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Zirkus: Der Balanceakt zwischen Hochleistungssport und Kunst

Die Artistinnen und Artisten des Circus Monti reisen dieses Jahr mit dem Programm «et Voilà!» durch die Schweiz.
Die Artistinnen und Artisten des Circus Monti reisen dieses Jahr mit dem Programm «et Voilà!» durch die Schweiz.

Zirkus – ein Balanceakt zwischen Hochleistungssport und Kunst

Während derzeit im belgischen Antwerpen die WM im Kunstturnen stattfindet, gibt es auch in der Schweiz akrobatische Höchstleistungen zu bewundern: Im Circus Monti trifft Muskelkraft auf Poesie. watson hat mit zwei Artisten über das Leben zwischen Kunst und Hochleistungssport gesprochen.
03.10.2023, 17:1103.10.2023, 19:15
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Menschen hantieren mit Werkzeug, schlagen riesige Zeltanker in den Boden, verlegen Kabel, tragen Gegenstände von A nach B. Was aussieht wie eine Baustelle, ist eigentlich auch eine Baustelle – aber eine der besonderen Art.

Die Mitarbeitenden des Circus Monti sind mitten in der «Montage», also dem Aufbau des gelb-roten Zirkuszeltes. Wenn sich die im August gestartete Tournee Ende November zu Ende neigt, werden sie diese Schwerstarbeit ganze zehn Mal verrichtet haben. Aufbau, Abbau, Aufbau – dieser wiederkehrende Ablauf ist so etwas wie der Soundtrack des Zirkuslebens und einer der Gründe, weshalb dieses Leben so besonders ist.

Inmitten dieser Geschäftigkeit steht Rosita Hendry, eine Frau, die mit ihrer schwarzen Sportkleidung nicht so recht in ihre bunte Umgebung zu passen scheint. Die Neuseeländerin ist dieses Jahr als Artistin mit dem Circus Monti unterwegs. Oder muss man sagen als Athletin?

«Während der Vorführung bin ich eine Künstlerin, wenn ich trainiere, bin ich eher Sportlerin».
Rosita Hendry
Rosita Hendry
Rosita Hendry studierte an der École Nationale de Cirque in Montreal.Bild: Katja Burgherr

Sie sei wohl beides, meint Rosita. «Während der Vorführung bin ich eine Künstlerin, wenn ich trainiere, bin ich eher Sportlerin». Rosita ist vor allem eines: vielseitig. Sie fährt Bahnfahrrad, dreht sich mit dem «Roue Cyr» um die eigene Achse, klettert am Vertikalseil empor, tanzt, spielt Theater und diverse Instrumente. Im Gegensatz zum Leistungssport, wo Erfolg und Spezialisierung Hand in Hand gehen, ist der Zirkus für sie ein Ort, wo sie alles gleichzeitig sein darf: Tänzerin, Akrobatin, Geschichtenerzählerin und Musikerin.

Auch der Akrobat Carlos Salmeron Serrano bewegt sich auf der imaginären Skala zwischen Artist-Sein und Sportler-Sein irgendwo dazwischen, war er doch früher als Gymnastikturner im spanischen Nationalteam aktiv. Als er eines Tages durch verschiedene Zufälle als Akrobat in einem Zirkus in Saudi-Arabien landete, merkte er, dass ihm diese Welt besser behagt als diejenige des Spitzensports. Seine Begründung ist doch eher überraschend: «Wir wurden dafür bezahlt, das zu machen, was wir lieben, da nahm das Ganze seinen Anfang.» Ist das grosse Geld also etwa gar nicht im Spitzensport zu finden, sondern im Zirkus?

Carlos Salmeron Serrano trainiert bis zu vier Stunden pro Tag.
Carlos Salmeron Serrano trainiert bis zu vier Stunden pro Tag.Bild: instagram, Carlos Salmeron Serrano

Die Antwort ist wohl «jein». Die meisten Zirkusartistinnen und -artisten verdienen sich mit ihrem Beruf natürlich keine goldene Nase, im Gegensatz zum Spitzensport hat der Zirkus aber den Vorteil, dass die Artistinnen und Artisten ein geregeltes Arbeitsverhältnis haben und, solange sie mit einer Kompanie unterwegs sind, jeden Monat denselben Lohn erhalten – das gibt eine gewisse Sicherheit.

«Wir müssen fit sein, auch um das Verletzungsrisiko zu senken.»
Carlos Salmeron Serrano

Irgendwo dazwischen

In der Manege ist Carlos – anders als in seinem früheren Leben in der Gymnastik – kein Einzelkämpfer. Seine Disziplin mit dem klingenden Namen «Banquine» wird nämlich im Team ausgeübt. Gemeinsam mit Adrian Alonso Garcia und Sara Gonzalez Soler trotzt Carlos den Gesetzen der Schwerkraft und lässt Schwieriges leicht aussehen.

Auch für Carlos manifestiert sich der Spagat zwischen Kunst und Sport insbesondere in der Gegenüberstellung von Training und Aufführung. «Wenn wir nicht mit einer Show unterwegs sind, trainieren wir etwa vier Stunden pro Tag. Wir müssen fit sein, auch um das Verletzungsrisiko zu senken», meint Carlos, dessen Körper sein Arbeitsinstrument ist. Während der Aufführung komme jedoch ein Element hinzu, das im Zirkus viel wichtiger sei als im Sport: das Publikum.

