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Bei manchen Fans wird aus Nationalstolz ein übler Chauvinismus.
Bei manchen Fans wird aus Nationalstolz ein übler Chauvinismus.
Bild: keystone
Kommentar

Dieses England hätte den Titel nicht verdient

England hat den Europameistertitel im Penaltyschiessen verpasst. Die Trauer hält sich in Grenzen, wegen des Verhaltens einzelner Spieler und vor allem vieler Fans.
12.07.2021, 19:55

Vor Turnierbeginn hatte ich auf England als Europameister getippt. Ich gehörte nie zu den Nostalgikern, die den englischen Fussball romantisch verklären, aber dieser jungen, hoch talentierten Mannschaft traute ich viel zu. Und beinahe hätte es geklappt, die «Three Lions» verloren den Final gegen Italien im heimischen Wembley im Penaltyschiessen.

Meine Trauer hält sich trotzdem in Grenzen, denn wirklich verdient hätten die Engländer den Titel nicht. Es gab auf und neben dem Platz zu viele unschöne Nebengeräusche.

Schwalben

Hier wurde Sterling wohl tatsächlich gefoult, doch der ausbleibende Pfiff hatte seine Logik.
Hier wurde Sterling wohl tatsächlich gefoult, doch der ausbleibende Pfiff hatte seine Logik.
Bild: keystone

Seit 1966 rennen die Engländer einem grossen Titel hinterher. Nicht einmal zu einer Finalqualifikation hatte es vor dieser EM gereicht. Neben dem Unvermögen vom Penaltypunkt waren dafür ein unbedarfter Hauruck-Fussball sowie ein Mangel an talentierten Spielern verantwortlich, nicht zuletzt auf der Goalie-Position.

Die beiden letzten Punkte haben sich fundamental geändert. Das englische Nationalteam des Jahrgangs 2021 spielt einen taktisch disziplinierten, gepflegten Fussball. Das sieht nicht immer schön aus, wirkt teilweise langweilig, ist jedoch effizient. Dazu gehören aber auch Mätzchen, die auf der Insel gewöhnlich eher verpönt sind, zum Beispiel das «Diving».

Zum Schwalbenkönig wurde Raheem Sterling, ein ohnehin etwas spezieller Typ, der unweit des Londoner Wembley aufgewachsen ist. Im Halbfinal gegen Dänemark liess er sich fallen und holte so den entscheidenden Penalty heraus. Auch im Final gegen Italien zeigte sich die ausgeprägte Veranlagung, sich bei der kleinsten Berührung auf den Rasen zu legen.

Die Quittung erhielt Sterling kurz nach der Pause, als er im Strafraum von hinten gefoult wurde. Doch der holländische Schiedsrichter Kuipers schüttelte den Kopf, getreu dem Motto «Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht». Mit anderen Worten: selber schuld!

«Fans»

Der grosse Teil der englischen Fans verhält sich sportlich und fair. Es ist jedoch kein Zufall, dass der englische Begriff Hooligan weltweit zum Synonym für Fangewalt wurde. Dieses Mal blieben die schlimmsten Exzesse aus, doch die England-Anhänger sorgten für mehr unappetitliche Vorkommnisse als die Fans aller anderer Mannschaften zusammen.

Als nach dem Achtelfinal-Erfolg gegen Erzrivale Deutschland ein weinendes deutsches Mädchen auf den Grossbildschirmen im Wembley gezeigt wurde, buhten und pfiffen viele englische «Fans». Im Internet wurde das – anonyme – Kind verhöhnt und beschimpft. Ein darüber empörter Waliser (!) sammelte auf einer Online-Plattform fast 50’000 Franken.

Richtig übel wurde es im Halbfinal gegen Dänemark. Die Hymne wurde ausgebuht, Fans der «Wikinger» wurden laut Medienberichten beleidigt, angespuckt und attackiert. Selbst Kinder sollen nicht verschont worden sein. Dabei haben gerade die Dänen seit Jahrzehnten einen Ruf als ebenso leidenschaftliche wie faire Anhänger ihrer Nationalmannschaft.

Die Neigung mancher Engländer zu einem aggressiven, fremdenfeindlichen Chauvinismus scheint neu aufzuleben, wofür der Bestsellerautor und Fussballfan Nick Hornby auch den Brexit verantwortlich macht, den Austritt aus der Europäischen Union: «Er kam mit dem Referendum zurück. Das eine steht mit dem anderen absolut in Beziehung.»

Rassismus

Bukayo Saka wird von seinen Teamkollegen getröstet.
Bukayo Saka wird von seinen Teamkollegen getröstet.
Bild: keystone

Diesen «weissen» Nationalismus bekommen auch die drei Spieler zu spüren, die gegen Italien vom Elfmeterpunkt versagt haben. Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka sind schwarz und werden nun in einem Ausmass beschimpft, über das sich selbst Prinz William via Twitter entsetzt zeigte.

Ein neues Phänomen ist das nicht. Jeder schwarze Nationalspieler wurde mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert, seit Viv Anderson 1978 als erster das Trikot tragen durfte. Dabei müsste sich der Zorn gegen Coach Gareth Southgate richten, der den drei jungen Spielern (keiner ist älter als 23) diese unglaubliche Last aufgebürdet hat.

Rashford und Sancho wurden sogar eigens für das Penaltyschiessen eingewechselt. Was hat sich Southgate dabei gedacht, der 1996 an gleicher Stätte, wenn auch im «alten» Wembley, seinen Penalty im Halbfinal gegen Deutschland vergeigt hatte? Immerhin reagierten die oft ebenfalls chauvinistischen englischen Zeitungen fair auf die Niederlage.

Teilweise kam auch der gute alte englische Humor zum Zug, etwa beim Tweet der Royal Mail. Und die junge Mannschaft kann noch viel erreichen. Der Europameistertitel wäre für sie wohl zu früh gekommen. Wenn die Spieler und ihre Fans sich wieder auf das Fairplay besinnen, kann es gut kommen. Jetzt aber freue ich mich mit den Italienern.

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Die unglaubliche Penalty-Saga der Engländer

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Die unglaubliche Penalty-Saga der Engländer
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