DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Daumen hoch trotz bitterer Niederlage: Federer verabschiedet sich aus New York.
Daumen hoch trotz bitterer Niederlage: Federer verabschiedet sich aus New York. Bild: AP
Kommentar

Mitternachtsdrama an den US Open: Roger Federer, ein König in den Kleidern eines Bettlers

Roger Federer scheitert in den Viertelfinals der US Open in fünf Sätzen am Bulgaren Grigor Dimitrov. Wie aus dem einstigen König der Nacht ein Bettler wurde.
04.09.2019, 08:1604.09.2019, 10:58
simon häring / ch media

Es gab einmal eine Zeit, da galt Roger Federer als unbesiegbar, wenn über New York die Nacht hereinbricht. In der Stadt, von der es heisst, sie schlafe nie, war er es, der seinen Gegner mit hinreissendem Tennis schlaflose Nächte bereitete. Er war der König der Nacht. Das ist lange her.

Federers letzter von fünf US-Open-Siegen liegt bereits elf Jahre zurück. Die Erinnerungen daran sind längst verblasst. Sein Bezwinger im Vorjahr war der Australier John Millman. Nun scheiterte Federer in den Viertelfinals mit 6:3, 4:6, 6:3, 4:6, 2:6 am Bulgaren Grigor Dimitrov. Es war nicht so, dass Federer die Zuschauer zwischenzeitlich nicht von den Sitzen riss. Aber meistens glich es Arbeit, mit wenig Esprit, kaum Glanz. Es schien, als fehle Federer die Inspiration. Aber nicht nur das.

Bei seiner ersten Niederlage im achten Duell gegen den 28-jährigen Dimitrov machten Federer auch körperliche Defizite einen Strich durch die Rechnung. Spätestens, nachdem er sich zu Beginn des fünften Satzes am Rücken hatte behandeln lassen müssen, spielte der König der Nacht wie ein Bettler. Indizien dafür, dass der Baselbieter sich nicht in der Verfassung befindet, die es ihm erlaubt hätte, die US Open einen Monat nach seinem 38. Geburtstag noch einmal zu gewinnen, gab es indes bereits viel früher im Turnierverlauf. Er verlor in den beiden ersten Runden gegen zwei Mitläufer jeweils den Startsatz. Nicht, weil diese überragend gespielt hätten. Sondern weil Federer mit sich, mit seinem Spiel, mit den Bedingungen, den Gegnern – ja mit allem haderte.

Die Highlights des Spiels.Video: YouTube/US Open Tennis Championships

Vor dem Turnier hatte er noch Optimismus verbreitet. Körperlich habe er sich vor den US Open schon seit Jahren nicht mehr so gut gefühlt. Eine Einschätzung, die schon nach dem ersten Satz im Turnier zur Makulatur wurde. Federer sprach von fehlender Energie, von einem Horror-Start, den er sich nicht erklären könne und er monierte, die Bedingungen seien langsamer, als er es sich erhofft hatte. Es sind Aussagen, die in der Retrospektive so wirken, als hätte er bereits geahnt, dass es schwierig werden würde mit dem Turniersieg. Selten hat man Roger Federer bei einem Grand-Slam-Turnier derart früh und offen über Ratlosigkeit und Frustration sprechen hören wie in New York.

Auch die klaren Siege gegen den Briten Dan Evans und David Goffin in der dritten und vierten Runde gaben ihm offenbar nicht das Vertrauen zurück. Gegen Goffin spielte er zwar ansprechend, doch Federer war auch selbstkritisch genug, um zu bedenken zu geben, dass der Belgier ziemlich von der Rolle gewesen sei. Stattdessen enervierte er sich über den Verdacht, er werde von den Organisatoren bevorteilt und habe darum gebeten, gegen Evans und Goffin, bereits um die Mittagszeit zu spielen, um der Hitze, Hektik und Feuchtigkeit der New Yorker Nacht auszuweichen.

Unter der New Yorker Sonne zeigte Federer gegen Goffin eine Glanzleistung.
Unter der New Yorker Sonne zeigte Federer gegen Goffin eine Glanzleistung.Bild: AP

Er, der König der Nacht – im Vorprogramm, statt zur Hauptsendezeit. Und so reagierte der 20-fache Grand-Slam-Sieger für seine Verhältnisse fast schon ungehalten, als er sagte: «Ich habe diesen Mist schon zu oft gehört und habe es satt.» Er laufe auch um vier Uhr in der Nacht auf den Platz, wenn das von ihm verlangt werde.