«Stellt man eine Gymnastikturnerin auf die Bühne, ist sie vielleicht technisch in der Lage, dieselben Dinge zu tun wie wir. Aber man wird merken, dass sie keine Artistin ist, weil vielleicht die Interaktion mit dem Publikum fehlt», erklärt Rosita. Im Zirkus geht es also nicht nur darum, Höchstleistungen zu erbringen. Viel wichtiger ist es, das Publikum abzuholen, es in die Show miteinzubeziehen und auch auf einer emotionalen Ebene zu berühren – ganz im Sinne der Kunst.

Schaut man Rosita zu, wie sie während der Aufführung am Vertikalseil jeden Muskel ihres Körpers beansprucht und dann plötzlich mit dem Akkordeon auf der Bühne sitzt, versteht man, was sie meint: Nicht die reine Physis ist entscheidend, sondern es geht auch darum, gemeinsam mit den anderen Artistinnen und Artisten für das Publikum eine neue Welt zu erschaffen.

Manchmal merke sie sogar während der Vorstellung, wie sie zwischen dem Künstlerinnenmodus und dem Hochleistungssportlerinnenmodus hin und her wechsle, erklärt Rosita: «Bei schwierigen Tricks muss ich mich jeweils extrem konzentrieren. Dann hilft es, das Publikum kurz auszublenden und mich ganz auf meinen Körper und die Bewegungen zu fokussieren.»

Immer in Bewegung

Draussen, vor dem kleinen Holzwagen, der als Interviewraum dient, wird noch immer gehämmert und gebohrt, sodass man die Worte des Gegenübers zeitweise kaum versteht. Das scheint Rosita und Carlos aber nicht zu stören, zu sehr haben sie sich bereits an das Zirkusleben gewöhnt, zu selbstverständlich ist für sie das geschäftige Treiben um sie herum. Wenn sie nicht gerade in der Manege sind, packen beim Circus Monti nämlich auch die Artistinnen und Artisten mit an – sie sind für den Auf- und Abbau der Bühne verantwortlich.

In diesem mobilen Mikrokosmos im Schachen findet man alles, was es zum Leben braucht: einen WC-Wagen, einen Duschwagen, einen Bürowagen, einen Küchenwagen und natürlich Wohnwagen, in denen die Artistinnen und Mitarbeitenden schlafen. Die Zeltstadt erinnert an ein Dörfchen auf Rädern. Und genau wie in einem kleinen Dorf kennt auch hier beim Circus Monti jede jeden. 65 Personen gehören zur Equipe, die von Stadt zu Stadt zieht: Artisten, Licht- und Tontechnikerinnen, Köche, Werbeverantwortliche, Musikerinnen und Handwerker, ein wild zusammengewürfelter Haufen an Menschen, die vier Monate gemeinsam auf engstem Raum verbringen.

Circus Monti
Das Zirkus-Dorf von oben.Bild: Circus Monti

Dieses unstete Leben auf wenigen Quadratmetern ist für Carlos und Rosita so etwas wie Freiheit. «Neuseeland ist so weit weg von allem. Man kann deshalb nicht einfach kurz irgendwo hinreisen», meint Rosita. Ihr Beruf ist für die Frau von der entlegenen Insel also gewissermassen ein Schlüssel zur grossen weiten Welt, ein Freipass zum Reisen. So romantisch das klingen mag, Rosita ist in erster Linie hier zum Arbeiten: «Manchmal beneiden mich die Leute, weil ich so viel reisen kann. Klar geniesse ich es, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, aber oftmals sehe ich gar nicht so viel von einem Ort, weil wir ja auch viele Shows haben», relativiert die Neuseeländerin.

«Ich bin nicht im Zirkus, weil ich im Sport keine Zukunft gehabt hätte, sondern weil ich es will.»

Sind Artisten gescheiterte Sportler?

Man kennt es beispielsweise aus dem berühmten Cirque du Soleil: Oftmals waren Artistinnen und Artisten vor ihren Karrieren im Zirkus im Spitzensport aktiv. Auch wenn man das Programmheft des Circus Monti durchblättert, stösst man auf einige Artistinnen und Artisten, die ursprünglich aus dem Leistungssport kommen. So muss man sich fast fragen: Ist der Zirkus etwa ein Auffangbecken für gescheiterte Sportlerinnen und Sportler?

Für diese These haben Rosita und Carlos nicht viel übrig. Carlos meint: «Ich bin nicht im Zirkus, weil ich im Sport keine Zukunft gehabt hätte, sondern weil ich es will. Hätte ich als Jugendlicher gewusst, dass es so etwas wie Zirkusschulen gibt, hätte ich schon früher damit angefangen.» Auch für Rosita ist der Zirkus kein Notnagel, sondern eine Leidenschaft. Die einzigartige Fusion aus physischen und theatralischen Elementen, wie sie im Zirkus praktiziert wird, fehlt ihr im Spitzensport. «Klar, bei uns gibt es weniger Konkurrenzdenken, weniger Wettkampf, aber das sehe ich als etwas Positives», fügt sie an.

Der Programm-Teaser der diesjährigen Show des Circus Monti.Video: YouTube/Circus Monti

Auch Rosita und Carlos wollen herausragende Leistungen zeigen, aber was herausragend bedeutet, ist im Zirkus weniger klar definiert als im Spitzensport. Das Publikum im Zirkus ist nicht mit der Jury an einem Gymnastikwettbewerb vergleichbar – während die Jury Perfektion verlangt, will das Publikum im Zirkus ganz einfach einen schönen Abend erleben – und das ist es auch, was Rosita und Carlos antreibt.

Tourneeplan Circus Monti
Bern, Allmend: 4. - 22. Oktober 2023
Solothurn, beim Baseltor: 25. - 29. Oktober 2023
Zürich,Kasernenareal: 1. - 26. November 2023
www.circus-monti.ch
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