicht. An unserem Tennis-Konzept haben wir nichts verändert. Es ist zwar richtig, dass wir aus Australien weniger Spiele gezeigt haben. Aber wir haben gezeigt, was wir durften. Der Medienkonzern Eurosport Discovery, der die Australian-Open-Rechte für Europa besitzt, vergibt kaum Sublizenzen für Live-Spiele im frei empfangbaren Fernsehen. Immerhin gelang es uns, eine Ausnahme zu erwirken.

Was bedeutet das für die anderen Grand-Slam-Turniere?
Wimbledon und die US Open haben wir uns bereits gesichert. Paris ist noch offen. Und was die Australian Open im nächsten Jahr betrifft, bin ich zuversichtlich, dass wir weiterhin in einem ähnlichen Rahmen wie dieses Jahr berichten können.

Wintersport haben Sie bis 2028 verlängert. Aber wenn Dario Cologna nächste Saison nicht mehr läuft und Simon Ammann nicht mehr springt, sitzen Sie mit Langlauf und Skispringen auf zwei Ladenhütern.
Das glaube ich nicht. Beim Langlauf wird sich das Interesse vielleicht zu den Frauen mit Nadine Fähndrich verlagern. Und Ammann wurde schon vor einigen Saisons durch Killian Peier abgelöst. Skispringen und Langlauf werden weiterhin eine Berechtigung haben. Ausserdem ist es wichtig, unserem Publikum einen Mix zu bieten. Das gehört zum Service public.

Darüber lässt sich streiten. Bedeutet Service public möglichst mehrheitsfähig oder möglichst breit?
Es ist beides. Ein grosser Teil unseres Programms ist mehrheitsfähig. Aber es ist uns auch wichtig, Breite und Vielfalt abzubilden.

Selbst SRF-Mitarbeiter schnöden, dass es 30 Liveübertragungen vom Bob braucht, ehe man die Einschaltquoten eines Champions-League-Abends erreicht.
Zu unserer Strategie gehört sowohl der Premiumsport als auch die sportliche Vielfalt. Selbstverständlich zeigen wir gerne Champions-League-Fussball. Aber wir haben unsere finanziellen Grenzen.

epa04223167 General view of the opening ceremony prior to the UEFA Champions League final Real Madrid vs Atletico Madrid at Luz Stadium in Lisbon, Portugal, 24 May 2014. EPA/ANDRE KOSTERS
Die Champions League könnte ab 2024/25 wieder ins SRF zurückkehren. Bild: EPA/LUSA

Hand aufs Herz: Sie zeigen doch Bob und andere Sparten-Events wie den Mountainbike-Weltcup nur, um im Hinblick auf die Halbierungs-Initiative möglichst viel Goodwill bei den Sportverbänden zu erwirken.
Unsere Strategie erarbeiten wir unabhängig von politischen Nebengeräuschen.

Fürchten Sie sich vor der Initiative, die eine Halbierung der Gebühren vorsieht?
Wir wissen um unser Sport-Angebot, das europaweit im frei empfangbaren Fernsehen einzigartig ist. Bei einer Halbierung der Gebühreneinnahmen müssten wir das Angebot sehr stark reduzieren. Dessen muss man sich bewusst sein.

Erstaunlich, ja es kommt fast einem Erdbeben gleich, dass dieses Jahr nicht alle Spiele der Fussball-Nationalmannschaft bei SRF, sondern einzelne Partien bei den Sendern von CH Media zu sehen sind. Also ein weiterer Beleg für den Abwärtstrend bei SRF Sport.
Das sehe ich anders. Wir können bis 2028 alle Top- und Endrundenspiele der Schweizer Fussball-Nati zeigen. Auch dank der Kooperation mit CH Media.

Switzerland's head coach Murat Yakin, right, and his assitant Vincent Cavin, left, celebrate after directly qualifying for the FIFA World Cup Qatar 2022 after the 2022 FIFA World Cup European Qua ...
Die Nati ist nicht mehr exklusiv bei SRF zu sehen.Bild: keystone

Aber auch intern vergraulen Sie die Leute. Keine Champions und Europa League mehr. Abstriche bei der Nati. Und die Super League ist auch nicht mehr so attraktiv, seit SRF nicht mehr am Sonntag, sondern am Samstagabend das Live-Spiel hat.
Wir offerieren nach wie vor ein umfangreiches Fussball-Angebot inklusive WM und EM. Und unsere Aushängeschilder haben ein breites Betätigungsfeld. Sascha Ruefer beispielsweise kommentiert die Nati, moderiert das Sportpanorama und ist Moderator in Peking sowie beim Eidgenössischen Schwingfest.