Mehr zu Roger Federer:

Das wurde es natürlich nicht. Federer kehrte für die Viertelfinals ins Hauptprogramm zurück, das Spiel in der Nacht ausgetragen. Vielleicht schwang auch die Hoffnung mit, der erfolgreichste Spieler der letzten zwei Jahrzehnte könnte noch einmal die Zeit zurückdrehen und noch einmal in die Rolle des Königs der Nacht schlüpfen. Doch es wurde zum Mitternachtsdrama, in dem Roger Federer die ungewohnte Rolle des Bettlers zufiel.

Den Verdacht, die Niederlage im Wimbledon-Final gegen Novak Djokovic, wo er vor anderthalb Monaten im fünften Satz zwei Matchbälle vergeben hatte, habe tiefere Spuren hinterlassen, wies er indes vehement von sich. «Das war definitiv nicht der Fall. Es ging um das Hier und Jetzt. Und hier war ich nicht gut genug. Punkt.»

Roger Federer feierte im August seinen 38. Geburtstag. Auch deshalb umweht jeden seiner Auftritte ein Hauch von Endgültigkeit. Die Frage, ob er sich fähig fühle, noch einmal ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, beantworte er mit eine Gegenfrage: «Haben Sie eine Kristallkugel?» Und führte dann doch länger aus: «Man weiss nie. Natürlich hoffe ich es. Ich weiss, viele sehen das etwas anders, aber es war trotzdem eine positive Saison. Ich werde wieder aufstehen.»

Weitermachen. Kämpfen – es sind Wörter, die nicht in das Vokabular eines Königs zu passen scheinen. Doch Federer hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass es jene Tugenden sind, die ihn zu dem gemacht haben, der er ist. Einer der erfolgreichsten Spieler der Tennis-Geschichte. Doch der König der New Yorker Nacht, der ist er schon lange nicht mehr.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die besten Bilder des US Open 2019

8 Dinge, die jeden Schweizer aus der Fassung bringen

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

22 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
feuseltier
04.09.2019 08:28registriert April 2015
Bla bla. . Lasst ihn spielen und genießt doch einfach seine Spiele etc..

Lang lebe der König, es lebe der König!
23330
Melden
Zum Kommentar
avatar
Bruno Wüthrich
04.09.2019 08:47registriert August 2014
Möglich, dass der Autor mit vielem, was er in diesem Artikel schreibt, recht hat. Aber er zieht daraus nicht den richtigen Schluss.

Roger Federer ist nicht mehr der Regent, der er war. Aber er ist König. Und er wird es bleiben, so lange er spielt. Er ist nicht mehr so erfolgreich wie früher, aber er sorgt immer noch für magische Momente. Das Publikum ist auf seiner Seite. Die Leute wollen ihn sehen.

Andere mögen seine Rekorde brechen. Allenfalls der Kämpfer Nadal. Ich möchte es ihm sogar gönnen. Doch er wird der Kämpfer bleiben und nicht König werden. Nicht, so lange Federer spielt.
14819
Melden
Zum Kommentar
avatar
Triple A
04.09.2019 08:30registriert November 2018
Nach dem Straucheln heisst es: Aufstehen, Krone richten und weitermachen sowie über Simon Häring herzhaft lachen!😂
11520
Melden
Zum Kommentar
22
«Das ist erschreckend»: Der FCZ ist gegen PSV chancenlos und verliert auch das 3. EL-Spiel
Der FC Zürich kassiert im dritten Gruppenspiel der Europa League die dritte Niederlage. Nach zwei immerhin ansprechenden Auftritten war das Team beim 1:5 gegen PSV Eindhoven chancenlos.

Die Zürich-Reise des PSV Eindhoven stand ganz im Zeichen der Rehabilitierung. Denn am Wochenende hatte das Team von Trainer Ruud van Nistelrooy überraschend 0:3 gegen Abstiegskandidat Cambuur verloren – und dafür ordentlich Kritik eingesteckt. Der Wille zur Wiedergutmachung war beim Auftritt im Letzigrund von Beginn an spürbar. Dem niederländischen Vizemeister kam dabei aber auch entgegen, dass die Zürcher defensiv wiederholt patzten.

Zur Story