Wie eine etwas zersauste, ein wenig struppige Version von Roger Federer. So wirkt Stan Wawrinka nach seinem Sprint-Sieg (6:1, 6:1) gegen den 14 Jahre jüngeren Pawel Kotow, die Nummer 62 der Welt.
Ein Match war es nicht. Eher eine Machtdemonstration. Nach der Formel: den Sieg geplant, den Sieg gewollt, den Sieg geholt. Mit präzisem Powertennis. Gleich der erste Matchball wird «versenkt». Ziemlich genau 50 Minuten dauert die Vorstellung. Weniger lang als sein Flug von Genf nach Paris.
Im März ist Stan Wawrinka 39 Jahre alt geworden. Die olympischen Erwartungen waren nicht hoch. Eigentlich ist schon das Überstehen der 1. Runde ein Erfolg. Es hätte im Lichte der untergehenden Sonne sein letzter Tanz auf dem Gelände von Roland Garros werden können.
Vielleicht ist der Grund für die grandiose Vorstellung das Wissen um diese allerletzte Chance auf dem berühmtesten Tennis-Platz Frankreichs. Als ob er beschlossen habe, aufrecht in die Abendröte seiner Karriere zu reiten.
Im Unterschied zur Niederlage beim French Open in der 2. Runde auf dem gleichen Gelände und gegen den gleichen Gegner habe er sich darauf konzentriert, von allem Anfang an aggressiv aufzutreten und den Gegner unter Druck zu setzen. Genau das hat Stan Wawrinka getan.
Wenn es denn im Tennis, diesem edlen und eleganten Wettstreit zulässig ist, von «Biss» zu reden, dann in diesem Fall. Als der taumelnde Pawel Kotow – ein neutralisierter Russe – nach dem ersten Satz ein medizinisches Time-Out nimmt um zu verschnaufen, sich den Arm massieren zu lassen und wohl auch, um den Rhythmus des entfesselten Gegners zu brechen, schlägt Wawrinka, jetzt ganz «Stan the Man», mit dem Racket heftig Luftlöcher.
Es wirkt, als würde er mit den Fäusten auf die Brust trommeln. Mit jeder Faser seines Wesens signalisiert er seinem Widersacher: Ich bin parat. Oder fast schon: Ich bin böse. Nun wirkt er charismatisch. Nicht mehr handgestrickt. Er wird vom Publikum mit rhythmischem Klatschen und «Olé»-Sprechhören gefeiert.
Keine Frage: Es ist ein Heimspiel. Die Franzosen mögen den diesen für Tennisverhältnisse ein bisschen knorrigen Waadtländer, der ein wenig an einen Tristan Scherwey in kurzen Hosen mahnt.
War es sein beste Spiel des Jahres 2024? «Nein, aber der leichteste …», meint Wawrinka. Er sei fit. Was bei seinen vielen Blessuren in den letzten Jahren nie mehr selbstverständlich war. Der Sieg sei wichtig für sein Selbstvertrauen.
Wie weit kann der Doppel-Olympiasieger mit Roger Federer von 2008 und olympische Fahnenträger von 2012 hier kommen? Ist der Sieger von drei Grand-Slam-Turnieren (Australien, US Open, Roland Garros) auferstanden? Haben wir endlich, endlich wieder den wahren Stan Wawrinka gesehen? Auf die Frage reagiert er mit Ironie und Humor: «Ich bin immer der wahre Stan Wawrinka. Jeden Tag und was auch immer sein mag.»
In keinem anderen Sport rostet der Ruhm so langsam wie im Tennis. Nostalgie ist ein wunderbarer Teil der Tennis-Kultur. In der Götterdämmerung einer Karriere gibt es für die alternden Helden eine Wild Card, um doch noch ins Turnier zu schlüpfen. Einst war Stan Wawrinka die Nummer 3 der Welt. Jetzt ist er noch die Nummer 109. Das hätte nicht für eine Olympia-Qualifikation gereicht. Vergangener Ruhm hat ihm eine Wild Card beschert.
Den grandiosen Auftritt hat sicherlich auch Roger Brennwald, der Besitzer der Swiss Indoors, mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Er bezahlt Stan Wawrinka im Herbst für den Auftritt beim Turnier in Basel exakt 100'000 Franken Antrittsgage und ein allfälliges Preisgeld kommt dann noch obendrauf.
Mit einer Darbietung wie gegen Pawel Kotow wird Stan Wawrinka jeden Rappen der 100'000 Franken wert sein.