Aber Ruefer und die anderen Fussball-Reporter fanden auch grossen Gefallen, eine Partie wie Real Madrid gegen Paris Saint-Germain zu kommentieren.
Selbstverständlich ist das attraktiv. Wir werden uns jedenfalls wieder um die Champions League bemühen. Eine Garantie kann ich aber nicht geben, dass wir die Champions League ab der Saison 2024/25 wieder im Programm haben werden.

Mit Stefan Bürer und Jann Billeter hat SRF zwei Aushängeschilder verloren, was intern zu grossen Diskussionen Anlass gab, weil beide nicht abwanderungswillig gewesen sein sollen.
Jeder Abgang hat seine Geschichte. Jann Billeter hat am neuen Ort die Chance, seiner Leidenschaft Eishockey zu 100 Prozent nachzugehen.

Jann Billeter ist zum Bezahlsender MySports abgewandert.
Jann Billeter ist zum Bezahlsender MySports abgewandert.bild: mysports

Warum bieten Sie ihm das nicht bei SRF, wenn er doch ein Aushängeschild ist? Offenbar gilt bei SRF: Jeder muss alles machen. Und so finden sich Stars plötzlich in der Rolle des Wasserträgers wieder.
Wir haben ein sehr breites Sportangebot, nicht nur Eishockey. Letztlich muss das Gesamtsportprogramm stimmen und die Dienste müssen aufgehen. Es ist bei uns schlicht nicht möglich, ausschliesslich Eishockey zu moderieren. Ausserdem gehört es zum Profil eines modernen Sportjournalisten, verschiedene Arbeiten zu erledigen.

Bürer soll Ihnen sogar angeboten haben, sich neben seiner Kommentatoren-Tätigkeit in der Ausbildung junger Journalisten zu engagieren.
Zu internen Gesprächen äussern wir uns nicht öffentlich.

Neben Bürer und Billeter müssen Sie auch den Formel-1-Kommentator Michael Stäuble ersetzten, der sich frühpensionieren lässt.
Ich gönne Michael den Wechsel in den wohlverdienten Ruhestand. Aber natürlich werden wir ihn als kompetenten Kommentator und Kollegen vermissen.

Stäubles Nachfolger sollen Sie auf einer Rennstrecke in Deutschland gefunden haben. Ein Pisten-Speaker als neue Formel-1-Stimme der Schweiz?
Michael Weinmann wird neben seiner Moderatorentätigkeit für «Schweiz aktuell» weiterhin Formel-1-Rennen kommentieren. Natürlich kann er nicht von allen Grand-Prix berichten. Wir werden schon bald kommunizieren, wie unser Formel-1-Team für diese Saison aussehen wird.

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Die Austragungsstätte der Olympischen Spiele 2022 in Peking
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Die Austragungsstätten der Olympischen Spiele 2022 in Peking
Nationalstadion, Peking – Eröffnungs- und Schlussfeier (Kapazität: 80'000).
quelle: keystone / roman pilipey
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«Cool Runnings» wird wahr – 4er-Bob startet in Peking für Jamaika
Video: watson
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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Roelli
04.02.2022 10:43registriert November 2014
Wie einseitig und anfeindend kann ein Interview eigentlich sein?
Hegt der Journalist einen Groll gegen SRF oder warum kommen fast nur anklagende und negative Fragen?🤔
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Hakuna!Matata
04.02.2022 11:10registriert Juni 2019
Ich finde SRF Sport macht einen tollen Job.

Formel 1, Ski, Olympische Spiele oder Eishockey-Playoffs sind in anderen Ländern längst vom Free-TV verschwunden.

Gerade die Berichterstattung von Olympischen Spielen finde ich super.

Auch das wachsende Streamingangebot auf der Webseite gefällt mir. So kann man dort immer wieder Randsportarten verfolgen, die keinen Platz im TV Programm haben.

Das ganze natürlich unter dem Fakt, dass Lizenzkosten für Fussball weltweit unverhältnismässig teuer wurden (DAZN verlangt nun glaube ich 30 Franken für ihr kleines Angebot)
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Patho
04.02.2022 12:13registriert März 2017
Man könnte auch das Positive betonen:
Das SRF zieht sich aus dem Drecksgeschäft Fussball immer mehr zurück.
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