«Eine bisweilen schwierige Persönlichkeit?» Leichtathletik-Trainer Kevin Widmer wiederholt zuerst ein wenig ungläubig die Frage, bevor er eine deutliche Antwort gibt: «Nein, das ist Timothé nicht. Er hat wohl einen starken Charakter, aber es ist sehr angenehm, ihn zu trainieren. Er ist sehr intelligent, äusserst gut organisiert und er lernt enorm schnell. Timothé gibt auch im Training vollen Einsatz. Wenn er rennt, will er gewinnen. Und doch ist er sehr hilfsbereit im Umgang mit den jüngeren Athleten.»
Und dann fügt der frühere Sprinter aus La Chaux-de-Fonds, der während 22 Jahren selbst Schweizer Rekordhalter über 200 Meter war, bevor ihn ein gewisser Alex Wilson entthronte, an: «Eigentlich ist unglaublich, was passiert ist. Dieser Athlet ist erst 21 Jahre alt.»
Wer also ist dieser Timothé Mumenthaler, der am Montagabend in Rom die ganze Leichtathletik-Welt mit seiner Leistung und seinem scheinbar mühelos dahingleitenden, filigranen Laufstil verblüffte? Welch Unterschied zu Kraftwürfel Alex Wilson, seinem tief gefallenen Vorgänger auf dem EM-Podest (Bronze an der EM 2018 in Berlin).
Der Sohn eines Genfers und einer Senegalesin ist im Genfer Vorort Onex aufgewachsen und fand wie so viele der heutigen Erfolgsgeneration vor zehn Jahren durch den UBS Kids-Cup zur Leichtathletik. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Colin hat sich für den Fechtsport entscheiden und dort in diesem Frühling WM-Bronze mit dem Schweizer Juniorenteam gewonnen. Der zweite Bruder Emile (17) soll im Sprint mindestens ebenso mit diesen aussergewöhnlich schnellen, explosiven Muskelfasern gesegnet sein wie Timothé.
Früh schon stellt sich dessen aussergewöhnliches Talent als Sprinter heraus. 2018 ist der damals 15-Jährige das jüngste Mitglied der Schweizer Delegation an den Youth Olympic Games in Argentinien. Doch seine sensiblen Muskeln machen das gesteigerte Training bald nicht mit, er muss in Folge mehrere Jahre lang immer wieder verletzungsbedingt aussetzen.
Vor drei Jahren wechselt der Student der Ingenieurwissenschaften an der EPFL in Lausanne zu Trainer Kevin Widmer bei Stade Genève. Dieser arbeitete mit ihm erfolgreich an einem angepassten Laufstil, welcher die hintere Oberschenkel-Muskulatur weniger stark beansprucht. Vor einem Jahr folgt die erste internationale Erfolgsmeldung: Bronze über 200 m an der U23-EM.
Timothé sagt zur Arbeit mit dem 54-jährigen Widmer: «Er ist ein grossartiger Trainer. Wir sind innovativ, Jahr für Jahr entdecken wir neue Trainingsmethoden, neue Möglichkeiten, meine Leistung zu verbessern. Die Arbeit zahlt sich aus.»
Und nun also diese Goldmedaille bei der Elite mit persönlicher Bestzeit und neuem U23-Europarekord von 20,28. Sein Auftritt in Rom ist extrovertiert. Vor dem Start symbolisiert er mit seiner Hand ein Telefon am Ohr. Was wollte er damit sagen? «Das war ein Geschäftsanruf an mich selbst. Es sollte mich daran erinnern, an diesem Abend meinen Job zu machen: Geh und erledige deine Arbeit. Hol dir den Titel. Das wollte ich damit aussagen.»
Timothé sagt von sich, wenn im Rennen der Startschuss falle, dann werde er «zum Gepard, der die Gazelle jagt.» Kevin Widmer lacht ab dieser Formulierung: «Timothé ist ein Winnertyp und dabei manchmal ein wenig extrovertiert.» Und der Trainer fügt an: Aber er ist eigentlich ein sehr sensibler Mensch. Ich glaube, seine extrovertierte Seite ist auch ein wenig Selbstschutz.»
Auf die Frage, ob er in Zukunft auch den Schweizer Rekord von Alex Wilson (19,98) angreifen könne, sagt Timothé Mumenthaler: «Diese Marke verdient es, verbessert zu werden. Ich sage das sehr, sehr nachdrücklich. Wir wissen, was Alex getan hat und ich kann das in keiner Weise gutheissen. Auch deshalb möchte ich diese Zeit verbessern. Ich denke, dass der Rekord in den nächsten Jahren kommen wird.»
Stolz ist der 21-Jährige aber nicht nur auf seine Leistung und die Bronzemedaille von Teamkollege William Reais, sondern auf die gesamte junge Generation von Schweizer Sprintern. Am Abend seines grossen Triumphs nennt den Namen eines 16-Jährigen aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft in Onex.
«Ich möchte Akira Eghagha erwähnen. Er ist sehr stark. Wir haben eine starke Generation von Sprintern in Genf, der Romandie und der gesamten Schweiz am Start. Es ist cool.» Eghagha gewann im letzten Jahr als erster Schweizer Leichtathlet Gold an der Jugend-Olympiade – selbstverständlich über 200 m.
Doch sprechen wir zum Schluss nochmals über den Held des Tages, über Timothé Mumenthaler. Wie würde er sich selbst charakterisieren: «Ich bin ein junger Mensch, der hungrig nach grossen Meisterschaften ist, der ehrgeizig und motiviert ist, der grosse Herausforderungen mag und der gerne Menschen inspiriert.» Das ist ihm in Rom gelungen.