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Champions Hockey League: CEO Martin Baumann spricht über den Aufschwung

Lakers
Die SCRJ Lakers im Heimspiel gegen Lukko Rauma aus Finnland.Bild: keystone
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Champions Hockey League kommt besser an: «Das Produkt erhält, was es längst verdient hat»

19.10.2023, 08:0319.10.2023, 17:04
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Martin Baumann, der CEO der Champions Hockey League, zieht vor der anstehenden K.o.-Phase eine Zwischenbilanz. Der Zuger spricht im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA unter anderem über das Interesse der UEFA am neu eingeführten Modus, die Problematik einer Teilnahme von KHL-Teams und die Schweizer Erfolgsaussichten.

Martin Baumann, die neunte Saison der Champions Hockey League seit der Neulancierung ist voll im Gang. Sämtliche drei Schweizer Teilnehmer haben den Sprung in die K.o.-Phase geschafft. Was war Ihr persönliches Highlight bislang?
Martin Baumann:
Die Begeisterung der Fans. Wir haben Zuschauerrekorde in Deutschland, Tschechien und auch in der Schweiz verzeichnet. Das Produkt erhält, was es längst verdient hat. Die Fans strömen zahlreich in die Stadien. Sie kommen dabei in den Genuss von hochklassigem Eishockey. Ich war beispielsweise in Belfast. Das Stadion war ausverkauft – ein Gänsehaut-Erlebnis. Ich denke aber auch an die 400 bis 500 Fans der Rapperswil-Jona Lakers, die ihre Mannschaft zu den beiden Auswärtsspielen in Tschechien begleitet und die Stadien mit ihrer Stimmung verzaubert haben. Oder an Ingolstadt mit einem enormen Fan-Aufkommen auf Europareise. Das ist cool.

«Mit dem Format ohne Rückspiele steigt die Chance für Überraschungen.»

Auf diese Saison gab es gleich einige Neuerungen. Unter anderem wurde das Teilnehmerfeld von 32 auf 24 Teams verkleinert. Hat sich dieser Schritt bewährt?
Definitiv. Wir waren schon länger der Überzeugung, dass das genau das Richtige ist. Der Anreiz einer Teilnahme mit nur noch drei Startplätzen pro Liga für die sechs Gründungsmitglieder Finnland, Schweden, Schweiz, Tschechien, Deutschland und Österreich ist für die Klubs grösser geworden. Man muss sich die Qualifikation hart verdienen. Und die Fans erhalten das Beste vom Besten in Europa. Es ist ein extrem spannendes und kompetitives Teilnehmerfeld mit zwölf nationalen Meistern.

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Martin Baumann mit der Siegertrophäe.Bild: EPA

Mit der Reduzierung auf 24 Teams kam auch ein neuer Modus, ohne fixe Gruppen, dafür mit sechs Spielen gegen sechs verschiedene Gegner und einer Einheitstabelle von 1 bis 24. Wie fällt das Fazit aus?
Ich denke, das war etwas vom Besten, das wir machen konnten. Die Kehraus-Spiele zum Ende der Gruppenphase gibt es nun nicht mehr. Bei fast allen Teams ging es auch am letzten Spieltag noch um etwas. Mit dem Format ohne Rückspiele steigt auch die Chance für Überraschungen. So fällt es einem Kleinen leichter, einem Grossen ein Bein zu stellen, ohne im zweiten Vergleich sogleich eine Packung zu kassieren. Sogar die UEFA hat sich bei uns erkundigt, wollte genau wissen, was unsere Erfahrungen mit dem neuen Modus sind. Darauf sind wir stolz.

Eine weitere Neuerung betrifft die Regel-Anpassungen bei Zwei-Minuten-Strafen. Diese haben im Vorfeld für viel Gesprächsstoff gesorgt, weil es ungewöhnlich ist, dass zum Beispiel bei einem Tor in Überzahl die Strafe einfach weiterläuft oder bei einem Treffer in Unterzahl die Strafe gegen das Boxplay-Team vorzeitig endet. Haben diese Änderungen den gewünschten Effekt erzielt?
Unser Ziel ist es, anders, innovativ zu sein. Wir wollen nicht andere Ligen kopieren. Wir wollen Unterhaltung bieten und für Begeisterung sorgen – mit mehr Goals und mehr Spannung. An den ersten vier Spieltagen gab es 0,4 mehr Tore pro Spiel und einen Rekord an Unterzahltoren (12). Die ersten Analysen haben gezeigt: Es hat sich wirklich gelohnt. Die Neuerungen passen zu unserer Idee, offensives Eishockey zu fördern.

Die Achtelfinals
Alle drei Schweizer Klubs haben den Sprung in die K.o.-Phase geschafft. Nun geht es in den Achtelfinals mit Hin- und Rückspiel weiter. Das sind die Paarungen:

Servette Genf – RB München
SCRJ Lakers – Adler Mannheim
EHC Biel – Färjestad BK

Gespielt wird am 14./15. und 21./22. November.

Sie waren kürzlich am IIHF-Kongress in Portugal. Gab es zu den Regel-Anpassungen Reaktionen von Seiten des Weltverbandes?
Auch die IIHF ist an unseren Auswertungen sehr interessiert. Es besteht die Idee, dass sie mögliche Regeländerungen künftig in der Champions Hockey League testen. Auch die NHL findet es extrem spannend, was wir machen. Ich war zu einem Austausch mit der Spitze in New York. Sie verfolgen unseren Weg sehr genau. Auch sie haben es sich zum Ziel gesetzt, den Sport noch attraktiver zu machen.

«Langfristig wäre es erstrebenswert, künftig auch KHL-Teams dabei zu haben.»

Im Gegensatz zum Fussball startet die Champions Hockey League jeweils vor Meisterschaftsbeginn. Gibt es Bestrebungen, diese Termine nach hinten zu verschieben – auch, um mehr Zuschauerinteresse zu wecken?
Ein Start im Oktober war ein Thema, doch das geht mit der Spielplangestaltung nicht auf. Der Konflikt mit den Ligen und den Nationalmannschaften ist enorm, und es wird immer komplexer. Mit einer neuen Vereinbarung haben wir immerhin erreicht, dass seit dieser Saison an den Spieltagen am Dienstag keine nationalen Partien mehr stattfinden dürfen – ein Novum. Eines ist klar: Den Charakter eines Vorbereitungsturniers hat die Champions Hockey League schon lange nicht mehr. Das können sich die Klubs bei den hohen Kosten gar nicht leisten.

Sie sprechen die Finanzen an. Die Antrittsgage der 24 Teams beträgt diese Saison 65'000 Euro. Damit lassen sich nicht einmal die Reisekosten decken. Der Sieger bekommt 360'000 Euro. Ist das Anreiz genug?
Es war seit der Gründung nie unsere Absicht, dass das Preisgeld die Klubs von A bis Z finanziert. Das ist gar nicht möglich – wir sind nicht im Fussball. Das Ziel wäre es, dass sich die Klubs über ein volles Stadion finanzieren, mit einer smarten Ticketing-Strategie – und dabei auch in der Gastronomie und mit Merchandising Profit generieren.

Wie erklären Sie den Rückgang des Preisgeldes um mehr als eine Million (auf 2,4 Millionen Euro) im Vergleich zum Vorjahr?
Wir mussten enorme Einsparungen machen im Budget. Der bis 2027/28 laufende Vertrag mit unserem Vermarkter Infront wurde neu verhandelt. Anlass dazu waren Covid-19, der Ukraine-Krieg oder auch, dass wir mit dem Produkt noch nicht dort sind, wo wir ursprünglich sein wollten. Durch die Reduzierung auf 24 Teams konnten wir zumindest die Höhe der Antrittsgelder beibehalten. Dazu haben die Klubs neu mehr Vermarktungsrechte – zum Beispiel, was die Werbung auf Hosen und an den Banden im TV-Bereich betrifft. Was sie daraus machen, ist jedem Einzelnen überlassen.

Früher gab es Bestrebungen, die KHL ins Boot zu holen. Sind diese Gedanken auch durch den Krieg mittlerweile komplett vom Tisch?
Sie sind grösstenteils auf Eis gelegt. Aktuell daran zu denken, macht keinen Sinn. Die Teams aus Finnland und Schweden würden bei einem Einstieg Russlands komplett boykottieren. Langfristig wäre es für den Sport erstrebenswert, künftig auch KHL-Teams dabei zu haben. Aber nicht heute und auch nicht morgen.

«Wir haben keinen Ronaldo oder Messi.»

Seit der Neulancierung 2014 triumphierten ausschliesslich Teams aus Schweden (6) und Finnland (2), ein Schweizer Klub schaffte es nie in einen Final. Was fehlt den Vereinen aus der National League für ganz nach oben?
Ganz nüchtern betrachtet muss man festhalten: Die Liga in Schweden ist aktuell einfach besser als jene in der Schweiz, da müssen wir uns hierzulande nichts vormachen. Zug hat im letzten Jahr im Halbfinal gegen den späteren Sieger Tappara Tampere jedoch nur sehr wenig gefehlt zum Finaleinzug. In dieser Saison traue ich Genf aufgrund der Kader-Tiefe und der Stabilität im Team einiges zu.

Das Produkt Champions Hockey League wirkt nach zehn Jahren gefestigt. Wo sehen Sie noch am meisten Potenzial?
Bei den Zuschauern. Ich kann nach wie vor nicht nachvollziehen, dass ein Ligaspiel Zug gegen Ambri-Piotta mehr Interesse generiert als ein Gastspiel des schwedischen oder finnischen Meisters. Wenn hingegen Manchester City in die Schweiz kommt, geht das Zuschauerinteresse durch die Decke. Uns fehlen im europäischen Eishockey die grossen Stars. Wir haben hier keinen Ronaldo oder Messi. Das hängt auch mit der NHL zusammen. Die besten Spieler Europas zieht es nach Nordamerika. Daran können wir nichts ändern. (ram/sda)

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22 Kommentare
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Steven86
19.10.2023 09:40registriert März 2016
Mit gefällt die CHL. Man lernt neue Städte und neue Teams kennen und auch Hockeytechnisch spannend.
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ELMatador
19.10.2023 08:51registriert Februar 2020
"Die Teams aus Finnland und Schweden würden bei einem Einstieg Russlands komplett boykottieren."

Soll das der einzige Grund sein? Willst der uns veräppeln? Der Grund sollte der Aggressorkrieg in der Ukraine sein und nicht, weil 3-5 Teams nicht wollen.
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navigator
19.10.2023 09:39registriert Januar 2015
Biel gegen Tappara Tampere, gutes Spiel, hoher Unterhaltungswert, hat mir besser gefallen als unsere Operettenliga, dass zahlreiche Sitze leer blieben, die haben wirklich etwas verpasst.
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